Kampf gegen Islamismus
Mit Schocktheater gegen den IS rüttelt der deutsche Aktivist Hassan Geuad auf

Er ist Muslim, 1990 in Bagdad geboren, hat in Deutschland Germanistik studiert: Hassan Geuad kämpft in Deutschland mit Strassentheater für einen friedliebenden Islam.

Philipp Hedemann
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Mit solchen schockierenden Strassentheaterszenen wie 2014 in der Fussgängerzone in Essen will Hassan Geuad aufrütteln.

Mit solchen schockierenden Strassentheaterszenen wie 2014 in der Fussgängerzone in Essen will Hassan Geuad aufrütteln.

Bild: PD

Am helllichten Tag treiben in Schwarz gehüllte Kämpfer der Terrororganisation IS zwei Männer durch die Fussgängerzone in Essen. Sie bedrohen die Gefangenen in der orangenen Sträflingskleidung mit einem grossen Krummsäbel und einer Pistole und zwingen sie, mit auf den Rücken gefesselten Händen vor einem Einkaufszentrum in der deutschen Grossstadt niederzuknien. Verängstigte Kinder rennen weg, andere Passanten bleiben angewidert stehen. Dann hallt ein Schuss durch die gut besuchte Einkaufsstrasse. Einer der Gefangenen wird mit einem Schuss in den Hinterkopf hingerichtet, dem anderen wird mit dem Säbel die Kehle durchgeschnitten. Beide Männer sinken auf die Pflastersteine.

Was sich im Herbst 2014 im Ruhrgebiet zutrug, war kein Terroranschlag des Islamischen Staates, sondern nur Theater. Mit schockierenden Streetperformances setzt sich die deutsche Aktivisten-Gruppe «12thMemoRise» rund um den gläubigen Muslim Hassan Geuad gegen islamistischen Terror ein. Jetzt ist sein Buch «Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken» erschienen. Darin fordert er einen modernen Islam deutscher Prägung.

Der deutsche Aktivist Hassan Geuad.

Der deutsche Aktivist Hassan Geuad.

Bild: PD

Seine Aktionen weisen auf die Gefahr der Radikalisierung in Europa hin

«Solche Bilder müssen wir sehen, damit wir begreifen, was ausserhalb Deutschlands passiert», ruft Hassan Geuad den schockierten Passanten mit sich überschlagender Stimme zu, kurz bevor seine Mitstreiter ihre Gefangenen in der Fussgängerzone symbolisch hinrichten. Mit ihrer brutalen Strassenkunst wollen Geuad, sein Bruder Muhammed und seine Freunde provozieren und zeigen, dass die gespielten Szenen auch in Europa wahr werden könnten. Ein schwarzes, an die Fahnen des IS erinnerndes Banner mit der Aufschrift «Ausgebildet in Bonn, Braunschweig, Wuppertal» weist auf die Gefahr der Radikalisierung junger Muslime in Europa hin. Gut zwei Monate nach der Scheinhinrichtung in der Essener Fussgängerzone erschiesst der Tunesier Anis Amri in Berlin einen Lastwagenfahrer, rast mit dem gestohlenen Sattelschlepper in einen Weihnachtsmarkt und tötet so elf weitere Menschen. Zuvor hatte der Attentäter sich in Berlin radikalisiert und sich zum IS bekannt.

Hassan Geuad: Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken! Westend Verlag, 224 S.

Hassan Geuad: Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken! Westend Verlag, 224 S.

Hassan Geuad befürchtet, dass ein Anschlag durch in Europa radikalisierte Salafisten jederzeit wieder passieren könnte. «Die Salafisten sind im Internet und auf der Strasse sehr offensiv. Im schlimmsten Fall überzeugen sie Jugendliche, zu ex­tremistischen Tätern zu werden», sagt der 30-Jährige. Zwar glaubt er, dass der IS als Gruppe besiegt sei, doch: «Die Ideologie des radikalen politischen Islams lebt weiter. Sie ist in den letzten 50 Jahren immer wieder unter verschiedenen Namen aufgetreten und hat auch Terroranschläge verübt», so Geuad, der bei Anschlägen im Irak selbst drei Freunde und einen Cousin verloren hat.

