Milena Moser, Ihr neues Buch beginnt als Roadmovie und endet mit einem Hauskauf. War etwas mit dem Konzept falsch?

Milena Moser: Das Buch ist ja kein Roman, sondern ein Erfahrungsbericht. Und das Leben folgt eben keinem Konzept. Ich hatte anfangs die Idee von einem Roadtrip. Und unterwegs hatte ich oft das Gefühl, es wäre super, wenn jetzt dies und das passieren würde. Aber das Leben hält sich nicht an solche Dinge. Und dass ich irgendwo ein Haus kaufe, war überhaupt nicht vorgesehen.

Der Roadtrip war auch eine Reise zu sich selbst. Sie und Ihr Mann hatten sich damals gerade scheiden lassen.

Mein Leben hatte die Idee vom Roadtrip irgendwie überholt. Ich hatte in meiner damaligen Situation alles andere als Lust, drei Monate allein durch die Gegend zu gondeln.

Dafür haben Sie glückliche Paare besucht, um den Glauben an die Liebe wiederzufinden. Ist es nicht eine Frage des Zeitfensters, ob man ein glückliches Paar ist?

Eine gute Frage. Das erste Paar, Daphne und Paul, die sind für mich ein Traumpaar, seit ich sie kenne. Die haben eine ganz starke, innige Verbindung. Die äusseren Umstände sind überhaupt nicht glücklich, zwischendurch hatten sie kein Geld und beide Krebs, aber die Verbindung ist etwas ganz Besonderes. Und die anderen Paaren hatten alle etwas Aussergewöhnliches: die Art, wie sie sich kennen gelernt haben, wie sie den Alltag teilen. Aber vielleicht sind das auch Projektionen von mir.

Sind die Paare alle noch zusammen?

Ja, denen will ich mal ...! (Lacht).

Und Ihr Glaube ist wieder gesundet?

Erst nachdem ich das Buch fertig hatte. Einen Hinweis darauf habe ich in die Widmung geschrieben.

Zur Zeit des Roadtrips schienen die Männer völlig aus Ihrem Leben verschwunden.

Ich sah keine. Es waren ja welche da, aber ich habe sie nicht gesehen – oder nicht auf diese Weise. Ich habe nicht einmal mehr für Fernsehschauspieler geschwärmt. Das war ganz untypisch für mich.

Sibylle Berg schreibt dieses Jahr über das Altern, Doris Knecht schreibt darüber. Und Sie auch. Ist Altern so schwierig?

Nein. In meinem Fall empfinde ich es als grosse Bereicherung. Aber Schriftstellerinnen brauchen immer ihre eigene Biografie für ihre Arbeit. Ich fände es eher bemerkenswert, wenn es nicht so wäre. Schwer finde ich das Altern überhaupt nicht. Ich kann es nur empfehlen.

Ich werde es unbedingt probieren!

(Lacht). Es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Es gibt ein schönes Zitat im Film «Four Weddings and a Funeral»: Der eine schwule Mann sagt, er gehe lieber an Beerdigungen als an Hochzeiten, weil er sich besser engagieren kann für etwas, an dem er später auch teilhaben kann. Und was ist die Alternative zum Älterwerden? Man kann sich ja nicht entziehen.

In der heutigen Zeit entziehen sich aber viele: Mit Botox und Unterspritzungen sehen viele 55-Jährige aus wie 40.

Nein, sie sehen aus wie gebotoxte 55-Jährige. Und das ist ein bisschen zur Norm geworden. Aber ich erlebe das ganz anders. Für das neue Buch habe ich Fotos gemacht und da bin ich quasi ungeschminkt, windezerzaust. Man sieht auf den Bildern, dass ich trockene Lippen habe – es ist eben trocken in Santa Fe. Und der Verlag fand die Bilder genauso super. Auch die Schweizer Familie, die sonst fürs Titelbild immer Visagisten schickt, liess es diesmal sein. In meinem Fall passiert also genau das Umgekehrte: Jetzt muss man mich nicht mehr «zwägfranze», und das ist etwas Neues, das ich sehr befreiend finde.

Dann passiert Ihnen nicht, was Frauen um fünfzig erzählen, dass sie plötzlich unsichtbar werden?

