Das Schicksal meint es gut mit dem Opernhaus Zürich. Aber irgendwann, hat sich das Schicksal gedacht, muss ich mich bemerkbar machen. Also entschloss sich am Sonntag während der Ouvertüre ein von jeglichem Regiekonzept entbundener Kubusteil zu einem Solo. Der damit ermöglichte Blick zum Technikpult war bestimmt nicht das, was sich Regisseur Andreas Homoki und Dirigent Fabio Luisi zum Auftakt gewünscht hätten; vor allem, weil das an der Premiere zuschlagende Schicksal das Publikum nicht etwa zum Weinen, sondern zum Lachen brachte.

Homoki reagierte souverän, appellierte an Luisi, das soeben Gesehene vergessen zu machen, und von neuem zu beginnen. Zu viel des Guten? Nein. Man liess sich die «Zweitauflage» noch so gerne gefallen, denn schon zuvor hatte das Orchester aufhorchen lassen. So fein austariert und glühend-drängend hatte man das «Forza»-Motiv lange nicht mehr gehört.

Mehr als ein Versprechen

Das war mehr als ein Versprechen im Hinblick auf die musikalische Gestaltung der Oper, das war bereits Erfüllung. Die musikalische Nuancierung und Schattierung mit ihren düsteren Grundierungen und den hellen, aber nie grell aufblitzenden Momenten erwies sich auch dank des exzellent disponierten Chors als strahlende Seite einer Inszenierung, die mit manchen Schattenseiten kämpfte.

Das Schicksal pocht in Verdis oft gescholtener, bei Theaterteams gefürchteten Oper gleich zu Beginn an die Türe, als sich bei einem Streit versehentlich ein Schuss aus einer Waffe löst. Marchese di Calatrava wird getötet, als er seine Tochter Leonora beim Versuch, mit dem Geliebten Alvaro dem Vaterhaus zu entrinnen, überrascht. Was als Aufbruch in ein anderes (freies?) Leben gedacht war, endet in der Flucht vor Leonoras rachsüchtigem Bruder Carlos.

Alles in dieser collagenhaften Oper wirkt unwahrscheinlich; schicksalhaft getrieben muten die Handlungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen an. Kriegslärm und Volksklagen sind sämtlichen Szenen gleichsam als Subtext unterlegt. «Die Welt spielt verrückt. Was sind das bloss für Zeiten!», singt denn auch der aufbegehrende Fra Melitone (beeindruckend: Gezim Myshketa sprang kurzfristig für den erkrankten Ruben Drole ein).

Die Welt in «La forza del destino» ist so sehr aus den Fugen, dass Andreas Homoki (Regie), Hartmut Meyer (Bühne), Mechthild Seipel (Kostüme) und Franck Evin (Lichtgestaltung) nicht auf Illustration, sondern Abstraktion setzen. Meyers grauer Kubus auf dunkelrotem Boden erlaubt mit den vielen, sich zu immer neuen Raumkonstellationen öffnenden Elementen sowohl intime wie gruppendynamische Szenen. Oft verwandelt dann ein Lichtstrahl die weissen, clownesk geschminkten Gesichter in kalkig-grimassierende.

Spiel der Blicke und Gesten

Überhaupt diese explosiven Gruppen: Leonora wird von ihnen permanent in die Enge getrieben – selbst dann, als sie im Kloster Zuflucht sucht und Padre Guardiano die Mönche in den weissen Kutten ermahnt: «Niemand darf den Bereich der Demut betreten, der uns von ihr trennt.» Wer es tue, werde «verflucht!». Da schütteln die Mönche ihre Kutten ab, entpuppen sich als Soldaten und schleudern Leonora dieses Wort als furchterregenden Aufschrei an den Kopf. Padre Guardiano (Christof Fischesser gibt ihm sonore Würde) sieht dem Treiben – in der Gestalt von Leonoras Vater – zu, womit klar wird: Den Geist des Vaters wird Leonora nie mehr los. Diese doppeldeutige Szene glückt Homoki, weil hier auch stattfindet, was man ansonsten oft vermisst: ein intensives Spiel der Blicke und Gesten.

Manches wird in der Zürcher Inszenierung zwar angestossen, aber nicht in Szenen durchdringender Spannung überführt. Das mag auch daran liegen, dass sich das Hauptprotagnisten-Trio unterschiedlich in Verdis Oper zurechtfindet. Hibla Gerzmava ist eine Sänger-Darstellerin, die Leonoras emotionales Wechselbad zwischen Liebe, Verzweiflung, Hoffnung und Entsagung bemerkenswert zeichnet: mit einem in der Tiefe dunkel schimmernden Sopran, der fragile wie hochdramatische Passagen überzeugend meistert. Da kann der Alvaro von Tenor Marcelo Puente nicht mithalten. Dieser Sänger verfügt zwar über ein robustes, aber kaum je geschmeidig-strahlendes Organ. Der Carlo von George Petean wiederum wirkt zu Beginn noch etwas blass, doch in der Folge gewinnt Peteans Rollenporträt dramatische Kontur. Was bleibt? Primär ein musikalischer Glücksfall, dank Fabio Luisi und der Philharmonia Zürich.