Im neuen Song «Spiegel» mit Xavier Naidoo setzen Sie der Welt den Spiegel vor? Was ist das grösste Problem?

Bligg: Gier. Das endlose Streben nach Glück und Geld, nach ewiger Jugend. Die Reizüberflutung. Die Jugend wird mit perversester Pornografie konfrontiert. Umweltkatastrophen und und und und. Die Liste ist endlos. Das grösste Problem ist der Mensch.

Ihr Grossvater kommt aus Italien, Sie haben das auch in einem Song thematisiert. Verstehen Sie die Überfremdungsängste der Schweizer und Schweizerinnen?

Die Schweiz ist ein bunter Mix, mit ihren vier Landessprachen ist sie ein multikulturelles Gebilde. Sie hat auch immer wieder von der Einwanderung profitiert: wirtschaftlich und kulturell. Man kann nicht Spaghetti essen und gegen die Italiener schimpfen. Aber ich verstehe den Familienvater, der Angst vor Jobverlust hat, weil ein Ausländer seine Arbeit halb so günstig macht. Wenn unser soziales System die Migration nicht mehr tragen kann, sollte eine Grenze gesetzt werden.

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Musik ist meine Leidenschaft, mein Leben. Aber die wahren Werte sind Freundschaft und Familie. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, war ganz unten, habe mit 2000 Franken pro Monat gelebt und mich hochgearbeitet. Heute kann ich mir einiges leisten. Meine Werte sind aber die gleichen geblieben.

Sie haben mit «0816» viel Geld verdient. Was haben Sie damit gemacht?

Ich habe auch über zehn Jahre in diesen Erfolg investiert. Und zum Start meiner Karriere hatte ich 30000 Franken Steuerschulden. Dazu reinvestiere ich das verdiente Geld immer wieder in mein nächstes Projekt. Mein Geld steckt in meiner Firma. «BART ABER HERZLICH» ist mein mit Abstand teuerstes Projekt – mein persönliches Avatar. Schliesslich wollen wir unseren Fans etwas bieten.

Leben Sie luxuriös?

Nein, eher bescheiden. Ich lebe in einer 3½-Zimmer-Wohnung in Zürich, habe eine Firma und fahre einen Mustang. Der sieht zwar böse aus und tönt auch so, kostet aber nur 35000 Franken. Mein Geld steckt in meiner Firma. Ich zahle mir selber einen Monatslohn aus.

Und was machen Sie mit dem Rest?

Hm… Ich habe die «Bilanz» abonniert. Hatte aber noch keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Fast hätte ich in eine Bar in Zürich investiert. Das Geld liegt noch auf meinem Bankkonto – so viel ist es gar nicht. Ich muss auf jeden Fall weiter arbeiten.

Sie wären gern Vater?

Ja, extrem. Ich liebe Kids und bin Götti von zwei bezaubernden Mädchen. Zehn Jahre die eine, sieben Monate die andere. Eine Stunde mit ihnen gibt mir Kraft und Energie für eine Woche. Gott hat für mich Gold und Platin an der Wand vorgesehen, ich hätte aber lieber Kinder.

Haben Sie schon aufgegeben?

Bisher hab ich die passende Frau nicht gefunden und es steht nirgends in meiner Agenda, wann ich sie treffen werde. Eine Familie zu gründen bleibt mein grösster Wunsch.

Haben Sie noch nie daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen?

«Wenn s’Schicksal so will, isch das Kapitel s’letschti, ich nimm de Exit und mach Platz für de nächscht Bligg», lautet die letzte Strophe auf dem Song «Okay». Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt aufhöre – aber man weiss ja nie. Die Musikbrancheistunberechenbar:heute top, morgen schon ein Flop. Ich habe die nächsten anderthalb Jahre geplant. Was danach ist, weiss ich nicht.

Oder eine Pause, ein Time-out?

Ich habe mit 16 meine Karriere gestartet und bin jetzt seit 18 Jahren ununterbrochen im Business. Nach dem «0816»-Rummel hatte ich erstmals das Gefühl: Jetzt musst du weg, raus. Ich ging nach Thailand, Kuba. Ein Polyp am Kehlkopf, der diesen Frühling operiert werden musste, zwang mich zu einer Pause. Ich baue mir schon immer wieder meine kleinen Inseln, um Kraft zu tanken. Eine längere Reise wäre cool. Aber nach einigen Wochen packt mich jeweils das Heimweh und es zieht mich nach Hause, ich vermisse dann meine Leute, mein Studio, meine Welt. Ich bin ein Nicholas-Hayek-Typ. Ich brauche die Arbeit.

Muss es Musik sein?

Nein, die Filmbranche könnte ich mir auch vorstellen. Oder als ProduzentjungeTalentefördern. Auf «BART ABER HERZLICH» sind Rapper Samurai und die Sängerin Jessy Howe zu entdecken. Und ich bin ein Fan von Caroline Chevin.

Wie wärs mit einem Duett mit ihr?

Wieso nicht. Ich bin offen für vieles. Was bisher niemandweiss: Für «BART ABER HERZLICH» war ein Song mit Stephan Eicher vorgesehen. Er heisst «Peng» und ist eigentlich fertig – fast fertig. Aus zeitlichen Gründen hat er es aber nicht mehr aufs Album geschafft. Ich bin sehr unglücklich und traurig, dass es nicht geklappt hat.

Wie ist der Song entstanden?

Im Studio habe ich ihm meine Demo-Songs vorgestellt, Stephan mir seine für das Singspiel mit Martin Suter, das im Dezember im Schauspielhaus Zürich Premiere feiern wird. Darunter war «Peng», ein Song, bei dem es ums Verknallen geht. Das reduzierte soulige Instrumentgerüst, der schleppende dreckige Groove im Stil von James Browns «It’s a man’s world» haben mich umgehauen. Im Studio habe ich das Material in einen Bligg-mässigen Song mit Strophe, Bridge und Refrain verwandelt.

Was passiert jetzt damit?

Ich habe ihn ins «Tiefgefrierfach» geschoben, bin aber überzeugt: Eines Tages wird er fertiggestellt und veröffentlicht. Der Song ist zu gut, um auf einer Harddisk zu verenden.