Als Schriftstellerin bin ich darauf angewiesen, dass ich ein wenig unsichtbar sein kann. Weil ich die Leute beobachte für die Kolumne und Geschichten mithöre und aufschnappe. Für mich ist eher das In-der-Öffentlichkeit-Stehen hinderlich. Und es war nie so, dass ich früher aus meinem Aussehen ein Selbstwertgefühl bezogen hätte: Haha, die stehen alle auf mich, oder: Die schauen mir alle hinterher. Das hat mich nie beschäftigt. Darum merk ich auch nicht, ob mich die Männer weniger anschauen.

Sie schreiben diesmal autobiografisch und zeigen traurige Seiten von sich. Macht diese Ehrlichkeit nicht verletzbar?

Meine Erfahrung ist, dass niemand draufhaut, wenn man sich zeigt. Die Menschen haben eher das Bedürfnis, eine Fassade runterzukratzen. Und ich habe nie eine Fassade gepflegt. Schon als junge Frau wehrte ich mich dagegen, Vorzeigeideal zu werden: Schaut die Moser, die hat Kinder und Karriere und sieht gut aus und ist dünn. Für mich war es eine bewusste Entscheidung, immer zu sagen: Neineineinein, Moment! Ich finde das Leben überhaupt nicht immer einfach. Auch bei meiner Scheidung waren die Reaktionen super, bis auf einen anonymen Leserbrief, ich könne einen Mann sicher nicht sexuell befriedigen, das sähe man schon meinem Bild in der Kolumne an. Ich war schockiert und es war unangenehm, aber man kann es wegstecken.

Sie führen eine Schreibwerkstatt für Laien. Ist das Schreiben auch Therapie?

Das Ziel einer Psychotherapie ist, dass man besser zurechtkommt im Alltag. Schreiben kann befreiend sein oder Zusammenhänge aufklären. Aber oft ist es das Gegenteil von therapeutisch. Es macht nicht, dass man besser funktioniert. Daher bin ich sehr vorsichtig mit dem Begriff. Aber ich denke, dass das Schreiben ein sehr einfaches Mittel ist und man braucht fast nichts: ein Papier und einen Bleistift. Und es ist ganz einfach. Die Grundlage sind 26 Buchstaben, und die hat jeder in der Schule gelernt.

Sie sagten, die Suche nach dem Glück war furchtbar anstrengend. Findet einen das Glück nicht früher oder später?

Doch! Klar! Aber das wusste ich ja nicht. Damals war ich so entschlossen, glücklich zu sein, Gott, was habe ich mir alles angetan! Ich bin grundsätzlich nicht jemand, der sich im Elend suhlt. Aber das Ende meiner Ehe war schwierig für mich. Es hat mich sehr traurig gemacht. Und natürlich hätte ich mich entspannen können: Jetzt bist du traurig und irgendwann bist du nicht mehr traurig. Aber das habe ich damals nicht gewusst.

Ist die traurige Milena Moser stärker oder die fröhliche?

Ich glaube, die fröhliche ist am Ende stärker. Aber die gehören zusammen. Ohne die fröhliche gäbs die traurige nicht und umgekehrt. Ich glaube, ich kann das Leben so geniessen, weil ich diese Abgründe kenne. Und dann braucht es manchmal überhaupt nicht viel und ich bin total glücklich.

Wenn Sie wieder in die USA ziehen: Empfinden Sie den dortigen Druck, glücklich zu sein, nicht als belastend?

Es wird dort viel weniger gejammert als in der Schweiz. Auf die Frage «Wie gehts?» gibt es in der Schweiz diesen Begriff: «Es mues». Und immer dieses Schimpfen. Grundsätzlich wird einfach mal gemotzt und genörgelt, auch wenn es nicht böse gemeint ist. In Amerika gehts immer allen «great!». Das kann auch ein Zwang sein. Aber das ist eine ganz andere Haltung. Und man kann mit Leuten an einer Party, im Café wahnsinnig spannende Gespräche führen, wenn dieses ständige Nörgeln wegfällt.

Sie sind eine Autorin mit Betonung auf «-in». Selbst Gott ist bei Ihnen «die Gott». Muss man heute noch gegen Rollenbilder anschreiben?

Mein Alltag ist anders als der eines männlichen Kollegen. Gender ist, wenn zwei das Gleiche tun und es wird nicht gleich wahrgenommen. Bei Lesungen wurde ich oft gefragt: Wer passt denn auf Ihre Kinder auf? Das würde einem männlichen Kollegen nie passieren. In der Schweiz herrscht immer noch ein traditionelles Rollenbild, sobald Kinder im Spiel sind. Sonst nicht mehr so. Doch solange das so ist, ist es ein Missstand.