Literatur

James Wood, ein geduldiger Autor von Rissen in der Familie

Der britische Literaturkritiker und Schriftsteller James Wood.

Der britische Literaturkritiker und Schriftsteller James Wood.

Im ersten auf Deutsch vorliegenden Roman «Upstate» erweist sich der britische Autor James Wood als wunderbar gelassener Erzähler.

«In jedem Atom, in jedem Aspekt muss eine verborgene, unendliche Gelassenheit spürbar sein. Die Wirkung auf den Betrachter wird eine Art von Verblüffung sein.» Dies schrieb der britische Literaturkritiker James Wood in seinem 2011 erschienenen Buches «Die Kunst des Erzählens». Wood, 1965 geboren, sondierte darin die Bedingungen modernen und gleichsam zeitlosen Erzählens, indem er an Grössen wie Flaubert, Dickens oder Philip Roth Begriffe wie Realismus, Figurenzeichnung oder die sogenannte «Selbsterlebte Rede» wegweisend untersuchte. Sein Buch avancierte zum modernen Klassiker – und machte den Briten, der heute als Professor für angewandte Literaturkritik in Harvard unterrichtet, berühmt.

Nun liegt ein erster Roman von ihm auf Deutsch vor, der als Schauplatz jenen Teil des Bundesstaates New York hat, der sich weder dem Grossraum New York City selbst zuschreiben lässt noch dem entlegeneren Long Island. Es handelt sich um eine raumgreifende Erzählung in der Tradition klassischer Familienromane. Wo Breitwand-Epiker die folgenreiche Dysfunktionalität ihrer Figuren im Familienverbund ausbreiteten, setzt Wood in «Upstate» auf das Prinzip der Verdichtung. Das erzeugt beim Leser tatsächlich die von ihm eingangs für gelungenes Erzählen geforderte «Verblüffung».

Ein Schriftsteller wie ein behutsamer Psychotherapeut

Getragen von einer «spürbaren, unendlichen Gelassenheit» nimmt Wood die drei Figuren seines Kammerspiels in den Blick: Alan Querry, ein erfolgreicher englischer Bauentwickler und seine Töchter Vanessa und Helen. Vanessa ist Philosophin und lehrt in der Nähe von New York, während Helen für ein Musiklabel von London aus operiert. Beide eint, dass sie sich nie vom jähen Ausbruch ihrer Mutter Cathy aus der Ehe mit Alan erholt haben. Vanessa schlägt sich seitdem mit Depressionen herum. Als sie einen erneuten Schub erleidet, reist Alan zu ihr, um an sechs langen Wintertagen mit Helens Hilfe herauszufinden, was es mit Vanessas Leiden auf sich hat.

«Da war er, endlich: Er hatte den weiten Weg zurückgelegt, um sie in Amerika zu besuchen. Sein attraktives, schmales Gesicht war bleich, und sie stellte fest, dass sie sich ihn nicht mehr als jüngeren Mann vorstellen konnte.» Behutsam wie ein Psychotherapeut lenkt Wood Alans Fragen in das innerste der Seelen seiner beiden Töchter mit dem Ergebnis, das wir zu staunenden Zeugen eines faszinierenden Selbstentblätterungsprozesses werden. «Er sah seinen beiden hochintelligenten, erwachsenen Töchtern dabei zu, wie sie einander näher kamen und sich wieder abstiessen, wie Magnete mit wechselnden Polen.»

Darin liegt der Reiz von Woods dezentem Buch: dass es zeigt statt zu werten – ohne es auf eine alles einholende Pointe abgesehen zu haben. Denn wie ein kluger Insektenforscher, der sich über seine Fänge beugt, widmet Wood sich seinen Figuren – stets darauf bedacht, nicht den kleinsten Teil zu beschädigen. Weil er verstanden hat, dass es nicht immer die ganz grossen Zusammenhänge sein müssen, die es herauszustellen gilt, widmet er sich gezielt den kleinen: jenen winzigen, folgenschweren Rissen in den Seelen, die uns oft mehr und dauerhafter zusetzen, als es die grossen einmaligen Niederschläge bisweilen tun.

James Wood Upstate. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Rowohlt, 300 S.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1