Hansjörg Schneider

«Hunkeler war Gnädinger»: Wie geht es weiter mit dem Kommissär?

Hansjörg Schneider: «Man wird vom Revoluzzer plötzlich zum Wahrer der Werte.»

Hansjörg Schneider: «Man wird vom Revoluzzer plötzlich zum Wahrer der Werte.»

Autor Hansjörg Schneider hat den neunten Fall von Kommissär Hunkeler veröffentlicht. Dass der so populär ist, sei vor allem das Verdienst des verstorbenen Schauspielers Matthias Gnädinger.

Kommissar Hunkeler ist vor fünf Jahren in Pension gegangen. Jetzt erscheint sein neuer Fall. Wer konnte das Ermitteln nicht lassen: Sie oder er?

Hansjörg Schneider: Ich schreibe schon sehr gerne Hunkeler-Romane. Er ist im Übrigen ein Kommissär. In der Schweiz heisst das so.

Ich dachte, das sei Berndeutsch, danke. Also: Neben dem Kommissär spielt auch die Stadt Basel eine Hauptrolle. Was fasziniert Sie so an dieser Stadt?

Hunkeler ist wie ich kein waschechter Basler, sondern ursprünglich Aargauer. Aber wir kennen Basel und seine Umgebung gut. Das Dreiländereck ist ein wunderbares Gebiet. Und eines, das wenig beschrieben ist. Es gibt keine grossen Basler Romane, wie es Zürcher und Berner Romane gibt.

Im neuen Buch geht es um Basels Rolle im Zweiten Weltkrieg. Kann die Schweiz noch heute von dieser Stadt lernen?

Man lebt in Basel mit dem Elsass und dem Markgräflerland zusammen. Es ist ein kleines Europa. Aber da ist noch etwas: Im Zweiten Weltkrieg hat die Stadt eine liberale Flüchtlingspolitik betrieben. Die Grenzwacht unterstand dem Bund und hatte den Auftrag, alle Juden zurückzuschicken. Doch der Vorsteher der Basler Polizei, Fritz Brechbühl, gab Weisung, die Flüchtlinge auf den Polizeiposten im Lohnhof zu schicken, statt sie zurückzuweisen. Oder zumindest alle Dossiers über seinen Tisch laufen zu lassen. So wurden viele Flüchtlinge gerettet.

Das erinnert an heute, wo die Schweiz erneut über Flüchtlingsströme diskutiert …

Natürlich gibt es Parallelen. Und selbstverständlich muss man Flüchtlingen – und seien es Armutsflüchtlinge – helfen. Aber die Menschen, die vor und während des Zweiten Weltkriegs kamen, waren handfest bedroht an Leib und Leben. Wenn sie zurückgeschickt wurden, warteten die SS und die Gestapo auf sie. Ich würde es nicht gleichstellen. Die Flüchtlinge von heute, das hat etwas von einer Völkerwanderung.

Sie und Hunkeler sind gleich alt. Spricht aus dem Kommissär auch der Autor?

Hunkeler ist eine Art Doppelgänger von mir. Ich könnte zwar nie Polizist sein, habe ihm aber viel von meinen Gedanken mitgegeben. Und jetzt bin ich halt alt und er auch.

Im neuen Buch versucht er, seiner Enkelin alte Werte zu vermitteln ...

(Lacht.) Das ist so im Leben, dass man plötzlich vom Revoluzzer zum Wahrer der Werte wird. Da muss Hunkeler drüber lachen – ich eigentlich auch.

Sie und Hunkeler kennen einander über 20 Jahre. Was mögen Sie an ihm?

Ich hatte beispielsweise ein Haus im Elsass, das habe ich längst verkauft. Doch Hunkeler kann ich immer noch dorthin schicken. Das ist schön. Literatur ist auch Erinnerung und eine Idealisierung der Vergangenheit.

Stichwort «Vergangenheit»: In Ihren Romanen schwelt die Schweizer Geschichte oft unter der wohlhabenden Fassade …

Geschichte hat mich schon immer interessiert. Aber ich glaube nicht, dass es schwelt. Heute ist die Schweiz meiner Meinung nach das Paradies. Die Leute sind freundlich, alles ist gut organisiert, das Wasser ist sauber. An einem schönen Sommertag ist ganz Basel ein Strandbad. Ich verstehe gut, dass Menschen aus kaputten afrikanischen oder asiatischen Staaten hierherkommen wollen.

Ich zielte eher auf die unerwartete Auflösung des Romans.

Ach so. Ich habe den Krieg als Kind erlebt. Damals hat sich die Schweiz durch ihre Flüchtlingspolitik wirklich mit Schande bedeckt. Das war der Hauptgrund, dieses Buch zu schreiben. Es weiss ja fast keiner, dass die Basler Flüchtlingspolitik so anders war.

Mathias Gnädinger in «Der letzte Fall – Hunkeler tritt ab» (Ausschnitt)

Mathias Gnädinger in «Der letzte Fall – Hunkeler tritt ab» (Ausschnitt)

Es gibt heute keinen Schweizer Kommissär, der so bekannt ist wie Hunkeler.

Manchmal hat man Glück, manchmal Pech. Dass Hunkeler so populär ist, war vor allem auch das Verdienst von Matthias Gnädinger.

Wird es nach Gnädingers Tod einen neuen Hunkeler geben?

Das Drehbuch für den neuen Film war fertig, als er starb. Markus Fischer (der Produzent) und ich haben das inoffiziell diskutiert. Und es ist so: Hunkeler war Gnädinger.

Dann ist der Film-Hunkeler tot, während der Buch-Hunkeler weiterlebt?

Ich denke tatsächlich an einer neuen Geschichte herum. 

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