Ein dickes, weiss-blau-rotes Kabel taucht aus dem Boden des Museums auf, knäuelt und verdreht sich und endet abrupt und aufgerissen. Sendepanne? Übermittlungsstörung? Die Interpretation Kabel sei o. k., sagt die Künstlerin Isabelle Krieg.

Sie selber sieht das Ungetüm aber als eine Art Nabelschnur. Die irgendwie aus dem Dunkel auftaucht, dann aufreisst und das Leben wie die Lebewesen freigibt, die sich nun im Museum tummeln. «Das Universum ist so unbegreiflich, es macht mir in seiner Unfassbarkeit Angst. Was war vorher? Was wird nachher sein?» Gedanken über Anfang und Ende, über Tod und Leben wolle sie greifbar machen. Sichtbar machen.

Die sichtbaren Dinge des Universums sind die Gestirne, sind Sonne und Mond. Deshalb hat Isabelle Krieg über der Welt-Nabelschnur einen Sternenhimmel gehängt. Munter blinken die Sterne, voll steht der Mond am dunkeln Museumshimmel. Ein romantisches Bild. Auf den ersten Blick zumindest. Denn der Mond von Isabelle Krieg entpuppt sich als von innen beleuchtetes Fladenbrot, die Sterne gar als menschliche Zähne, die, mit einem LED-Lämpchen bestückt, verführerisch leuchten, aber uns auch klarmachen, wie vergänglich wir selber sind.

Ertappte Romantik

Nach dieser Seherfahrung misstrauen wir der schönen Bildwelt hier. Zu Recht. Denn auch die Serie der roten und orangen Sonnen kommt uns seltsam vor. Seltsam? Nein, eigentlich vertraut. Es sind nämlich Verkehrsschilder: Ausgebleichte und verwitterte Fahrverbotstafeln, die sich unserem Auge als Sonnen einschmeicheln wollen. Als Druckvorlage für einen Mondzyklus diente ein mit Tintenfischtinte bestrichenes Fladenbrot. Das sieht gut aus – und habe auch gut geschmeckt.

Isabelle Krieg liebt Doppeldeutiges und Hintergründiges. Die schönen Gefühle wolle sie nicht zerstören, nur unsere Inkonsequenz, unsere Ambivalenz deutlich machen. «Wenn ich von meinem Atelier in Dresden der Elbe entlang nach Hause gehe und die untergehende Sonne sehe, ist das unglaublich schön.»

Aber eigentlich erscheinen uns Sonne und Mond – sachlich formuliert – als kleine, runde Leuchtscheiben. Nicht grösser als die Taschenlampen-Lichter, die sie Menschen als «Nebensonnen» unters T-Shirt steckte und zum Beweis als Gruppenfotos ins Museum bringt. So verquickt die Künstlerin Kosmisches und Irdisches, findet visuelle Analogien von Erhabenem und Gewöhnlichem. Oder wie es der Ausstellungstitel suggeriert: «ALL TAG».

Wunderschön luftig wirkt das mit kleinen, schwarzen Dingen behängte Mobile. Doch Moment ... die Figürchen sind ja Knochen!? «Es ist das komplette Skelett einer Katze. Von den Krällchen bis zum Schädel», sagt Krieg. Sie habe es von einer Präparatorin bekommen, es schwarz lackiert und verleihe der Katze hier ein spielerisches, achtes Leben.

Für das Thema Werden, Wachsen und Vergehen des Menschen hat sie im «Life-Jackett» eine eingängige Bildlösung gefunden. Dutzende Jacken – vom kleinen Baby-Schlüttli bis zum voluminösen Grossmutter-Morgenrock – hat sie dicht über dicht geschichtet. Ein «Life-Jackett» eben, ein ganzes Leben durch Jacken symbolisiert.

Auch die Biografie der 47-jährigen Künstlerin liest sich wie eine Schichtung. Nach dem Gymnasium war die Freiburgerin mit einem Wanderzirkus unterwegs, besuchte die Dimitri-Schule in Verscio, machte Theater, Performances und entschloss sich 1998, ganz auf bildende Kunst zu setzen. In Berlin, später in New York und Zürich entwickelte sie ihre multimediale Arbeitsweise sowie ihre Werke zwischen philosophisch-gesellschaftlichen Fragen und Alltag. Heute lebt sie in Dresden.

Überraschende Augenöffner

Was einem am meisten Freude macht, ist die Fähigkeit der Künstlerin, sprechende Bilder zu erkennen und zu erfinden. So entdeckte sie, dass sich Saucen- und Milchkaffee-Reste auf Tassen und Tellern mit dem Finger zu Bildern formen lassen.

Die unappetitlichen Reste einer Curry-Wurst werden zur Weltkarte verzogen und in ihren Morgentassen hat sie über Jahrzehnte Porträts der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft gemalt. Das dreckige Geschirr der Weltpolitik wäscht sie danach nicht, sondern präsentiert es – respektlos, aber passend – in billigen Plastikwaschbecken.

Oder ein ganz anderes Thema: Der Anblick, wie sich eine Frau im Bikini mit ausgestreckten Armen auf dem Wasser treiben lässt, hat Isabelle Krieg zu einer kleinen Skulptur animiert. Wenn «Die entspannte Frau» nun aber an der Wand hängt, hoch oben im Herrgottswinkel, dann löst das – gerade im katholischen Solothurn – natürlich noch ganz andere Gedanken aus.

Isabelle Krieg ALL TAG. Kunstmuseum Solothurn, bis 28. Juli. Vernissage: Sa, 4. Mai, 17 Uhr.