Kunst

«Here’s the Answer, What’s the Question?»: Künstlerin Sofia Hultén im Museum Tinguely

Die Frau, die mit Werkstoffen philosophiert: Das Museum Tinguely zeigt die erste umfassende Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Sofia Hultén.

Sofia Hultén schleift, sägt und schraubt, zerschlägt, baut auf und ordnet die Dinge wieder neu. Dann renoviert sie eine alte, grüne Kommode mit grosser Sorgfalt, um sie darauf wieder mit Farbe, Wachs und Fusstritten in ihren ramponierten Zustand zurückzuversetzen. Oder sie zermahlt Spanplatten und presst sie wieder in ihre frühere Form. Ihre Materialien sind Alltagsgegenstände, meist aus Holz oder Metall, die sie sammelt oder zufällig findet: auf der Strasse, in aufgegebenen Werkstätten und Containern.

Werkzeugkasten und Mantra

Einmal ist sie auf einen kompletten Werkzeugkasten gestossen, mit allem, was dazugehört an Materialien, Bau- und Ersatzteilen, Schrauben und Nägeln, die sich mit den Jahren angesammelt haben. Die über tausend Stücke hat sie in einem längeren Video («Past Particles») einzeln gefilmt. Nun projiziert sie sie auf eine grosse Leinwand. Obwohl für sie nicht mehr klar ist, welche Funktion all diese Teile erfüllt haben, habe sie sich bei der Arbeit das Mantra vorgesagt: «Alles ist wichtig, alles zählt.» Die Videoinstallation lädt angesichts der Teile, die vor dem Auge vorbeiziehen, zum Verweilen ein – und zum Meditieren.

Die 1972 in Stockholm geborene Sofia Hultén – bei der Besichtigung im Museum Tinguely mit dunkel-braun-strengem Pagenschnitt und in Schwarz gekleidet – ist in der britischen Industriestadt Birmingham aufgewachsen, lernte Bildhauerin und lebt seit rund 20 Jahren in Berlin. Mit ihren in den letzten zehn Jahren entstandenen Arbeiten in der Ausstellung lässt sie die Gegenstände um uns herum als beweglich erscheinen – indem sie Elemente aus dem täglichen Leben infrage stellt und verändert.

Das Rätsel der Zeit

Die Welt ist für die Künstlerin mysteriös, absurd und zufällig, sagt sie – die Realität müsse daher nicht unbedingt so sein, wie sie ist. Konstant sei nur die Abnützung, der Zerfall – und das Rätsel der vergehenden Zeit: ihr Beschleunigen und Verlangsamen, die vergeblichen Versuche, die Uhr zurückzudrehen. Nicht immer ist klar, welches Ursache und Wirkung ist, und manchmal bewegt sich etwas trotz Stillstand. So stellt Hultén in ironischer Art kausale Handlungsketten infrage, etwa indem sie in einen Apfel beisst, noch bevor sie ihn ausgepackt hat («Nonsequences»). Mehrere Versionen von Realität zeigen sich auch in einer Installation («History in Imaginary Time»), in der dieselben wenigen Gegenstände immer wieder anders gruppiert sind.

«Ich erinnere mich an die TV-Komödien meiner Kindheit, in denen einfache Handlungen ein wenig anders angeordnet waren – was immer wieder in die besten Katastrophen führte», erzählt die Künstlerin. Auch Rekonstruktionen von Kriminalfällen seien für sie ein spannendes Thema: Wie hat es zu einer Tat kommen können und wäre alles bei einer minimen Veränderung anders ausgegangen? Eine solche mögliche Kriminalgeschichte deutet sie in der Videoinstallation mit Tisch, Tasse, Pullover und einem Schlüsselbund an.

Muster für Maschinen

Hulténs Installationen und Videos wirken ebenso spielerisch und humorvoll wie hintergründig. Bei aller Nüchternheit bezieht sie sich oft auf bestimmte, nicht unbedingt populäre Theorien – aus der Quantenmechanik, der Computerwissenschaft, der Philosophie, aber auch aus der Welt von Science-Fiction und Popkultur.

So setzt sie in der Serie «Pattern Recognition» ein Werk des russischen Informatikers Mikhail Bongard um: Dieser hatte in den 1960er-Jahren Muster für intelligente Maschinen entworfen, die bestimmte Gegensätze darstellen. Solche visuellen Muster zeigt die Künstlerin nun mit gefundenen Werkzeugen und Teilen davon, die auf Werkstatt-Lochwänden stecken. Als Mensch und Museumsbesucher darf man vor den Objekten gerne mitraten.

Damit wird auch der zunächst etwas rätselhafte Titel der Ausstellung «Here’s the Answer, What’s the Question?» klarer: Er spielt nicht nur auf die Quizshow «Jeopardy!» an, bei der man eine passende Frage auf eine vorgegebene Antwort formulieren muss. Sondern auch, wie sich Bildmuster überhaupt erkennen und miteinander vergleichen lassen. Den Titel könnte man aber auch als direkte Aufforderung der Künstlerin an ihr Publikum verstehen: Hier sind meine Arbeiten – könnt ihr erraten, welche Frage(n) ich mir dabei gestellt habe?

Sofia Hultén «Here’s the Answer, What’s the Question?» Bis 1. Mai 2018, Museum

Tinguely, Basel. Zur Ausstellung ist in Kooperation mit der Ikon Gallery in Birmingham ein Katalog erschienen. www.tinguely.ch

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