«In vielen Köpfen entsteht die Gleichung: Muslime gleich Gefahr»

Für den Mann mit der deutschen Staatsbürgerschaft hat jeder islamistische Terroranschlag katastrophale Folgen. «Sie führen dazu, dass bei vielen Menschen im Kopf die Gleichung entsteht: Muslime gleich Gefahr. Ich kämpfe dafür, dass diese Gleichung nicht mehr aufgeht», sagt Geuad.

Der Schiit wurde 1990 in Bagdad geboren, vier Monate vor Beginn des Zweiten Golfkriegs. Sein Vater arbeitete als Ingenieur für Elektrotechnik, seine Mutter war Grundschullehrerin. Weil sein Vater aus moralischen und religiösen Gründen nicht an der Instandsetzung von Kriegswaffen für Diktator Saddam Hussein mitarbeiten wollte, floh er 1997 nach Deutschland, holte Hassan, seinen Bruder, seine Schwester und seine Mutter 1999 nach. Hassan bemühte sich um eine schnelle Integration. Doch seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stiessen Geuad und seine Familie vermehrt auf Ablehnung. Als der Islamische Staat ab 2014 weltweit anfing, Terror und Schrecken zu verbreiten, hatte Geuad genug, forderte von Muslimen auf aller Welt eine klare Distanzierung von jeglicher Gewalt und begann mit seiner Strassenkunst. Zu den Aktionen gehörte auch ein Sklavenmarkt, auf dem Geuad als IS-Kämpfer verkleidet junge Frauen wie Vieh versteigerte.

«Wir wollten die Ästhetik dieser schrecklichen Videos begreifen»

Um ihre Aktionen möglichst realistisch wirken zu lassen, haben Geuad und seine Mitstreiter viele Hinrichtungsvideos angeschaut. Sie bereiten Geuad noch immer Albträume. Dennoch sagt der Aktivist: «Wir mussten uns das ansehen. Wir wollten die Ästhetik dieser schrecklichen Videos begreifen. Es klingt furchtbar, aber sie sind filmische Meisterleistungen. Es ist ein bisschen wie Hollywood, nur viel krasser. Es sterben echte Menschen. Es ist teuflisch!»

Nach ihren Aktionen erhielten die Aktivisten von Muslimen zahlreiche Todesdrohungen. Geuad wurde nachts vom Fahrrad gestossen, der Staatsschutz bot ihm Personenschutz an, er machte sein Testament, litt unter Panikattacken, zweimal kippte er bei Schwächeanfällen um. Doch er machte weiter.

«Einen friedlichen Gegenpol zum IS bilden»

Warum tut sich der junge Mann das an, der Germanistik und Kommunikationswissenschaft studiert hat und als Marketinganalyst in Düsseldorf ein ruhiges Leben führen könnte? «Mein Gewissen zwingt mich dazu. Wir wollten einen friedliebenden Gegenpol zum IS bilden», so Geuad.

Ein paar Jugendliche mit einem Budget von 460 Euro wollten einen Gegenpol zur damals mächtigsten und reichsten Terrororganisation der Welt bilden. Ist das nicht ein bisschen grössenwahnsinnig? «Ja, das ist es», gibt Geuad unumwunden zu. Für richtig und notwendig hält er es trotzdem, denn er hat ein grosses Ziel. Er will an der Schaffung eines «friedliebenden, modernen Islams europäischer Prägung» mitarbeiten. Was er darunter versteht? «Ein barmherziger Islam, der sich einer globalen Ethik bedingungslos unterordnet, ohne seine Identität zu verlieren.» Geuad ist überzeugt, dass dies möglich ist.

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