Interview

Israelischer Wissenschafter und Filmemacher Emanuel Cohn über Hitler-Comedy: «Goethe ist nicht Goebbels»

Er erwartet sich von Europa vehementen Widerstand gegenüber Drohungen, den Staat Israel zu vernichten: Emanuel Cohn.

Er erwartet sich von Europa vehementen Widerstand gegenüber Drohungen, den Staat Israel zu vernichten: Emanuel Cohn.

Der israelische Wissenschafter und Filmemacher Emanuel Cohn im Gespräch über Hitler-Comedy und das Erinnern des Holocaust.

Wie unterschiedlich gingen und gehen die erste, zweite und dritte Generation mit dem Holocaust um? Darüber sprach im Rahmen eines Gastvortrags an der Universität Luzern, den die Graduate School of Humanities and Social Sciences und das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität organisierten, Emanuel Cohn (43). Gezeigt wurde auch sein Film «Der kleine Diktator».

Emanuel Cohn wuchs in Basel auf. Er lebt als Dozent für Film und Judentum, Schauspieler und Drehbuchautor in Jerusalem.

In Ihrem Kurzfilm leitet Yossi Kleinmann, Professor für Geschichte, eine Vorlesung über die Führer diktatorischer Regime. Niemand scheint den schüchternen Wissenschafter ernst zu nehmen – weder seine Studenten noch seine Frau. Bis er beim 90. Geburtstag von Oma Gerda, einer Holocaust-Überlebenden, seine Rede versehentlich mit Hitlerschnauz halten muss. Darf man über Hitler Witze machen?

Emanuel Cohn: Der Film macht keine Witze über Hitler, schon gar nicht über den Holocaust. Als Yossi Kleinmann in die unerwartete Situation mit dem Hitlerschnauz gerät, weil er sich wegen das Sabbats nicht zu Ende rasieren konnte, geht es darum, die ausserordentliche Kraft von Diktatoren und ihre Wirkung auf andere zu thematisieren.

Was für eine Kraft?

Kleinmann imitiert Mussolini, Lenin, Stalin und Hitler und durchlebt eine Metamorphose. Er inhaliert gewissermassen das Charisma dieser Diktatoren, denen ja eine Mischung aus totaler Verrücktheit und rhetorischer Kraft zu Eigen ist.

Durch die Figur der Auschwitz-Überlebenden Oma Gerda wird auch der Holocaust im Film thematisiert. Wäre es überhaupt zulässig, sich auf Hitler zu beziehen, ohne dabei an den Holocaust zu erinnern?

Man kann Hitler nicht vom Holocaust trennen. Dieses Problem hat schon mit dem Film «Der Untergang» (D/I/R/Ö, 2004) begonnen – ich finde eine solche Humanisierung Hitlers extrem gefährlich. Bruno Ganz hat in diesem Film Hitler wunderbar gespielt – aber ein Sympathisieren mit dem «Menschen Adolf Hitler» kann ich nicht tolerieren. Ich akzeptiere Filme, in welchen SS-Männer mit moralischen Dilemmas gezeigt werden, auch wenn ich wünschte, in der Nazirealität wäre das moralische Gewissen ausgeprägter gewesen... Aber Hitler sollte man diesbezüglich ausklammern.

In Deutschland war es lange Zeit ein Tabu, über Hitler zu scherzen. Mit dem neuen Jahrtausend hat sich das geändert. Ist das denn wirklich okay?

Ich habe mit Komödien über Hitler – vielleicht ironischerweise – weniger Probleme als mit Dramen über ihn – Hitler war eine groteske Figur. Sich über ihn lustig zu machen, geht für mich in Ordnung, und niemand anders als der grandiose Charlie Chaplin verstand es, in seinem «Grossen Diktator» Hitler satirisch darzustellen. Es ist nicht die Komödie, sondern das Hitler vermenschlichende Drama wie der erwähnte «Untergang», das in meinen Augen gefährlich ist.

Was macht den berühmten ­jüdischen Humor aus?

Der jüdische Humor war Rettungsanker der Juden über all die Jahrhunderte der Verfolgung und der Pogrome in Europa. Ohne diesen Humor wäre das jüdische Volk vermutlich zugrunde gegangen. Im jüdischen Witz liegt immer eine ernste Komponente, und in der seriösesten Situation ist Humor dabei. Die Wurzel dieses Humors liegt im Talmud und in der Diskussionskultur des Judentums.

Was heisst das genau?

Im Talmud, dem religiös-literarischen Herzstück des Judentums, wird alles hinterfragt, kein Thema ist tabu, und keine Obrigkeit kann sich Kritik entziehen. Das Judentum ist geprägt von Selbstironie und Diskussionsfreudigkeit. Keine Debatte wird unterdrückt. In Kulturen, wo dies hingegen der Fall ist, hat es der Humor schwer.

Sie sind in Basel aufgewachsen und 1993 nach der Matur nach Israel gezogen. Eine grosse Umstellung?

Nein. Wandern jüdische Menschen nach Israel aus, ist das immer eine historische und spirituelle Heimkehr.

