Klassik
Musikmanager Christoph Müller im Interview: «Die alles entscheidende Frage lautet jetzt: Kommt das Publikum?»

Die Konzertagenda von Musikmanager Christoph Müller ist voll. Er glaubt, dass Corona den Standpunkt der Kultur gestärkt hat,
beobachtet ein neues grünes Denken in der Klassikbranche - und fürchtet eine Zweiklassengesellschaft im Konzertleben.

Christian Berzins
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Schon 2020 macht das Gstaad Menuhin Festival Erfahrungen mit reduzierter Belegung der Kirche: Andras Schiff und Patricia Kopatchinskaja bei Pop-up Festival 2020.

Schon 2020 macht das Gstaad Menuhin Festival Erfahrungen mit reduzierter Belegung der Kirche: Andras Schiff und Patricia Kopatchinskaja bei Pop-up Festival 2020.

Bild: Gstaad Menuhin Festival

Steht der Klassikschalter schon auf «Normalbetrieb»? Ihr Solsberg-Festival fand eben statt, das Gstaad Menuhin Festival startet in 40 Tagen.

Christoph Müller: Beim Solsberg-Festival mussten wir bis zum Beginn jonglieren, umplanen: Ein Quartett und eine Pianistin konnten nicht kommen, ein Chor aus England wollte nicht in Quarantäne.

… das Hin und Her hört nicht auf.

Doch, ab Juli erwarten wir Öffnungen und Lockerungen im internationalen Reiseverkehr. Es wird vieles einfacher.

«Ich empfand seitens der Kulturabteilungen der Kantone Bern, Basel-Stadt und Aargau eine grosse Bereitschaft, zu helfen», sagt Christoph Müller.

«Ich empfand seitens der Kulturabteilungen der Kantone Bern, Basel-Stadt und Aargau eine grosse Bereitschaft, zu helfen», sagt Christoph Müller.

Raphael Faux

Christoph Müller

Christoph Müller (50) leitet als Artistic Director das Gstaad Menuhin Festival seit 2002 und gründete im Jahr 2006 zusammen mit der Cellistin Sol Gabetta das Solsberg-Festival. Er ist seit 2011 Konzertmanager, Vorstand und künstlerischer Delegierter des Kammerorchester Basel, wo er zuvor lange als Cellist und Geschäftsführer tätig war. Mit Swiss Classics veranstaltet er in der 23. Saison den «Lucerne Chamber Circle» im KKL Luzern. Er lebt in Olsberg/AG und Basel.

Gab es Positives aus diesem Covid-Jahr?

Erstaunlicherweise war in den Medien oft die Rede, wie sehr den Menschen die Kultur fehlt. Dieses Bedürfnis wurde früher selten ausgerufen. Hat diese Krise bei vielen bisher eher kulturabstinenten Menschen etwas ausgelöst? Sie stellen fest, dass in der Gesellschaft ein Drang nach Kultur vorhanden ist und zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört. Sie haben gemerkt, dass man sich im Leben mit etwas anderem als bloss mit Arbeit beschäftigen will. Vielleicht entsteht dadurch eine neue Offenheit für unsere Sache, eine Anregung, Konzerte zu besuchen. Mich faszinierte es, dass in einer Krise diese Sehnsucht der Menschen nach Bereicherung, nach geistiger Nahrung plötzlich viel greifbarer wird.

Ist es gar ein Vorteil in zukünftigen Diskussionen mit der Politik?

Durchaus. Ich fand es wohltuend, die «Relevanz» der Kultur in der öffent­lichen Diskussion herauszuspüren. Viele haben sich zwar beklagt, wir hätten keine Lobby: Ich empfand es ganz anders. Die Unterstützungsmassnahmen greifen doch und sind auch in den Gesetzen verankert. Ich empfand seitens der Kulturabteilungen der Kantone Bern, Basel-Stadt und Aargau eine grosse Bereitschaft, zu helfen.

Was bleibt von den Covid-Konzertritual-Eigenheiten?

Kürzere Konzerte ohne Pause und eine parallele Entwicklung von physischen und digitalen Elementen könnten normal werden. Die digitalen Medien führen zu einer Umlagerung in der Kontaktpflege von Kulturschaffenden und Publikum – das ist gut so.

