Natürlich, zu einem guten Thriller gehört zünftiges Gruseln. Und so eröffnet der deutsche Bestsellerautor Frank Schätzing sein neues Buch «Die Tyrannei des Schmetterlings» mit einem gespenstischen Weltuntergangsszenario. Wir sind irgendwo in Afrika.

Mit saftigen Pinselstrichen malt er ein Bild von mythischer Bedrohung: «Wie schwarzblaue Planeten hängen die Regenfronten über den Bergen und treiben Richtung Savanne, belebt von geheimnisvollem Leuchten. Windgeister fegen durch einen postatomar gelben Himmel, Vorboten der baldigen Flut.» Es herrscht Krieg.

Wir fiebern mit dem Helden irgendeines Stammes mit, der sich durch den Urwald schlägt. Doch nicht Menschen lauern ihm auf, es sind unheimliche, übermächtige Wesen. Grauenhaft sind die Schreie seiner Kollegen, die von diesem Feind angefallen werden. Dann krallt sich ihm selbst ein solches unbekanntes Getier ins Auge und frisst sich in seinen Kopf hinein. Und ... cut! Schätzing lesen war schon immer grosses Kino.

Geheimes Forschungslabor

Doch die apokalyptische Szene ist nur der Vorspann. Frank Schätzings neues Buch spielt zumeist im ländlichen Sierra County in Kalifornien, wo Goldgräber immer noch ihr Glück suchen, Cowboys am Tresen im Saloon abends ihren Whisky trinken und ein Sheriff mit knappem Personalbestand kämpft. Dort gibt es einen spektakulären Todesfall: Eine Frau hängt, von einem Baum aufgespiesst, über einer Schlucht in der Sierra Nevada, die Arme ausgebreitet wie ein «gefallener Engel».

War es ein Unfall oder Mord? Tatsache ist, dass sie in den Abgrund gejagt wurde. Sheriff Luther Opoku und sein Deputy Ruth Underwood finden in ihrem Auto einen Stick mit beunruhigenden Videoaufzeichnungen. Die Bilder zeigen einen geheimen Ort, an dem Tanks mit mysteriös wabernden Schemen verladen werden. Eine Spur führt zu einem Forschungslabor, das in den Untergrund der Sierra gegraben ist. Es gehört zu Nordvisk Inc., einer Firma des Silicon Valleys. Sie wurde von einem Nerd gegründet, der sich in den Kopf gesetzt hat, das Elend aus der Welt zu schaffen. Mit diesem Ziel vor Augen hat er sich in der Forschung zu künstlicher Intelligenz an die Weltspitze gearbeitet.

An die Weltspitze gebracht hat es auch Frank Schätzing seit dem Mega-Erfolg seines Science-Fiction-Thrillers von 2004, «Der Schwarm». Wissenschaftsthemen, zukunftsweisende Forschung und umweltpolitische Anliegen zu intelligenter Unterhaltung verpackt, das ist das Markenzeichen des heute 60-jährigen Deutschen. «Der Schwarm», sein sechstes Buch nach einer Reihe von Kölner Regionalkrimis, erreichte eine Gesamtauflage von 4,5 Millionen Exemplaren und wurde in 27 Sprachen übersetzt. Es ging darin um eine unbekannte intelligente Lebensform im Meer, die die Menschheit existenziell bedroht.

Das neue Buch knüpft ans Thema von damals an. Es handelt von Einzellern und Insekten, die mit biotechnologischen Mitteln aufgerüstet oder mit gentechnischen Eingriffen in ihre DNA «editiert» und steuerbar gemacht werden. Vor allem aber geht es um die Entwicklung einer künstlichen Superintelligenz. Der Computer werde dabei mit hirnähnlichen Simulationen im Netz ausgestattet, so genannten neuronalen Netzen, erklärt der Autor.

