Rassismus

«Kants grosse Völkerschau»: War der grosse Aufklärer Immanuel Kant ein Rassist?

«Kants grosse Völkerschau»: Eine Sammlung mit von ihm an den Haaren herangezogenen rassistischen Zuschreibungen.

«Kants grosse Völkerschau»: Eine Sammlung mit von ihm an den Haaren herangezogenen rassistischen Zuschreibungen.

In seinen Vorlesungen «Physische Geographie» erzählte der deutsche Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant im 18. Jahrhundert jede Menge an den Haaren herangezogene, rassistische Zuschreibungen über Afrikaner, Asiaten, Amerikaner.

Ich war naiv und ignorant. Ich übersah die offensichtlich rassistische Seite eines Vorbilds. Richtig also, kommt sein Denkmal in diesen Tagen ins Wanken. Es geht um den Jahrtausend-Philosophen Immanuel Kant, verehrt für seine unbedingte Aufforderung zum Selbstdenken «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit», der zum Leitspruch der Aufklärung geworden ist.

Kant, der für seine rigide Ethik «Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne» gefürchtet ist; Kant, der zeitlebens (1724–1804) die Grenzen seiner Heimatstadt Königsberg nicht überschritten hat.

Ich hätte es wissen müssen. Denn in meinem Bücherregal steht gleich neben der «Kritik der reinen Vernunft» ein antiquarisch erworbenes Büchlein: «Kants grosse Völkerschau», eine Sammlung mit von ihm an den Haaren herangezogenen rassistischen Zuschreibungen.

Das Fundament für das europäische Überheblichkeitsdenken

Für seine äussert beliebten Vorlesungen über die «Physische Geographie» hatte der Philosoph ein Paket aus Kolonialberichten, Seemannsgarn und Zeitungsnotizen geschnürt: Zwar weiss er beispielsweise, dass Chinesen mit zwei Stäbchen essen, hält sie aber für «rachgierig, feige, untertänig».

Ich fand das vor fast dreissig Jahren einfach kurios, stellte das Büchlein als Trouvaille ins Regal und realisierte nicht, dass der Meisterdenker am Fundament mitgebaut hatte für das verheerende europäische Überheblichkeitsdenken. Und dass die vergötterte Aufklärung einen rassistischen Splitter im Auge hatte. Kant: «Die Menschheit ist in ihrer grössten Vollkommenheit in der Rasse der Weissen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.»

Kant, der Moralist, war auch ein Rassist, Kant, der Selbstdenker, war ein schludriger Abschreiber. Statt Reiseberichte hätte er besser die Schriften von Arnold Wilhelm Amo gelesen. Als Kind in Ghana versklavt, wurde er als erster Afrikaner in Deutschland Professor für Philosophie – im Jahr 1736.

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