Er ist der Rapper, dem die ganze Welt an den Lippen hängt: Kendrick Lamar, Jahrgang 1987, aus Kalifornien. Sein letztes Album «To Pimp a Butterfly» erschien im März 2015 und war ein Meileinstein in der Rap-Geschichte: eine 80-minütige Brandrede von beispielloser lyrischer Raffinesse, die gegen Polizeibrutalität, Rassenungleichheit und Gewalt zielte.

Die «New York Times» nannte Kendrick Lamar damals den «Evangelisten des Black Power».

Jetzt, zwei Jahre und fünf Grammy-Awards später, ist Kendrick Lamar zurück. Vergangenes Wochenende hat er seinen neuen Song «Humble» veröffentlicht, ein Vorgeschmack seines mit Spannung erwarteten neuen Albums, das noch diese Woche erscheinen soll.

Kendrick Lamar - HUMBLE.

Kendrick Lamar - HUMBLE.

Kendrick Lamars Musikvideo zur Single "HUMBLE." (C) 2017 Aftermath/Interscope (Top Dawg Entertainment)

Der Song mit seinem düsteren Piano-Beat ist zweifellos ein Hit, aber in seiner Richtungsvorgabe mindestens so beunruhigend wie faszinierend.

Schon die erste Einstellung des Musikvideos zu «Humble» verdeutlicht das: Eingehüllt in eine päpstliche Robe badet Kendrick Lamar statt im Schweinwerferlicht in göttlichem Licht.

«Der echteste Nigger von allen»

Zwar schimmern die gewohnt kritischen Töne durch – so disst der Rapper an einer Stelle das Photoshop-Zeitalter und plädiert für ungeschminkte Models und Frauenhintern mit Zellulite («somethin’ natural»), die er in einem Bruch mit Rapvideo-Klischees auch zeigt.

Doch die Message von «Humble» ist klar: Nicht Kendrick Lamar soll Demut zeigen, sondern seine Konkurrenz.

«Verpisst euch von meiner Bühne», rappt Lamar im Song, und: «Ich bin der echteste Nigger von allen.» Das Video zeigt ihn mal inmitten eines schwarzen Mobs, mal auf einem Fahrrad, das in der Bildmitte kleben bleibt, während die Welt am Rapper vorbeirollt.

Und in der bemerkenstwertesten Einstellung – sie evoziert Leonardo Da Vincis «Das Abendmahl» – beansprucht er die Jesus-Position für sich.

Nachstellung von Leonardo Da Vincis «Das Abendmahl» im Musikvideo zu «HUMBLE.»

Kendrick Lamar als Jesus

Nachstellung von Leonardo Da Vincis «Das Abendmahl» im Musikvideo zu «HUMBLE.»

Wer ist hier grössenwahnsinnig?

Kendrick Lamar inszeniert sich mit «Humble» als Mittelpunkt der Welt und als Heilsbringer des Rap. Er demütigt andere Rapper, die sich ihm fügen und angesichts seiner lyrischen Überlegenheit in Ehrfurcht erstarren sollen.

«Wenn ich jetzt schon in Rente gehe, bin ich trotzdem der Grösste», verkündet er im Song, der sich als unbescheidener Diss-Track entpuppt.

Ist Kendrick Lamar dem Grössenwahnsinn verfallen? Ausgerechnet er, der die Bühnen dieser Welt mit Kapuzenpulli statt mit Goldketten erobert hat?

Der Rapstar hat die Bühnen dieser Welt mit Kapuzenpulli und Sneakers statt mit Goldketten und Gangster-Attitüde erobert.

Kendrick Lamars Markenzeichen: Hoodie statt Bling-Bling.

Der Rapstar hat die Bühnen dieser Welt mit Kapuzenpulli und Sneakers statt mit Goldketten und Gangster-Attitüde erobert.

Oder ist das etwa ein gewieftes Spiel mit Ironie, ist es vielmehr der Grössenwahnsinn von Rappern wie Kanye West, J Cole und Drake, den Lamar hier den Spiegel vorhält und der Lächerlichkeit preisgibt? Aufschlussreich dürfte es sein, «Humble» alsbald im Albumkontext zu hören.

Klar ist soweit nur: Der jazzige, schmerzhafte Unterbau von «To Pimp a Butterfly» ist auf «Humble» einem pulsierenden, angriffigen Hip-Hop-Furor gewichen. Das klingt verdammt cool und geht sofort ins Ohr – aber vielleicht nicht mehr ganz ins Herz.