Man versieht ihn mit einer Grundprogrammierung, einer Art allgemeinem Wissen über die Welt, dem ähnlich, wie es Kinder in der Schule lernen. Dann programmiert man ihn so, dass er von selbst beginnt, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen. «Er lernt assoziativ und entwickelt so etwas wie Intuition. Das funktioniert», sagt Schätzing im Gespräch. Eine solche künstliche Superintelligenz kann nicht nur in kürzester Zeit Unmengen von Daten verarbeiten. Sie gleicht sich in ihrem Denken und Handeln dem des Menschen an und gewinnt damit einen Ermessensspielraum.

Man sei da schon weit, sagt der Autor. «Im Moment geht es darum, welche Nation als erste eine solche umfassende Superintelligenz auf die Beine stellt.» Cyberwettbewerb in einer postatomaren Welt.

Für den neuen Roman hat sich der ehemalige Werber in Literatur über künstliche Intelligenz und kosmologische Theorien vergraben, hat sich mit Forschenden in Labors der Biotechnologie getroffen, im Silicon Valley recherchiert und ist mit Peter Thiel essen gegangen, dem umstrittenen Techmogul, der im Beraterstab von Donald Trump sitzt und die Unsterblichkeit für Menschen anstrebt.

Was sich im Buch wie beunruhigende Science-Fiction liest, gibt es zu grossen Teilen tatsächlich schon heute: Insekten, die mit Kameras, Mikrofonen, Chips oder Sendern ausgestattet werden, sind nahezu Standard. Die CRISPR/Cas-Methode, um DNA gezielt zu schneiden und zu verändern, wurde 2015 als Durchbruch des Jahres gefeiert. Im selben Jahr besiegte die von Google DeepMind entwickelte, auf eine Sache spezialisierte künstliche Intelligenz «Alpha-Go» viermal in Folge den amtierenden Weltmeister des Brettspiels «Go» – ein Spiel, das ein hohes Mass an Intuition verlangt und bei dem man davon ausging, dass nie eine Maschine dem Menschen überlegen wäre.

Filmreife Actionszenen

Gekonnt arbeitet der Autor den aktuellen Wissensstand auf, balanciert das komplexe technische Thema aus mit den menschlichen Nöten seiner Protagonisten: Sheriff Luther, ein Schwarzer, dessen Vater aus Ghana stammt und der wegen zu hohen Arbeitseifers von seiner Frau verlassen wurde, und Ruth Underwood, die damit ringt, zu ihrer lesbischen Veranlagung zu stehen. Futuristische Panoramen und filmreife Actionszenen wechseln sich ab mit atemberaubenden Landschaftsbeschreibungen der kalifornischen Sierra Nevada. Das ist grossartig angerührt und schafft süffig Zugang zum Thema. Nur die Auflösung ganz zuletzt ist ein bisschen enttäuschend.

Verhaltener Optimismus

Mit der Erfindung einer Maschine, die Zeit und Raum manipuliert, und mit einem dramaturgischen Kniff, der sich eine kosmologische Theorie über die Beschaffenheit des Universums zunutze macht, erzählt Schätzing so von möglichen Fehlentwicklungen der nahen Zukunft. Was passiert, wenn die Superintelligenz ein Bewusstsein entwickelt, sich angegriffen fühlt und zurückschlägt? Was, wenn die auf Perfektion programmierte Maschine sich gegen die Menschheit wendet und den Menschen als das notorisch Unperfekte auszumerzen versucht?

Als Warner sieht sich Frank Schätzing jedoch nicht. Er will unterhalten und die Bücher schreiben, die er selbst gerne lesen würde. Was die Zukunft angeht, ist er verhalten optimistisch. In den letzten Jahren habe sich rund um Max Tegmark, Elon Musk und ehemals Stephen Hawking eine Bewegung formiert, die fordert, dass die Sicherheit nicht dem internationalen Wettlauf geopfert werde. Denn eines ist wichtig: «Jetzt, da wir noch Herren der Programmierung sind, müssen wir künstliche Intelligenzen so programmieren, dass sie für uns kontrollierbar bleiben.» Nicht dass wir, wie einst Goethes Zauberlehrling, die Geister, die wir riefen, nicht mehr loswerden.