Impressionen vom Gstaad Menuhin Festival.

youtube

1200 Leute sollen in Gstaad Mitte Juli im Zelt sitzen. Realistisch?

Nein, wir planen defensiver als angekündigt, bieten nur 900 Plätze in 3 Sektoren à je 300 Plätze an. In der Kirche Saanen bleiben wir bei einem Platz­angebot von maximal 300 anstatt 700.

Alle sind optimistisch, das Sinfonieorchester Basel ging bereits auf Salzburg-Tournee. War alles nur Covid- Blabla, von wegen «der überhitzte Klassikbetrieb muss sich verändern und abkühlen»?

Es kommt auf das Mass drauf an. Wir sind alle davon abhängig, ob das Publikum wieder zu den Konzerten kommt. Jedes Schweizer Orchester kann noch so gerne nach Salzburg fahren, aber es bringt wenig, wenn dort nur 50 Leute im Publikum sitzen.

Es durften 1000 Leute ins Grosse Festspielhaus Salzburg, hier in der Schweiz wären es 100 gewesen.

Österreich ist einen Schritt weiter als wir und kann uns als Vorbild dienen. Die Öffnungen kommen auch bei uns. Aber die alles entscheidende Frage lautet: Kommt auch das Publikum? Es geht am Ende um die Existenz von Konzertreihen und Festivals, die nicht zum Grossteil öffentlich subventioniert sind.

Wer wird überleben?

Es wird zu einer Verschärfung der Zweiklassengesellschaft kommen, zwischen den hochsubventionierten und den privaten Veranstaltern. Der Konkurrenzkampf unter den marktwirtschaftlich organisierten Kulturunternehmen wird sich verschärfen. In diesem Spiel sind die hochsubventionierten im Vorteil.

Im Vorteil mit dem Geld, aber das Publikum ist da wie dort dasselbe.

Das stimmt, aber sie können es sich leisten. Die subventionierten Betriebe laufen auch mit 100 Gästen, die «Freien» hingegen zittern um den Break-even-Punkt beim Kartenverkauf.

Was müssen Sie also tun?

Jetzt gilt es, auf das Publikumsinteresse einzugehen, zu spüren, was gewünscht wird. Es gilt nun, vorsichtig zu wachsen, ein neues Vertrauen zu schaffen.

Das tönt so, als müssten Sie bei null beginnen?

Wir haben ein Stammpublikum, auf das wir bauen, und vielleicht öffnen sich auch beim digitalen Publikum Türen im physischen Konzertsaal. Aber ich spüre zwei Haltungen: das Verlangen nach den vermissten Konzerten. Aber da ist immer noch die Vorsicht, ja sogar eine Angst. Ich stellte es beim Solsberg Festival fest, wo wir die Schutzmassnahmen klar kommunizierten und trotzdem viele Rückfragen kamen. Leider mussten wir auch Hunderte ausladen aufgrund der limitierten Zuschauerzahl, was nicht bei allen gut ankam.

65. Gstaad Menuhin Festival Gstaad: Via Gstaad nach London

Das 65. Gstaad Menuhin Festival dauert vom 16. Juli bis 4. September und steht unter dem Thema «London». Gastkünstler ist der Geiger Daniel Hope: Er spielt mit Freunden an drei Abenden bri­tische Kammermusikwerk. Auch englische Chormusik wird aufgeführt – und zum Festivalfinale wird der Geiger Nigel Kennedy nach Gstaad zurückkehren. Die Stardichte ist enorm: Julia Fischer, Thomas Hampson, Khatia Buniatishvili, Hélène Grimaud, Maria João Pires und viele andere spielen im Festivalzelt Gstaad oder in die Kirche Saanen. Es gibt noch für den Grossteil der Konzerte Karten. (bez)

Programmieren Sie jetzt populärer?

Es sind eher Vorsichtsmassnahmen, da es gilt, Risiken abzuschwächen. Die Programme sind nicht seichter geworden, man kann den Pfeffer auch bei kürzeren Abenden und kompakteren Programmen streuen. Vielleicht bieten wir auch etwas weniger an.

Ein Opernintendant aus München hat in der NZZ gesagt: Die Krise war zu kurz, damit sich etwas verändert hätte. Stimmt das?

