«Edward II.»

In Sitcoms normal, für die Oper neu: Ein Besuch der ersten schwulen Oper der Welt

Blutrot statt rosig: Die homosexuelle Liebe zwischen Gaveston (Ladislav Elgr, im Brautkleid) und King Edward II (Michael Nagy, ganz rechts).ho

Blutrot statt rosig: Die homosexuelle Liebe zwischen Gaveston (Ladislav Elgr, im Brautkleid) und King Edward II (Michael Nagy, ganz rechts).ho

Mit «Edward II» hat Andrea Lorenzo Scartazzini die erste Oper um ein homosexuelles Paar komponiert. Von Glückseligkeit ist auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin allerdings keine Spur.

Das Hochzeitskleid ist ein Traum in Tüll: zarter Stoff, so weit das Auge reicht. Wie glückselig die Braut, die es tragen wird. Doch von Glückseligkeit ist auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin keine Spur. Bedrohlich hämmern Schläge an King Edwards. Schlafzimmertür. Schliesslich gibt diese nach.

Ein Albtraum in Tüll

Und das Kleid? Ein Albtraum in Tüll. Blutbesudelt am Unterleib, starrt oben aus den duftigen Lagen totenbleich des Königs Geliebter Gaveston, gemartert, gefoltert. Mit diesem Albtraum – denn es ist tatsächlich einer – beginnt «Edward II» des Basler Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini.

Edward II. – Unterwegs zu einer Oper:  Teil 1

Edward II. – Unterwegs zu einer Oper: Teil 1

Die Szene ist Programm. Anders gesagt: Der eingangs gezeigte Bluthunger von Volk und Hof wird sich durchs ganze Stück ziehen. Mal schwelend, meist jedoch sämtliche Register des Sadismus ziehend. «Schuld» daran ist das Protagonistenpaar: Edward und Gaveston, zwei Männer also.

«Sie sind nicht besonders sympathisch, sondern ganz normale Menschen», konstatiert der Komponist: «Vor allem Edward hat man nicht nur gern. Aber ich wollte ja keineswegs anwaltschaftlich ein homosexuelles Powerpaar auf die Bühne stellen.»

Das wäre dem studierten Germanisten zu einfach, zu plakativ gewesen. Zumal seine neue Oper den Schlusspunkt einer teilweise persönlichen Geschichte bildet: «Seit ich Teenager war, gehe ich in die Oper. Und immer werden dort heterosexuelle Liebesgeschichten verhandelt», erzählt Scartazzini, der als Jugendlicher zeitgenössische Komposition nicht besonders mochte.

Erst allmählich kam er auf den Geschmack: «Es ist wie beim Weintrinken. Zuerst schmeckt es nicht. Aber dann kann man regelrecht süchtig werden», erklärt er lachend. «Man hört sich also die grossen Komponisten an und will wissen: Wie ging es weiter? Warum schreibt jetzt einer so oder so?»

Edward II. – Unterwegs zu einer Oper:  Teil 2

Edward II. – Unterwegs zu einer Oper: Teil 2

Als Opernkomponist erfolgreich

Vielleicht war es ein Teil dieser Sucht, die ihn schliesslich das Kompositionshandwerk erlernen liess: zunächst bei Rudolf Kelterborn und anschliessend beim berühmten Deutschen Wolfgang Rihm. Heute gilt Scartazzini mit seiner dichten und emotional aufgeladenen Klangsprache als einer der erfolgreichsten Opernkomponisten im deutschen Sprachraum – vielleicht, weil er «keine Historienschinken schreiben» will, sondern das Publikum «wirklich erreichen». Und während zeitgenössische Musik oft verzweifelt nach einem Publikum sucht, wirkt die Oper wie ein Megafon für Neue Musik: «Durch die Handlungsebene spricht man auch Zuschauer an, die sich sonst nicht für zeitgenössische Musik interessieren.»

Exakt dieser Anspruch verhalf seinem neuen Werk auf die Bühne. Denn, obwohl in der Oper Geschlechterbilder öfters verwischt werden; obwohl sich bei Benjamin Britten Andeutungen auf Intimität zwischen männlichen Figuren finden, bei Georg Friedrich Haas ein schwuler Protagonist vorkommt, ist es Tatsache: Homosexuelle Liebe wurde bis heute nie explizit auf einer Opernbühne dargestellt. «In der Literatur ist sie schon länger Thema», bestätigt Scartazzini, «auch bei Castingshows tritt als Paradiesvogel der Schwule vom Dienst an, und in jeder Samstags-Soap gibt’s einen Quoten-Schwulen.» Nur die Opernbühne, die hinke anderen Medien hinterher. «Ich fand: Da kann man ja mal einen Beitrag leisten», merkt er lachend an.

Edward II. – Unterwegs zu einer Oper:  Teil 3

Edward II. – Unterwegs zu einer Oper: Teil 3

Anfang der 1990er habe er im Kino einen Film von Derek Jarman über King Edward II gesehen: «Ich war selber in meinem Coming-out. Der Film hat mich sehr aufgewühlt und berührt.» Denn nach wie vor sei es für einen jungen Menschen nicht einfach, sein Outing zu haben. «Es gehört noch nicht zur Normalität. Auch dass in Frankreich Tausende auf die Strasse gingen, um gegen die Homo-Ehe zu demonstrieren, zeigt, dass das Thema noch nicht ausgestanden ist.»

Sadistische Ermordung

Dass es eine dunkle Oper geworden ist, dafür sorgen die blutrünstige Homophobie und nicht zuletzt die historisch untermauerte, aber deswegen nicht weniger sadistische Ermordung Edwards. Aber Scartazzini weiss: Oper an sich ist eine dunkle Gattung. «Warum lieben wir Krimis? Sie sind spannungsvoll und handeln meist von menschlichen Abgründen.»

Für ihn ist die Oper aber nicht nur eine musikalische Tiefenbohrung der menschlichen Psyche, sondern oft ähnlich lustvoll wie ein Fussballstadion. Denn wo, wenn nicht beim Fussball oder in der Oper, darf man seinen Gefühlen freien Lauf lassen?

Andrea Lorenzo Scartazzini: Edward II. Ab 19. 2. an der Deutschen Oper Berlin.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1