Literatur
Bernhard Schlinks neuer Roman ist eine Heilkur für Neonazis

In «Die Enkelin» schreibt der deutsche Autor Bernhard Schlink über völkischen Fanatismus. Er macht das sehr human, sein Held übt sich in einer geduldigen Aufklärungshaltung. Literarisch hat das Buch Schwächen.

Hansruedi Kugler
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Vorbild für Bernhard Schlinks Roman: Das ostdeutsche Dorf Jamel, in dem sich eine radikale völkische Gruppierung breitmacht.

Vorbild für Bernhard Schlinks Roman: Das ostdeutsche Dorf Jamel, in dem sich eine radikale völkische Gruppierung breitmacht.

Darf man einen Erziehungsroman so didaktisch erzählen, wie das Bernhard Schlink in seinem neuen Roman macht? Literarisch kann das einen verdriessen, weil der Hauptteil trotz erzählerischer Eleganz wie ein Fallbeispiel aus der Sozialarbeiterausbildung wirkt. Aber wenn die Absicht ehrenwert scheint? Schliesslich erzählt Schlink den Versuch eines älteren Berliner Buchhändlers, die 14-jährige Sigrun aus ihrem radikalen völkischen Milieu im Osten Deutschlands zu lösen. Dort, wo der Holocaust geleugnet und über die Wiedergeburt eines arischen Deutschlands auf dem Land fantasiert wird.

Bernhard Schlink.

Bernhard Schlink.

Bild: Leonardo Cendamo / Hulton Archive

Solche Dörfer gibt es tatsächlich. Die Landflucht hinterlässt leere Bauernhäuser, die nun eines nach dem anderen aufgekauft werden. Schlagzeilen machte zum Beispiel Jamel. «Dorfgemeinschaft Jamel – frei – sozial- national» wurde vor einigen Jahren auf ein Wandbild am Dorfeingang gemalt. Einige Meter weiter ein Wegweiser, der unter anderem die Entfernung nach Braunau, Hitlers Geburtsort, anzeigt. Es ist wahrlich zum Gruseln.

Sein Rezept: Zuhören und reden gegen Fanatismus

Mit Aufklärungsliteratur gerät Schlink nun ins Dilemma engagierter Literatur: Mehr gut gemeinte Mission, weniger Literatur? Mehr Schulbuchweisheit, die alles erklärt, weniger offenes Erzählen? Aber Respekt: Wo viele nur den Kopf schütteln über hanebüchene Geschichtsverdrehung, sucht Schlink eine grosse gesamtdeutsche Erklärung für das Aufkommen nationalistischer Fantasien bei den Neuen Rechten. Und plädiert mit seiner Hauptfigur für Mitgefühl, für die geduldige Kraft der historischen Aufklärung und das sanfte Öffnen der Herzen über die Musik. Über Deutschland hinaus entwirft er hier auch eine Heilkur für jedwelche Sekten.

Bernhard Schlink: Die Enkelin. Roman. Diogenes, 368 S.

Bernhard Schlink: Die Enkelin. Roman. Diogenes, 368 S.

Der Roman beginnt wie ein spannender Eheroman: Birgit und Kaspar, 40 Jahre kinderlos verheiratet, sie Alkoholikerin, er ein sanfter, ordentlicher Buchhändler. Betrunken ertrinkt sie in der Badewanne und hinterlässt ein geheimes, unfertiges Romanmanuskript. Darin erst erfährt Kaspar, dass Birgit vor ihrer Flucht aus der DDR zu ihm nach Berlin ihr Neugeborenes weggegeben hat. Ihre Angst vor der Suche, ihre Angst vor der Konfrontation lasteten offenbar lebenslang zu schwer auf ihr.

Der überrumpelte Kaspar macht sich auf die Suche nach Birgits Tochter, die nach Jahren bei Adoptiveltern, Heimen, Drogensucht und Skinheadgewalt im völkischen Milieu jenen Familienzusammenhalt findet, der ihr das Leben gerettet hat – und eine Tochter hat. Schlink skizziert Kaspar als geduldigen, sanften Lehrer mit Selbstzweifeln, der mit der Kraft des Redens und Fragens den dünnen Faden der Verbindung zu dieser «Enkelin» Sigrun nicht abbrechen lassen will. Es ist eine Gratwanderung. Denn Sigrun ist nicht nur ein fröhlicher Teenager, der gerne mit Katzen spielt und kuschelt, sondern auch eine fanatische Streberin.

«Er wollte hoffen, solange sie Klavier spielte»

Schlink stellt seiner Hauptfigur, dem alten Buchhändler Kaspar Wettner, eine Herkulesaufgabe: Wie kann er einen Teenager aus der elterlichen Indoktrination lösen? Einen Teenager, der Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess und die grausame KZ-Aufseherin Irma Grese, die nach dem Krieg hingerichtet worden ist, als seine Helden bezeichnet? Eine 14-Jährige, die Picassos Gemälde «entartet» nennt, die Juden verachtet, nur deutsche Musik hören will und ihr Leben der völkischen Revolution widmen will? Er versucht es mit einer bildungsbürgerlichen Rosskur: Mit der «Zauberflöte», Sinfonien von Brahms und Klavierunterricht: «Er wollte hoffen, solange sie Klavier spielte.» Dieser Glaube an die heilende Kraft der Kultur wirkt hier wie eine melancholische Utopie. Gerne würde man daran glauben.

Ein sehr deutsches Buch über verschwiegene Schuld

Bernhard Schlink zählt ohnehin seit seinem phänomenalen Geschichtsdrama «Der Vorleser» zu den klügsten und renommiertesten Autoren Deutschlands. In «Der Vorleser» entliess er die beiden Hauptfiguren als gebrochene Menschen und überliess die Leser einem unlösbaren Dilemma. Man bewunderte gerade in der anhaltenden Verstörung der Figuren eine angemessene Form für die traumatische Nazi-Bewältigung.

«Die Enkelin» hingegen endet mit einem halben Happy End und einer leichten Melancholie. Dies, nachdem Schlink in einer literarischen Kurzschlusshandlung die völkisch-nationalistischen Luftschlösser und die Gewalt von Neonazis als Reflex auf die Diktatur in der DDR darstellt, gekoppelt an den Hass auf Kapitalismus, Migration und Globalisierung sowie die Sehnsucht von Heimkindern nach einer intakten Familie. Dass die Figuren druckreif reden und sich dabei kaum unterscheiden, schwächt den literarischen Wert dieses Romans.

Insgesamt ist «Die Enkelin» ein sehr deutsches Buch, in dem verschwiegene Schuld geduldig und aufklärerisch abgetragen wird. Man sollte dieses humanistische Buch unbedingt lesen, ihm aber zum Beispiel Juli Zehs Roman «Über Menschen» an die Seite stellen, der die aktuellen Rechtsnationalen weniger holzschnittartig beschreibt.

Bernhard Schlink: Die Enkelin. Roman. Diogenes, 376 S.

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