Sie ist noch nicht vorbei! Bei keinem meiner Projekte kann ich sagen, dass die Normalität bald wieder absehbar ist. Wir haben zwar wieder eine volle Agenda für 2021/2022, aber wir sind wie nie zuvor vom Publikum abhängig. Ich wäre glücklich, wenn alles zu Stande käme. Aber die Angst vor einem Mutanten und die fehlende Publikumsnachfrage sind nach wie vor real.

Die Agenda ist voll. Also ist doch alles wie vor der Pandemie?

Viele Tourneen des Kammerorchesters Basel wurden verschoben. Sie sollen kommende oder übernächste Saison stattfinden, waren doch viele Partner und Veranstalter bereit, diese Konzerte zu retten. Aber eben: Funktionieren diese auswärtigen Veranstalter? Die Kosten müssen durch die Einnahmen gedeckt, die Gagen bezahlt werden. Die Veranstalter brauchen aber eine Sicherheit … Die Sicherheit sind treues und neues Publikum, Sponsoren, Mäzene; deren Loyalität ist für die kommenden 2 bis 3 Jahre noch nicht abschätzbar.

Konzert in der Kirche Saanen anlässlich des Menuhin Festivals mit Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja.

youtube

Aber die Tourneen sind geplant.

Ja, aber im Kammerorchester Basel, das aus 45 kritischen Zeitgenossen besteht, ist eine Diskussion entfacht, die Themen sind Klimawandel und Orchesterreisen. Sollen, müssen wir interkontinentale Tourneen machen, fragen sich die Musiker. Wir haben für 2022 eine Tournee an die Westküste der USA geplant, später dann nach Asien. Dahinter steht nun ein Fragezeichen: Ist diese Reise vertretbar?

Also müssen Sie die Musiker überzeugen, mitzumachen?

Die Geschäftsleitung, die Orchestervertreter und ich würden die Möglichkeit gerne ausschöpfen.

Und was passiert, wenn die Hälfte des Orchesters Nein sagt?

Ein Kammerorchester-Basel-Mitglied kann aus einer gewissen Zahl an Projekten auswählen. Sagen 20 ab, würden wir sicher nicht mit 20 Zuzügern nach Asien reisen. Die Orchester-Mitglieder wissen, wie wertvoll Gastspiele sind – für beide Seiten. Wir müssen Wege finden, diese Reisen verhältnismässig zu gestalten.

Oder mehr zu Hause spielen, obwohl um jeden Gast gekämpft wird.

Es wird nicht mehr sogenannte grosse Konzerte geben, sondern eher mehr Konzerte für die unterschiedlichsten Arten von Publikum: Junge, Alte, Familien oder für Expats … Das wird wohl noch zunehmen – und es ist gut so.

Ab 16. Juli wird in Gstaad gespielt. Was sind jetzt die Schwierigkeiten?

Was mache ich, wenn die vielen Musikerinnen und Musiker aus Grossbri­tannien nicht einreisen können oder in Quarantäne müssen? Kommt das Publikum wirklich in dem Masse, in welchem wir damit rechnen? Der Vorverkauf lief im Februar sehr gut an, dann gab es eine Stagnation. Seit der Bundesrat die Öffnungen kommuniziert hat, stieg er aber markant an. Aufgrund der limitierten Platzzahl sind nun mehr Konzerte als sonst bereits ausverkauft.

Wie war früher um diese Zeit?

Sicher 20 bis 30 Prozent höher, wobei auch wesentlich mehr Plätze und ca. 20 Prozent mehr Konzerte im Angebot sind in einem «normalen» Jahr

… und normaler Saalbelegung. Wie schlecht steht es um die Finanzen des Menuhin Festival?

Auch uns ist durch die Absage 2020 ein grosser Schaden entstanden. Aber wir haben dank der Unterstützung der öffentlichen Hand, der Sponsoren, der Mäzene und der Mitglieder der «Festivalfreunde», aber auch dank einer grossen Zahl von Konzertbesuchern, die auf eine Rückerstattung der Karten verzichteten, mit einer schwarzen Null abgeschlossen. Die Solidarität rundum war enorm.

Haben Sie Sponsoren verloren?

Nein, es ist uns sogar gelungen, einen neuen Hauptsponsor zu gewinnen.