Kultur
Heidi Maria Glössner spielte Dürrenmatts «alten Dame» – Sie hat sich erst spät mit dem provokanten Werk versöhnt

Die Grande Dame des Schweizer Theaters, Heidi Maria Glössner, 77, verkörperte die alte Dame im Kultfilm «Die Herbstzeitlosen», und sie war Dürrenmatts «Alte Dame» 2014 in St. Gallen.

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Heidi Maria Glössner spielte 2014 im Theater St.Gallen die Claire Zachanassian in Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame». Wolfgang Krassnitzer (links) spielte den Alfred Ill.

Heidi Maria Glössner spielte 2014 im Theater St.Gallen die Claire Zachanassian in Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame». Wolfgang Krassnitzer (links) spielte den Alfred Ill.

Tine Edel / Theater St. Gallen

Ich habe mich mit Dürrenmatts Theaterstücken, ihren oft extrem grotesken, holzschnittartigen Figuren, immer etwas schwergetan, weil mir die sensible, psychologisch feinsinnige Art von Theater lieber ist, wie wir sie zum Beispiel von Anton Tschechow oder Arthur Schnitzler kennen. Es brauchte deshalb mehrere Anläufe, bis man mich am Theater St. Gallen 2014 überzeugen konnte, die Rolle der Claire Zachanassian in «Der Besuch der alten Dame» zu übernehmen, diese Milliardärin, die sich an ihrem Heimatort Güllen rächt und den Kopf ihres ehemaligen Liebhabers fordert.

Erst ein Gespräch mit einem befreundeten Regisseur machte mir die grosse Tragik, die dieser Liebesgeschichte innewohnt, bewusst. Wenn die Güllener immer noch so käuflich sind wie damals, als sie die junge schwangere Claire aus der Stadt jagten, sie also den Tod von Alfred Ill in Kauf nehmen, um an das versprochene Geld zu kommen, dann wird Claire am Ende neben ihrem toten Alfred im von ihr gebauten Mausoleum liegen wie Julia neben Romeo in der Gruft, denn er bleibt bis zu ihrem Lebensende die einzige grosse Liebe.

Unter all den grotesken Einfällen des Stücks hatte ich diese wesentliche Aussage nicht begriffen. Damit konnte ich etwas anfangen. So habe ich mich mit dem Stück versöhnt.

Heidi Maria Glössner Schweizer Schauspielerin

Heidi Maria Glössner Schweizer Schauspielerin

Dominik Wunderli

In gewisser Weise war ich ja auch eine Claire. Ich bin in St. Gallen aufgewachsen und kehrte Jahrzehnte später hierher zurück. In einem Zuschauergespräch habe ich einmal ironisch gesagt: «Ich komme zwar zurück nach Hause, aber ich werde niemanden umbringen.» Ich hatte während der Proben ja eine riesige Freude, wenn ich morgens aus dem Bus stieg und meine alte Kantonsschule sah.

Leider war die Akustik im St. Galler Stadttheater fürs Schauspiel sehr schwierig. Ich musste als Claire extrem laut sprechen, was mir plakativ erschien. Ich habe versucht, es damit zu entschuldigen, dass Claire halt einfahren müsse. Später haben mir die Kassenfrauen erzählt, das Abonnentenpublikum sei überglücklich, weil es zum ersten Mal ein Stück akustisch von A bis Z verstanden habe. Dürrenmatts Vorliebe für die Übertreibung hat also auch ihr Gutes.

2012 hatte ich in Bern in der Romanadaption «Der Richter und sein Henker» Bärlachs Widersacher Gastmann gespielt. Das war eine sehr abstrakte, schräge Inszenierung. Trotzdem lief sie super. Immer ausverkauft, bis unters Dach. Wie überhaupt jeder Dürrenmatt in der Schweiz ein Selbstläufer ist. Wir Schweizer können stolz auf ihn sein. Meinem US-amerikanischen Schauspielkollegen Harvey Keitel habe ich während der Dreharbeiten zu Paolo Sorrentinos Film «Ewige Jugend» die englische Version der «Physiker» geschenkt. Ich fand, dass er neben der Kamera immer aussah wie ein Albert Einstein. Er hat sich unglaublich gefreut.

Meine ersten Dürrenmatt-Inszenierungen erlebte ich als Schauspielschülerin in den 1960ern. Irgendwie wirkten seine Arbeiten damals frischer – man spielte zu jener Zeit auch viel Bertolt Brecht, war sich dieses epische Theater gewöhnt, das die Zuschauer bewusst auf Distanz hielt, sie nicht psychologisch vereinnahmen wollte. Ich erinnere mich an den «Meteor» (1966) in Zürich, an «Play Strindberg» (1968) und auch an «Die Wiedertäufer», die 1967 in Zürich uraufgeführt wurden, sowie an ­«Achterloo». Wo werden diese Stücke heute noch gespielt?

Dürrenmatt ist ohne Zweifel ein grossartiger Erzähler, ein überaus gescheiter, auch überaus sinnlicher Mensch, der gern ass und trank! ­Maximilian Schell, unser Schweizer Oscarpreisträger, war sehr befreundet mit ihm und hat köstliche Geschichten von ihm erzählt. Und zwei Jahre nach Dürrenmatts Tod habe ich seinen Freund, den Wirt und Galeristen Hans Liechti, kennen gelernt. Er erzählte mir, wie Dürrenmatt spätabends jeweils mit sechs bis acht Flaschen Bordeaux in den ­Taschen seines riesigen Regenmantels zu ihm gekommen sei. Morgens um sechs waren alle Flaschen leer. Ja, ich hätte Dürrenmatt gerne ­kennen gelernt. Er hatte etwas ­Saftiges, das gefällt mir an einem Menschen.

Dürrenmatt an der Premierenfeier zu «Frank der Fünfte» 1959 mit Therese Giehse (links) und Maria Becker.

Dürrenmatt an der Premierenfeier zu «Frank der Fünfte» 1959 mit Therese Giehse (links) und Maria Becker.

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