Wie lebt es sich in Jerusalem?

Jerusalem ist eine wunderbare Weltstadt: vielseitig, lebendig, mystisch – nirgends sonst nehme ich diese Mischung wahr.

Sie sind Gelehrter für Talmud – wie orthodox sind Sie?

Ich bin «modern-orthodox». Das heisst, ich versuche mich an das überlieferte jüdische Religionsgesetz zu halten, ohne mich vor der Moderne in all ihren Facetten zu verschliessen.

Im Kurzfilm hört der jüdische Geschichtsprofessor Schubert-­Lieder und deklamiert Gedichte von Goethe. Ihr Aufruf zu geistiger Offenheit?

Nach dem Holocaust war deutsche Kultur in manchen jüdischen Familien erst mal tabu: keine deutschen Lieder, Autos, Radiergummis. In manchen Fällen war die zweite Generation in Israel, wie ich es in meinem Film darstelle, noch extremer – alles Deutsche wurde zur Seite geschoben. Mit unserem Kurzfilm wollten meine Schwester Nurith und ich eine Differenzierung zwischen deutscher Kultur und Nazitum anstreben. Goethe ist nicht Goebbels. Es ist für uns ein sehr persönlicher Film.

Sie haben Ihren Kurzfilm zwei Damen in Ihrer Familie gewidmet?

Genau. Erstens meiner Grossmutter Rose Galewski, einer ursprünglich aus Berlin stammenden Dichterin. Und zweitens meiner Tante Etti, die kurz nach Staatsgründung aus Basel nach Israel ausgewandert ist. Im «gelobten Land» war es für beide nicht immer einfach, zumal ihre Verbindung zur deutschen Kultur von der lokalen ­Bevölkerung kaum verstanden wurde. Mein Film ist unter anderem eine Hommage an die sogenannten Jekkes, die deutschen Juden, die ihr ganzes Leben in zwei Welten gelebt und den Geist Israels so einmalig schön bereichert haben.

Wie wichtig ist das Erinnern? Könnte sich der Holocaust wiederholen?

Der Philosoph George Santayana sagte den wegweisenden Satz: «Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.» Das ­Erinnern an die Grausamkeiten der ­versuchten Vernichtung des jüdischen Volkes verpflichtet alle, insbesondere die Europäer, auf deren Boden sich der Holocaust abgespielt hat, gegen jegliche Form von Rassismus und Antisemitismus energisch und aktiv aufzutreten. Wenn ich die unverblümten Drohungen eines Terrorstaates wie Iran, den Staat Israel zu vernichten, höre, erwarte ich von den Europäern, und da schliesse ich die Schweizer mit ein, einen vehementen Widerstand. Der Holocaust ist nicht eine historische Episode, er hat – leider! – praktische Relevanz im Hier und Jetzt. Wenn sich jüdische Menschen nicht auf europäischen Strassen sicher fühlen können, wenn der einzige jüdische Staat auf der Welt Vernichtungsdrohungen ausgesetzt ist, welche von den meisten europäischen Ländern einfach hingenommen werden, dann hat Europa versagt.

Wie erinnert man in Israel an den Holocaust?

Selbstverständlich ist der Holocaust in Israel sehr präsent. Das beginnt in der Familie: Es gibt kaum eine jüdische ­Familie, welche ihre Wurzeln in Europa hat und die vom Holocaust nicht in ­irgendeiner Form getroffen wurde. ­Daneben wird das Thema auch in den Schulen behandelt. Viele Schüler zwischen 16 und 18 Jahren reisen mit ihren Lehrern nach Polen, um sich ein Bild von den Orten des Schreckens, aber auch vom Judentum, das vor dem Holocaust dort existiert hatte, zu machen. Dazu kommen die Schweigeminuten am Holocaust-Gedenktag, an welchen in Israel alles still steht. Ein unbeschreibliches Erlebnis, das unter die Haut geht.

Wie gingen und gehen die erste, die zweite und die dritte Generation mit dem Erinnern um?

Die zweite Generation hatte es schwierig. Sie war mit dem Trauma ihrer Eltern, der ersten Holocaust-Generation, konfrontiert und wuchs oft in einem Heim auf, in welchem das Grauen präsent war, aber nicht angesprochen wurde. Diese «Realität des Schweigens» charakterisierte viele jüdische Heime in den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust. Manchmal wurde auch das Schuldgefühl der ersten Generation, den Holocaust im Gegensatz zu anderen überlebt zu haben, an die Kinder weitergegeben. Spätestens seit den 80er-Jahren hat sich in Israel aber die offene Auseinandersetzung der zweiten Generation mit diesem schmerzhaften Kapitel durchgesetzt. Die dritte Generation wiederum hat einen Zugang mit weniger Ballast. Viele junge Menschen aus der dritten Generation befragen und interviewen die erste Generation und möchten mehr über deren Schicksal erfahren. Und auch Holocaust-Überlebende sind heutzutage bereiter, über ihre traumatischen Erfahrungen zu erzählen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie das Gefühl haben, dass man ihnen zuhört.

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