Agnes Meyer-Brandis sitzt vor einem Interviewer und sagt: «Ich glaube nicht an das Verstehen. Ich bin einfach nur neugierig.» Der Journalist ist verdutzt. Seine Interviewpartnerin war schliesslich einmal Wissenschaftlerin. Jetzt ist sie Künstlerin und sagt, sie wolle mehr mit den Dingen spielen, als sie zu beherrschen. «Ich will eine Tür öffnen.»

Dafür braucht es aber erst einmal eine Tür – und die steht momentan auf dem Dreispitz-Areal: Das Haus der elektronischen Künste zeigt die erste Schweizer Einzelausstellung dieser «Scientist turned Artist» und titelt «Wolkenkerne, Mondgänse und Wanderbäume». Klingt naiv-romantisch? Sehr gut. Genau da will sie nämlich hin.

Agnes Meyer-Brandis: Wahlberlinerin, 44 Jahre alt, ursprünglich Mineralogin. Frau, die die Neugier über den Verstand stellt. Und das in einem Haus, das elektronische Künste zeigt – den Supernerd unter den Kunstformen. Kann das gut gehen?

Ein Blick ins Meyer-Brandis-Universum und man weiss: Wer so eng denkt, hat nichts verstanden.

Aber der Reihe nach. Es fängt an mit Video-Kreisen, die wie fantastische Planeten in den ersten Raum leuchten. In ihnen sind Dinge wie Staub, Pollen oder kleine Objekte zu sehen, merkwürdig hin und her gleitend. Was da tatsächlich passiert, begreift erst, wer auf die gegenüberliegende Seite schaut: Hier hat Meyer-Brandis ihr Experiment sorgfältig beschrieben und dokumentiert. Die ganze Wand ist übersät mit Berechnungen, Zeichnungen und Notizen – hier wird so ernsthaft Wissenschaft betrieben, dass es fast schade ist. Den schönen Planeten wird ihre Magie entzogen, denn hier ist genau erklärt, was in ihnen passiert: Meyer-Brandis hat ihnen die Schwerkraft entzogen, ist mitsamt Staub und Pollen und Objekten auf einen Übungsflug des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und hat sich immer wieder in die Schwerelosigkeit befördern lassen. Im Video unter den Notizen sieht man die Künstlerin, wie sie grinsend vor einer selbst gebauten Kapsel schwebt und mit behandschuhten Armen verschiedene Objekte und Flüssigkeiten darin herumschiebt. Sie sieht etwas wahnsinnig aus, was auch die penibel ausgestellte Dokumentation erklären würde. Diese Wand kann nur von einer Verrückten stammen.

Das Video im nächsten Raum bekräftigt die Mutmassung: Hier ist Meyer-Brandis mit einer Kolonie von elf Gänsen zu sehen, die sie davon überzeugt hat, ihre Mutter zu sein. Die Eier fand sie ein paar Monate davor auf einem norditalienischen Parkplatz. Sie setzte sie in einen Brutkasten und gab jedem Ei einen Raumfahrernamen: Buzz, Rakesh, Valentina. Als sie schlüpften, sorgte sie dafür, das erste Lebewesen zu sein, mit dem sie Kontakt hatten. Dann begann sie mit ihrer Forschung: Inspiriert von der Erzählung «The Man in the Moone» von 1603, wollte sie aus ihren Parkplatzgänsen Mondgänse machen. In der Geschichte fliegt der Protagonist mithilfe wilder «Gansa» auf den Mond – und 400 Jahre später macht es ihm Meyer-Brandis nach. Man sieht die Künstlerin, wie sie ihnen Flugformationen beibringt und auf einer simulierten Mondlandschaft das Landen übt. In einer «Schaltzentrale» neben dem Video wird man per Knopfdruck live zu den Gänsen geschaltet, die sich momentan im Trainingscamp in den italienischen Abruzzen auf ihren Mondgang vorbereiten. Sie sind da, bis das Experiment abgeschlossen ist.

In den nächsten Ausstellungsräumen erwarten einen ähnlich verrückte Untersuchungsanlagen: Eine mit Teetassen ausgestattete Miniatur-Baumlandschaft, in der mit Wolkenbildung experimentiert wird, Aufzeichnungen von Fliegenpilzen und ihrem Gasaustausch untereinander, Bildmaterial von schwebendem Meteoritengestein. Und ganz am Ende eine Videoarbeit, in der die Künstlerin als Baum verkleidet durch den Wald wankt, um den Bäumen beizubringen, wie sie dem Klimawandel zuvorkommen können. Hier – in der absurdesten aller ausgestellten Arbeiten – fällt der Groschen endlich. Dank zwei kleinen Ausstellungsbesucherinnen, die mit grossen Augen aus dem Raum rennen und aufgeregt diskutieren. «Hast du diese Bäume gesehen? Krass!» Man freut sich ob so viel Naivität – wie schön, wenn die Welt noch nicht entzaubert und rationalisiert ist!

Das hat Meyer-Brandis begriffen. In einem Video ganz hinten in der Ausstellung sieht man die Künstlerin, wie sie versucht, auf einer Achterbahn einen Faden in ein Nadelöhr zu kriegen. Immer wieder wird sie durchgerüttelt, es gelingt ihr nicht. Später liegt sie auf einer Wiese und versucht dasselbe noch mal – mit einem Kondensstreifen am Himmel. Sie zielt, das Flugzeug kommt – und fliegt, schwupps, durch das Öhr hindurch.

«Agnes Meyer-Brandis: Wolkenkerne, Mondgänse und Wanderbäume», noch bis zum 12. November 2017, Haus der elektronischen Künste Basel.