Neuerscheinung

Hunkeler kränkelt in seinem neunten Fall – seine Spürnase nicht

Alt, mürrisch – aber wahrhaft kein Kostverächter: Kommissär Hunkeler (Matthias Gnädinger, l.) in Aktion.Lukas Unseld/SRF

Alt, mürrisch – aber wahrhaft kein Kostverächter: Kommissär Hunkeler (Matthias Gnädinger, l.) in Aktion.Lukas Unseld/SRF

Nach fünf Jahren Pause erscheint der neue Hunkeler. Autor Hansjörg Schneider erzählt darin ein Kapitel Basler Geschichte.

Es knarzen die Knie, es lichtet sich das Haupthaar, es knurrt der Kommissar. Das ist Gesetz. Zumindest in der gehobenen Schweizer Kriminal-Literatur. Kein charmanter Dandy à la James Bond kann hierzulande dem Typ «bärbeissiger Alter» das Wasser reichen. Sie fragen sich warum?

Der pensionierte Kommissär Hunkeler würde sich am Kinn kratzen, in die elsässische Landschaft schauen und über die guten alten Zeiten sinnieren.

Denn: Das war schon in den 1930er-Jahren so, als Glauser seinen Wachtmeister Studer erdachte. Es war auch in den 1950er-Jahren nicht anders, als Dürrenmatt seinen Kommissär Bärlach in die Schreibmaschine tippte. Und das ist 2015 noch so, wenn beim sanften Klackern von Hansjörg Schneiders Computertastatur das neue Buch entsteht: rund um Kommissär Hunkeler – einen bärbeissigen Alten, wie er im Buche steht.

Davon gibt er bereits nach wenigen Seiten eine Kostprobe, als er – von einer Koryphäe an der Prostata operiert, eben aus der Narkose erwacht, zum behandelnden Arzt sagt: «Man hat mir den Bauch aufgeschnitten. (…) Wissen Sie, was ich normalerweise mit so einem Kerl machen würde, der mir so was antut?» Auch seinen Zimmernachbar, einen ehemaligen Bankdirektor, versucht er mit den unmissverständlichen Worten «Sie nerven» zum Schweigen zu bringen.

Hunkeler als Augenzeuge

Dass Hunkeler im Spital liegt, bringt den Fall erst ins Rollen. Denn eines Nachts trägt die Nachtschwester ein anderes Parfüm. Und sobald sie Hunkeler schlafend wähnt, rammt sie dessen todkrankem Zimmernachbarn eine Spritze in den Bauch. Am Morgen ist erstens der Nachbar tot und zweitens Hunkeler unsicher, ob er die Sache nur geträumt hat. Doch als innert kurzer Zeit mehrere Kadermitarbeiter von Basler Banken ermordet werden, wird immer klarer: Hunkeler mag kränkeln – seine Spürnase tut es nicht.

Also folgt er ihr und seiner Ahnung. Dabei kommt dem abgebrühten Kommissär sein Alter und damit die viel beschworene Weisheit zugute. Während nämlich seine Nachfolger (allen voran der ehrgeizige Madörin) stur das Abc der Polizeischule vor sich hin deklinieren und sich damit immer weiter auf eine falsche Fährte begeben, vertraut der alte Kommissär auf seinen Instinkt.

Und sogar der notorisch abwesende Charme von Hunkeler hat einen hehren Hintergrund: Wer gerecht ist, kann nun mal nicht zu allen nett sein. Dafür sich umso vehementer einsetzen für Menschen, an die sonst niemand glaubt. Also versteckt im neuen Buch «Hunkelers Geheimnis» ausgerechnet der ehemalige Polizist einen polizeilich gesuchten Kunstmaler – schlicht und einfach, weil er von dessen Unschuld überzeugt ist. Manch ein Krimi-Fan fühlt sich dabei erinnert an Glausers Wachtmeister Studer, der seinerzeit alle Hebel der polizeilichen Maschinerie in Bewegung setzte, weil er als Einziger an den vorbestraften Erwin Schlumpf glaubte. Und tatsächlich schält sich auch bei Hunkeler hinter dem Aufruhr um die toten Banker eine andere Wahrheit heraus. Eine, die tief in die Vergangenheit weist und die Folgen der Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg aufzeigt. Ein Schneider-Krimi mit Witz, Lebensweisheit und einer Prise Geschichte. Oder hat hier jemand «bärbeissig» gesagt?

Hansjörg Schneider «Hunkelers Geheimnis. Der neunte Fall». Diogenes, 199 S., Fr. 31.90

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