Solothurner Filmtage

Internet-Präsenz von weiblichen Filmschaffenden soll online sichtbar gemacht werden

Muriel Staub hat die Initiative «Frauen für Wikipedia» mitbegründet.

Muriel Staub hat die Initiative «Frauen für Wikipedia» mitbegründet.

An einem Filmtage-Workshop erstellten die Teilnehmenden Wikipedia-Einträge für Frauen im Film.

Im Foyer des Künstlerhauses S11 sitzen Frauen und Männer an ihren Laptops. Sie sind hier, um die Internet-Präsenz von Schweizer Frauen im Film zu verbessern. Das Ziel in diesen Stunden: möglichst viele Wikipedia-Artikel erstellen, bearbeiten und übersetzen.

Frauenbiografien sind auf Wikipedia stark unterrepräsentiert. Eine Auswertung des deutschen Magazins «Spiegel» zeigte 2018 einen rund 20-prozentigen Frauenanteil. Dies unter den Biografien von Personen, die in den letzten 100 Jahren gelebt haben. «Wenn wir es jetzt nicht schaffen, ausgeglichene Inhalte auf Wikipedia zu bringen, tragen wir diese Verzerrung in die nächste Ära weiter», sagt Muriel Staub, Mitgründerin der Schweizer Initiative «Frauen für Wikipedia» und Vorstandsmitglied im Verein Wikimedia Schweiz. Sie unterstützt die Workshop-Teilnehmerinnen, gemeinsam mit Chris Regn, Daniela Brugger und Nicole Moyer vom Projekt «Who writes history?», die den Anlass organisiert haben.

Ausgeglichene Inhalte seien auch deshalb so wichtig, weil Wikipedia als Online-Enzyklopädie immer präsenter werde. Frage man beispielsweise den Apple-Assistenten Siri nach einem bestimmten Thema, werde einem oft als erstes der Wikipedia-Artikel vorgelesen. «Die Artikel müssen deshalb auch immer gut gepflegt und die Informationen aktuell gehalten werden, das ist eine Menge Arbeit», so Staub.
Die deutschsprachige Wikipedia umfasst rund 2,4 Millionen Artikel, die betreut werden wollen. Anlässe wie der Workshop an den Filmtagen sollen auch mehr Leute dazu animieren, sich selbst zu engagieren und mitzuschreiben. Dieser Einstieg ins Schreiben sei für manche Personen leichter, wenn man es gemeinsam mache, sagt Muriel Staub.

Frauen sind in der Filmbranche die Minderheit

Am gestrigen Nachmittag sollten jedoch weibliche Schweizer Filmschaffende im Vordergrund stehen. Zum Beispiel die drei «Cinéma Copines» Patricia Moraz, Christine Pascal und Paule Muret. Die drei Westschweizerinnen waren Pionierinnen des Schweizer Films, zeigten ihre Werke in Cannes und Locarno, als Frauen in der Filmszene kaum vertreten waren. Am Filmfestival wurden sie wieder zum Leben erweckt, und auch auf dem deutschsprachigen Wikipedia sollen sie bald alle zu finden sein. Bis anhin war dort nur Christine Pascal vertreten. «Wichtig ist auch, dass die Artikel untereinander verlinkt werden und die Namen der Frauen bei den jeweiligen Filmfestivals und Preisverleihungen aufgearbeitet und so auffindbar werden», sagt Muriel Staub.

Vor einem Jahr unterzeichneten die Solothurner Filmtage die Gleichstellungscharta von SWAN, dem Schweizer Netzwerk für weibliche Filmschaffende. Neben dem Versprechen, auf Gleichstellung hinzuarbeiten, beinhaltet sie unter anderem das Erstellen einer Statistik über die Frauenvertretung bei den eingereichten und den ausgewählten Filmen. Filmtage-Direktorin Anita Hugi stellte diese Zahlen vor dem Workshop erstmals vor: Bei Filmen ab 60 Minuten waren 29 Prozent der Einreichungen Filme von weiblichen Regisseurinnen, unter den Ausgewählten waren es 32 Prozent. «Bei den kurzen und mittellangen Filmen war die Hälfte der eingereichten Filme erfreulicherweise von Frauen», so Hugi. Die Parität behielt man auch bei der Auswahl bei.

Gabriel Baur und Stéphane Mitchell von SWAN zeigten sich über die Zahlen zufrieden. Es sei jedoch nicht das Ziel, eine Quote zu erreichen, sondern Transparenz zu schaffen und für das Thema zu sensibilisieren. «Frauen sind vor und hinter der Kamera nach wie vor sehr unterrepräsentiert», so Mitchell.

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