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Aargauer Hollywood-Produzent Marc Mounier: «Die Schweiz braucht ein Filminstitut»

Wie macht man Schweizer Filme international tauglich? Der Schweizer Hollywood-Produzent Marc Mounier hat Ideen und Ratschläge.

Marlène von Arx
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Hat die Schweizer Serie «Neumatt» internationales Potenzial?

Hat die Schweizer Serie «Neumatt» internationales Potenzial?

Marc Mounier bewegt Dinge in Hollywood. Der Aargauer ist ­Literatur-Manager und Produzent bei der renommierten Agentur «Management 360», die über 700 Schauspielerinnen, Drehbuchautoren und Regisseure vertritt (darunter Julianne Moore, Greta Gerwig und James Mangold) und Filme wie «Game of Thrones » mitproduziert. Seine Klienten schreiben für die Netflix-Serien «Outer Banks» und «Midnight Mass» und verkaufen Drehbücher an Universal und Paramount.

Leute miteinander zu verbinden und Netzwerke zu schaffen, gehört zum Kerngeschäft des 32-Jährigen. 2018 nahm er am Talentförderprogramm am Zurich Film Festival teil und offerierte, Autoren für die Masterclass zu vermitteln. Die Antwort von Urs Fitze, Leiter Bereich Fiktion beim SRF, überraschte ihn: «Der kulturelle Unterschied zwischen dem angelsächsischen Kino und dem Schweizer Filmschaffen sei wahrscheinlich zu gross, als dass eine sinnvolle Diskussion entstehen könne.» Man orientiere sich eher an Ländern wie Dänemark und Deutschland.

SRF ist zu stark auf den Schweizer Markt fokussiert

Ein regelmässiger internationaler Austausch wäre für den Schweizer Film aber wichtig, findet Mounier. Obwohl ihm bewusst ist, dass man das US-Modell nicht einfach auf die Schweiz übertragen kann, hätte er einige Änderungsideen: «Ein Film-Institut mit Intendantensystem würde der Schweizer Filmindustrie guttun», glaubt er. Momentan gebe es mit SRF nur ein Kompetenzzentrum für den Film in der Schweiz. SRF sei aber letztlich Fernsehen und stark auf den Heimatmarkt fokussiert. Dazu sei es eine überrissene Erwartung, dass SRF von Drama bis Komödie und Genre-Filmen alles betreuen könne. Ein Institut mit internationaler Ausrichtung wäre ein Gegengewicht und wichtige Ergänzung.

Mit der Lex Netflix gibt es mehr Möglichkeiten

Die oft zitierten erfolgreichen Dänen setzen auf ein Film-Institut, das ihre Produktionen in die Welt begleitet. Die Erfahrungen fliessen dann in die nächste Entscheidungsrunde. In der Schweiz übergeben die Filmförderer vom BAK (Bundesamt für Kultur) die Film-Verwertung an Swiss Films ab und für den Nachwuchs ist Focal zuständig. «So gibt es kein institutionelles Wissen, nur zersplitterte Verantwortungsbereiche. Ein Intendantensystem stellt auch eine Rechenschaftsgrundlage für die gesprochenen Gelder her, wie sie im Moment nicht existiert.»

Dass die Schweiz zu klein und wegen der verschiedenen Landessprachen zu zersplittert sei, lässt Marc Mounier nicht gelten: «Von diesem Denken muss man wegkommen. Barrieren fallen immer mehr weg.» Mit «Para­site» gewann ein koreanischer Film den Oscar für den besten Film. Und auf Netflix werden Shows wie «Squid Game» (Korea), «Dark» (Deutschland) und «Lupin» (Frankreich) zu internationalen Hits. «Die Streamer etablieren sich weltweit und investieren in lokale Produktionen. Mit der Lex Netflix auch in der Schweiz. Es gibt also mehr Möglichkeiten, Schweizer Kultur mit dem Filmschaffen der Welt zu vernetzen.»

Marc Mounier hatte diesbezüglich nie Berührungsängste: Aufgewachsen in Magden im Fricktal, besuchte er das Gymnasium in Muttenz, wo er als Abschlussarbeit für die Matura einen Lehr-Film zum Thema Herzinfarkt drehte. Im letzten Schuljahr besuchte er einen Sommerkurs an der renommierten Filmschule USC in Los Angeles. «Die acht Wochen waren traumatisierend», erinnert er sich heute lachend. «Ich musste drei Kurzfilme produzieren, hatte keine Auto und mit erst 18 Jahren auch noch nicht viel zu erzählen.» Er begrub vorübergehend seine Hollywood-Träume und studierte Wirtschaft an der HSG. Nebenbei schnupperte er bei MTV Networks Schweiz, schnitt Newsblöcke bei «10 vor 10» und führte Regie am Studententheater.

Die Filmwelt liess ihn aber nicht los: Mit vierundzwanzig bewarb er sich an der USC um einen Produzenten-Studiengang, wurde aber abgelehnt. «Aber da gibt man nicht auf. Ich probierte es ein Jahr später wieder und dann klappte es.» Das Studium ermöglichte ihm Praktika, was auch zu einem Kurzauftritt im Horror-Streifen «Sinister 2» führte. Im Praktikum bei der Produzentin Stacey Sher verfasste er den Grundstein für die Emmy-nominierte Serie «Mrs. America» mit Cate Blanchett.

Reaktorunfall von Lucens wäre spannender Thriller

Natürlich werden auch in den USA nicht nur Hits produziert. Kreative Risiken gehören zur Filmkunst. Das Schweizer System behindere aber diese Kreativität: «Bahnbrechende Ideen und Filme sind besonders in ihren Anfängen oft nicht mehrheitsfähig, fallen also bei Gremienentscheiden eher durch», erklärt Mounier. «Filme brauchen kompetente Verfechter, die an eine einzigartige Vision glauben und die Filmemacher bei der Umsetzung mit Expertise unterstützten.»

Die Serie «Neumatt» fand Mounier erfrischend, weil es im Umfeld von «Der Bestatter», «Wilder», «Tatort», «Sacha» (RTS) und «Tschugger» (2022) für einmal kein Krimi war: «Denn Figuren definieren sich durch ihre Hindernisse. Wenn das Hindernis immer eine Leiche ist, limitiert das, wie viel man damit machen kann. Wieso nicht mal eine Komödie oder einen Sci-Fi-Film über einen zeitreisenden Uhrmacher? Der Reaktorunfall von Lucens wäre doch ein spannender Thriller und die Gründungsgeschichte der Rega ein fesselnder Mehrteiler.» An Ideen fehlt es Marc Mounier nicht. Und falls man in der Schweiz an einer internationalen Perspektive interessiert ist: «Mein Angebot, das ich am ZFF gemacht habe, steht immer noch.»

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