Klassik
LiedBasel: Hätte der Star des Abends eine Chance an einem Gesangswettbewerb?

Das Festival LiedBasel bringt grosse Liedinterpreten und kluge Diskussionen nach Basel. Gestern wurde über Wettbewerbe diskutiert, danach sang Startenor Ian Bostridge.

Christian Berzins
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Ian Bostridge am Freitag im Hans Huber Saal des Stadtcasino Basel.

Ian Bostridge am Freitag im Hans Huber Saal des Stadtcasino Basel.

Benno Hunziker/LiedBasel

Genau dafür sind Festivals da: Man sitzt und sitzt und sitzt - und alsbald raucht der Kopf vor lauter hochkünstlerischen Gedanken. Doch dazwischen toben Tonorkane, entstehen Klangwunder und die Ohren erhalten Balsam. Bisweilen schafft er es gar, bis zur Seele vorzudringen. So geschehen am Freitagabend am «LiedBasel», dem Festival, das sich mit Haut und Haar dem Kunstlied hingegeben hat.

Von vorn.

Im Laufe des Freitags erhielten vier Gesang-Duos (Sänger/Pianist) an Meisterkursen mit Sopranistin Dorothea Röschmann und Liedbegleiter Wolfram Rieger Unterricht, wo Zuhörer willkommen sind. Um 18.30 Uhr verloren sich die jungen Sänger im Ackermannhof in der Basler St.Johannvorstadt zusammen mit einem kleinen Häufchen Gäste – «nicht zahlreich, aber interessiert» lautete der lakonische Kommentar des Moderators und Festival-Vizepräsidenten Alain Claude Sulzer - und lauschten fünf schlauen Leuten.

Diskussion zum Thema Wettbewerb (v.l.n.r): Mit Wolfram Rieger (Pianist), Esther Valentin (Sängerin), Alain Claude Sulzer (Vizepräsident LiedBasel), Moritz Eggert (Pianist und Komponist) und Aimée Paret (Musikconsultant)

Diskussion zum Thema Wettbewerb (v.l.n.r): Mit Wolfram Rieger (Pianist), Esther Valentin (Sängerin), Alain Claude Sulzer (Vizepräsident LiedBasel), Moritz Eggert (Pianist und Komponist) und Aimée Paret (Musikconsultant)

Benno Hunziker/LiedBasel

Sie waren zusammengekommen, um über Sinn und Unsinn von Lied-Wettbewerben diskutierten. Nicht um Sängerwettbewerbe ging es hier, nein, über Liedwettkämpfe wurde geredet. Wir sind in der Nische der Nischen – und erstaunlicherweise war da trotzdem viel Konsens zu hören.

Liedsängern und Liedsängerinnen können bei Wettbewerben durchaus Erfahrungen sammeln und spannenden Menschen treffen. Vorsicht ist aber geboten vor Veranstaltungen, bei denen junge Sänger finanziell ausgenommen werden und nichts Künstlerisches mitnehmen können.

Keiner durchdrang die Lieder emotional so tief

Das hatten wir vorher auch schon gedacht. Egal. Mitsamt des Gehörten wurde es für den Festivalgast eine Stunde später im Hans-Huber-Saal des Stadtcasinos spannend, wo Tenor Ian Bostridge begleitet von Julias Drake ein reines, dafür umso bunteres Schubert-Programm sang. Jener Sänger also, der vor 20 Jahren von der Klassikgemeinde vergöttert wurde, der auch dank der Plattenfirma EMI zum Star wurde – als Liedsänger notabene. Keiner durchdrang die Lieder emotional so tief wie er. Man verstand bei ihm zwar von deutschen Texten sehr wenig, aber nicht jeder Interpret ist nun mal ein Fischer-Dieskau.

Bostridge hat sich an der Spitze gehalten. Aber rasch drängte sich doch die Frage auf, was passieren würde, wenn der 56-jährige Brite an einem Wettbewerb teilnehmen würde.

Der schlaksige Hüne würde zweifellos schon äusserlich sofort auffallen, seine Art des innigen Singens durchaus auch. Aber hörten wir in der Diskussionsrunde nicht, dass oft jene Sänger gewinnen würden, die dem Durchschnitt einer Jury entsprechen) (ob das stimmt, blieb leider auch in der Luft). Das tat Bostridge nie – und wird es auch jetzt glücklicherweise nicht tun. Er nervt bisweilen – und kaum hat er es getan, muss man sich eine Träne aus dem rechten Auge wischen, da er acht Verse wundersam zusammenschmiegt, sie mit einem Armrudern ins Glück hebt.

Und so gewiss er alsbald Silben verschluckt, immer wieder Vokale unbändig überbetont, andere bloss für die Dunkel- oder Hellfärbung einer Phrase braucht, bringt er den Geist eines Gedichtes phänomenal in den Saal.

LiedBasel bietet noch heute und morgen ähnliche Möglichkeiten, um den Kopf unter gleichzeitiger Einwirkung von Balsam rauchen zu lassen: Konzerte, Diskussion, Meisterkurse, nur zu: Das ist alles höchst anregend.