Portrait

Jossi Wieler erhält den Grand Prix Theater – was ist das Geheimnis des Schweizer Regisseurs, der in Deutschland ein Star ist?

In der internationalen Bühnenwelt zu Hause: Der Ostschweizer Theater- und Opernregisseur Jossi Wieler.

In der internationalen Bühnenwelt zu Hause: Der Ostschweizer Theater- und Opernregisseur Jossi Wieler.

Obwohl er eigentlich alles erreicht hat, was man in der Theaterwelt erreichen kann, zweifelt Jossi Wieler manchmal an sich selbst. Auch weil der Starregisseur sich immer wieder an neue Projekte wagt.

Jetzt auch noch der Grand Prix Theater Schweiz, der Hans-Reinhart-Ring. Es scheint, als würde Jossi Wieler Auszeich­nungen magisch anziehen. Wieler, der zurückhaltende Schweizer Regisseur, aufgewachsen im thur­gauischen Kreuzlingen, in der internationalen Theaterwelt zu Hause, ist überwältigt von dem Preis, der ihm jetzt vom Bundesamt für Kultur verliehen wird.

Es ist der wichtigste Theaterpreis der Schweiz, dotiert mit 100 000 Franken – das mache ihn sprachlos, sagt Wieler. Er ist in Berlin, wo er am Deutschen Theater die deutsche Erstaufführung des jüngsten Stücks von Peter Handke, «Zdeněk Adamec», probt.

Blick in die Probeaufführung von Peter Handkes «Zdeněk Adamec».

Blick in die Probeaufführung von Peter Handkes «Zdeněk Adamec».

Die Ehrung aus der Heimat, in der er schon lange nicht mehr lebt, bedeutet ihm viel – zumal er die meisten seiner Erfolge in Deutschland feierte. Als Intendant der Staatsoper Stuttgart, von 2011 bis 2018, wurde sein Haus zur Oper des Jahres gekürt, er selbst mehrfach ausgezeichnet.

Den Dingen auf den Grund gehen

Aber eben, so einen Weg – das Wort «Karriere» mag er nicht – könne man nicht planen. Dass sein Theaterschaffen nun als Ganzes gewürdigt wird, freut ihn wirklich. Eine Künstler­bio­grafie schreibe sich von Moment zu ­Moment, von Produktion zu Pro­duktion, über Jahre, Jahrzehnte. Er habe viel Glück gehabt. Und wegen der Auszeichnungen inszeniere er doch nicht.

Jossi Wieler spricht konzentriert, druckreif, bedächtig, als würde er jedes Wort genau abwägen, mit einer grossen Ernsthaftigkeit. Man hat das Gefühl: So intensiv, wie er sich auf das Gespräch einlässt, taucht er auch in die Stücke ein. Ganz im Moment, nachdenkend, dabei höflich und zuvorkommend. Das Durchdringen, den Dingen auf den Grund gehen wollen, das genaue Hineinhören zeichnen auch seine Theaterarbeit aus.

Dass Wieler zum Theater und dann zur Oper kam, war nicht geplant. Nach der Matura in Frauenfeld wollte er in Israel Sozialarbeit und Psychologie studieren, entdeckte über Kommilitonen als 22-Jähriger das Theater und studierte Regie. Er hätte auch in Israel, wohin seine Familie in den 1970er-Jahren ausgewandert war, arbeiten können, doch es zog ihn nach Deutschland, wo an den Theatern mehr experimentiert wurde – und wo Wieler sich schnell einen Namen machte.

1982 seine erste Inszenierung in Düsseldorf, 1986 die erste Einladung zum Berliner Theatertreffen, der Werkschau des deutschsprachigen Theaters – es sollten noch viele Einladungen folgen. Als Hausregisseur in Basel unter Frank Baumbauer wurde er vom damaligen Stuttgarter Opern­direktor Klaus Zehelein für seine erste Operninszenierung angefragt.

«Oper war mir eigentlich fremd», sagt Wieler rückblickend. Zehelein brachte ihn mit dem Dramaturgen Sergio ­Morabito zusammen; aus der ersten Zusam­menarbeit 1994 wurde eine Erfolgs­geschichte und eine Opernpartnerschaft bis heute.

Jossi Wielers Jelinek-Uraufführung «Rechnitz (Der Würgeengel)», die er 2008 für die Münchner Kammerspiele inszenierte.

Jossi Wielers Jelinek-Uraufführung «Rechnitz (Der Würgeengel)», die er 2008 für die Münchner Kammerspiele inszenierte.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Hier zeigt sich, was Wielers Theaterverständnis ausmacht: Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Dialog. Theater ist für ihn die kollektivste aller Künste. Theater und vor allem Oper gelten zwar als streng hierarchisch, aber dass er seit 25 Jahren im Duo inszeniert, spricht für sich. Er erklärt:

Klänge es nicht ein bisschen despektierlich, könnte man seine Arbeitsweise als altmodisch bezeichnen. Während andere Regisseure das postdramatische Theater weitertreiben, Stücke als eine Art Steinbruch für eigene Überschreibungen nutzen, bleibt Wieler dem Text treu.

Das hat nichts mit der von Traditionalisten beschworenen «Werktreue» zu tun – wieder ein Begriff, den er nicht mag. Wieler horcht in den Text, in die Partitur hinein. Er sagt:

Seine Kunst ist, dass in seinen Inszenierungen die Gegenwart durchscheint. Er legt in jedem Stück die Relevanz für heute frei. Findet in alten Klassikern wie in neuen Werken moralisch-ethisch oder philosophisch zwingende Fragen, denen man sich als Zuschauer nicht entziehen kann, die einen aufwühlen und berühren.

Auf dem Theaterolymp angekommen

Mit seinen 69 Jahren hat Jossi Wieler eigentlich alles erreicht, was man in der Theaterwelt erreichen kann. Trotzdem macht er weiter. Die Theaterarbeit bereichere ihn, sagt er. In der Corona-Zwangspause habe er gemerkt, wie sehr ihm der tägliche intensive Austausch fehle.

Mehr noch: Im Theater geht es ums Zuhören nicht nur für die auf und hinter der Bühne, auch fürs Publikum. Zuhören, wenn etwas gesellschaftlich Relevantes abgehandelt wird. Das sei kostbar, gerade heute, Theater als utopischer Raum, in dem man sich zuhört. Zwei Produktionen und eine Wiederaufnahme sind pandemiebedingt ab­gesagt worden – das schmerze und ­mache ihm Angst vor seinem «Wiedereinstieg» in die Schauspielregie. Wieler:

Seit 2010 hat er, bis auf eine Ausnahme, nur noch Opern inszeniert. Jetzt der Sprung ins kalte Wasser, mit ihm unbekannten Kolleginnen und Kollegen am Deutschen Theater Berlin. Aber Angst sei ein Teil des Schaffens, sagt er. Man stutzt: Einer mit dieser Erfahrung, der so viel Erfolg hatte und hat, müsste selbstbewusst ans Werk gehen. «Nein, dem Schaffen wohnt Scheitern inne», sagt Wieler.

Er träumt davon, weiter träumen zu können. Und dass das Glück, das er beruflich empfunden hat und empfindet, lange bestehe.

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