Musik

Klassik dort hinbringen, wo Jay-Z herrscht

Gebannt lauschen Kinder klassischer Musik – beim Argovia Philharmonic ist das nicht ungewöhnlich. Argovia Philharmonic

Gebannt lauschen Kinder klassischer Musik – beim Argovia Philharmonic ist das nicht ungewöhnlich. Argovia Philharmonic

Jugend und Klassik sind eine rare Kombination. Manchmal ändert sich das durch das Argovia Philharmonic

Bei vielen Jugendlichen gilt klassische Musik als uncool — deswegen muss eben der Berg zum Propheten oder das Orchester zum Publikum. Soll heissen: Das Argovia Philharmonic holt nicht nur Kinder und Jugendliche an seine Konzerte, sondern geht auch aktiv auf sie zu. In diesem Fall ist auch der Berg prophetisch, machte sich das Argovia Philharmonic doch das Vermitteln zum Auftrag.

Klassik-Klasse

Wie oft hören Primarschüler «Peter und der Wolf»? Wie reagiert eine Werkklasse auf Mozart? Adrian Zinniker, der Leiter der Musikvermittlung des Argovia Philharmonic und seit der Gründung 1992 dabei, findet es heraus. Er besucht mit Kleinformationen aus Orchestermusikern Schulklassen. Zinniker merkte bald, dass es eine Altersfrage ist, wie einfach er seine Zielgruppe begeistern kann: «Primarschüler sind sehr offen und begegnen jeder Art von Musik unvoreingenommen. Sie unterteilen nicht in «cool» oder «uncool». Bei Jugendlichen sind die Berührungsängste grösser: «Wenn ich ihnen klassische Musik vorstelle, finden sie das seltsam», sagt Zinniker. Klassik entspricht nicht ihren Hörgewohnheiten, denn sie hören Hip-Hop und Elektronisches. Genau das verwendet Zinniker als Ansatzpunkt, um Barrieren abzubauen. Oft gehen Künstler aus der Musikwelt der Jugendlichen die Symbiose mit der Klassik ein, verarbeiten berühmte Motive klassischer Komponisten mit neuen Musikstilen, und Rap kann durchaus auf Rachmaninow treffen. Wenn Schüler und Jugendliche bereits ein Instrument spielen, werden sie auch auf dieser Ebene abgeholt. Dann bereiten Zinniker und seine Kollegen Passagen von klassischen Werken so auf, dass sie von den Schülern gespielt werden können.

Kleinformationen von Argovia Philharmonic wagen sich auch an besondere Projekte. Sie besuchten schon eine Schule für Kinder mit körperlichen Einschränkungen und gestalteten mit ihnen einen musikalischen Morgen zum Thema der «Bremer Stadtmusikanten». Geplant ist auch ein Projekt mit gehörlosen Kindern. Wie bitte? Genau. Sie werden die Musik durch das Erspüren von Vibrationen erleben.

Beim Abbau der Barrieren helfen die Lehrpersonen mit, aber auch die pädagogische Ausbildung, die zahlreiche Musiker des Argovia Philharmonic mitbringen. Die Vermittlung lohnt sich: Zinniker stellt fest, dass die Schüler nach und nach beginnen, Fragen zu stellen und die Stimmung in den meisten Schulzimmern auftaut. Das grösste Problem, auf das die Kleinformationen treffen, ist eigentlich keines: Sie erhalten so viele Anfragen, dass die blosse Bewältigung eine Herausforderung ist.

Oper für Fünfjährige

Andere Voraussetzungen gelten, wenn Kinder Konzerte besuchen. Das junge Publikum findet zwar durch Eltern, Grosseltern, Gotten und Göttis den Weg in den Konzertsaal, doch dann müssen sie erst vom Gebotenen überzeugt werden. Und welcher Fünfjährige kann sich schon ein ganzes Orchesterwerk anhören? Eben. Das Argovia Philharmonic plant fünfzig bis sechzigminütige Programme und lockert die Stimmung, indem die Musik von einer Erzählung unterbrochen wird. Ein wichtiger Unterschied zum Konzert für die «Grossen»: «Erwachsene finden schon selbst heraus, was sie von einem Konzert nach Hause nehmen wollen», sagt Christian Weidmann, der Intendant des Argovia Philharmonic, «bei Kindern planen wir das.» Man will ein Element der Erzählung vermitteln oder die Aufmerksamkeit auf die Musik und die einzelnen Instrumente lenken. Das Programm darf auch mal lustig sein, so wie beim nächsten Familienkonzert. Dort macht das Duocalva Cello-Comedy. Auf dem Programm steht Mozarts «Zauberflöte» — klingt nicht schon der Name geheimnisvoll und bietet sich für ein Kinderkonzert an?

Das Argovia Philharmonic gibt den Kindern nicht nur Geistiges mit nach Hause, sondern auch ein Malbuch, worin Orchester und Musikinstrumente ausgemalt werden können. Weidmann sagt: «Für Fälle, in denen die Kinder keine enge Beziehung zu uns oder zur klassischen Musik haben, wollten wir ein Mittel schaffen, um uns in Erinnerung zu rufen». Als Nächstes will er dem Malbuch eine CD mit der Musik des Konzerts beilegen. Weidmann bestreitet nicht, dass das auch Werbung ist. Doch wird damit Kindern ein Musikstil mitgegeben, zu dem sie sonst nicht in jedem Fall Zugang haben. Weidmann und Zinniker gehen einig darin, dass sich klassische Musik oft in einem elitären Umfeld bewegt – wenn die Eltern klassische Musik hören, ist es naheliegend, dass es auch die Kinder tun. Fehlt dieser Zugang, gelangen Kinder seltener zur Klassik. Ein geschlossenes System also? Das Argovia Philharmonic will Klassik allen zugänglich machen. Die Kosten dürfen grundsätzlich kein Hindernis sein: Eine Familie mit Kindern kann für 50 Franken ans Konzert. Kein Vergleich also zu sonstigen Familienausflügen, die meist teurer ausfallen. Klassik soll in die Stuben – alle Stuben – getragen werden.

Die Zauberflöte Aarau, Sa 14. 11., 11 Uhr. Kultur- & Kongresshaus. Weitere Daten: www.argoviaphil.ch.

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