Musik

«Jetzt ist die Zeit für etwas Vernunft»: Nach acht Jahren kehren die Ärzte mit einem neuen Album zurück

Die Ärzte, Farin Urlaub, Rodrigo González und Bela B.: «Bei der Coronapandemie geht es um Solidarität».

Die Ärzte, Farin Urlaub, Rodrigo González und Bela B.: «Bei der Coronapandemie geht es um Solidarität».

Die Ärzte veröffentlichen nach acht Jahren wieder einmal ein Studioalbum. Ein Gespräch mit Schlagzeuger Bela B. über Corona, Schutzmassnahmen und den negativen Einfluss von Streaming.

Damit der erwartbare und etwas abgewetzte Wortwitz gleich zu Beginn des Textes verpulvert wird: Es ist grad eine gute Zeit, um auf die Ärzte zu hören – oder um die Ärzte zu hören. Die deutsche Rockpunkband veröffentlicht nach acht Jahren, mitten in einer merkwürdigen Zeit, mal wieder ein Studioalbum. «Hell» heisst es, und wenn die beiden vorab veröffentlichten Singles (mehr konnten wir wegen der Schutzmassnahmen – gemeint ist für einmal die Absicherung gegen Raubkopierer – nicht hören) nicht täuschen, dann bleiben die Ärzte die Ärzte. Das ist tröstlich in einer Zeit, in der sonst nur noch wenig ist, wie es mal gewesen war.

In Hamburg sitzt Bela B., ein Drittel der Ärzte, am Telefon und erzählt ausführlich und gut gelaunt über die Platte, die Musik und – natürlich auch – Corona. «Der Lockdown hat uns bei den Aufnahmen tatsächlich genutzt. Wir hatten im Studio unter Quarantänebedingungen keine Ablenkung», sagt er.

Punker rufen zur Vernunft

Ein schöner Schnellschuss war auch das «Lied für Jetzt». Aufgenommen über Mobiltelefone, entstand im Lockdown dieser Lockdown-Song. «Die Kanzlerin, sie sagt: ‹Bela, bitte bleib Zuhaus›/Es gibt doch jeden Tag jetzt die Sendung mit der Maus/Der Premium-Bereich von Pornhub ist für alle freigestellt/Das bisschen Quarantäne ist nicht die schlimmste Sache der Welt.» Dazu noch einen flotten Video-Clip gebastelt, und fertig war der Soundtrack zum Drinbleiben. Mit Witz und trotzdem Message.

Aber halt. Da rufen uns ja Punker zum Staatsgehorsam auf. Von der Revolution zur Vernunft? Bela lacht. «Ich habe nichts dagegen, zu den Vernünftigen zu gehören. Wir sagen ja nicht: ‹Findet alles gut, was der Staat sagt.› Aber bei der Coronapandemie geht es ja auch um Solidarität», sagt er.

Es sei bezeichnend, dass «ausgerechnet die Rechtspopulisten nichts von solcher Solidarität wissen wollen.» Wenn dann Punks sagen müssen, «jetzt reissen wir uns mal eine Weile zusammen und befolgen die Regeln, dann empfinde ich dies nicht als Rückschlag im Punker-Stolz. Jetzt ist die Zeit für etwas Vernunft. Morgen können wir dann wieder unvernünftig sein.»

«Wir wollen Feste feiern, hemmungslos sein»

Nur: Wann dieses Morgen sein wird, wissen leider auch die Ärzte nicht. Ihre für diesen Winter geplante und ausverkaufte Tour wurde bereits um ein Jahr verschoben. «Es ist ärgerlich, dass wir keine Konzerte spielen können. Aber ist nun einmal so», zeigt sich Bela pragmatisch. Pogo tanzen mit Abstandsregeln gehe nun wirklich nicht.

Da aber nicht nur die Ärzte nicht auf Tour gehen, leidet eine ganze Branche enorm. Bela B. selber will nicht klönen, «aber ganz vielen anderen Künstlern und Leuten aus der Eventbranche geht es schlecht, die brauchen Hilfe.» Aus seiner Sicht genügen dabei die staatlichen Massnahmen nicht. Für den Schlagzeuger hängt dies auch mit der Streamingkultur zusammen. «Wir haben uns daran gewöhnt, dass Musik immer verfügbar ist. Und was immer verfügbar ist, muss man auch nicht retten», sagt Bela B. Viele Musiker, Licht- und Tontechniker, Stagehands und Veranstalter würden von den Regierungen einfach im Regen stehen gelassen. «Das hat auch damit zu tun, dass die Musik als Sache an Wert verloren hat», urteilt er.

Ohne Streaming keine jungen Fans

Die Ärzte selber sind zwar mittlerweile auch auf den Streamingdiensten zu finden, aber «wir waren eine der letzten Bands, die nicht auf diesen Plattformen» war. Er bedauere die Streaming-Entwicklung. «Aber irgendwann mussten wir uns entscheiden: Wollen wir auch noch bei einem jüngeren Publikum stattfinden?» Verweigere man sich solchen Diensten «bist du für gewisse junge Hörer gar nicht existent. Die konsumieren keine CDs mehr.» Und man mache Musik ja letztlich immer darum, um gehört zu werden. Er selber konsumiere immer noch am liebsten Platten. Auch wegen der ganzen Haptik. Dem Gesamtpaket und dem schönen Booklet.

Zum Schluss noch einmal ein etwas plumpes Wortspiel: Haben die Ärzte allenfalls ein Rezept, um die Livesache doch durchzuziehen? Bela B.überlegt.

Trotzdem geschrieben: Hoffnung kann man ja eigentlich grad ganz gut gebrauchen.

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