Klassik
Zürcher Kammerorchester: Schwieriger Saisonstart trotz Stargeiger

Das Zürcher Kammerorchester spielt in der ganzen Schweiz, präsentiert das Land in der Welt – und schafft sich dauernd neue Probleme.

Christian Berzins
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Daniel Hope (mit Fliege) im Zusammenspiel mit Konzertmeister Willi Zimmermann und dem Kammerorchester.

Daniel Hope (mit Fliege) im Zusammenspiel mit Konzertmeister Willi Zimmermann und dem Kammerorchester.

Thomas Entzeroth / Aargauer Zeitung

Es ist ein Kreuz mit diesen Kammerorchestern, egal, ob sie aus Bern, Basel, Lausanne oder Luzern kommen: Bisweilen programmieren sie hochoriginell, sind agil und international präsent. Und dann kämpfen sie wieder um Akzeptanz und Zuschauer, werden konventionell wie Nutella und stehen plötzlich vor der Seinsfrage.

Mit dem Zürcher Kammerorchester war das vor wenigen Jahren so. Man wollte so gerne Sinfonieorchester spielen, bis der Subventionsgeber sagte: Das ist nicht eure Aufgabe. Als 2016 der Geiger Daniel Hope Musikdirektor wurde, änderte sich alles. Das kleine Orchester wurde in der Stadt Zürich ein unterhaltender Player.

Das ZKO wird zum HBO: Hopes Begleitorchester

Das ZKO war beweglich, spielte tolle CDs ein, bot überraschende Formate, füllte die Säle, die Programme erzählten eine Geschichte. Das ZKO wurde wieder ein Zürcher Leuchtturm: In der Elbphilharmonie in Hamburg ging und geht man ein und aus – aber auch in Olten, Luzern oder Chur ist man präsent wie kein anderes Schweizer Ensemble. Immer haftete an den Konzerten etwas Ereignishaftes. Daniel Hope zog, das Tonhalle-Orchester lahmte.

Vor drei Jahren aber hat das Bild in Zürich gedreht. Der Schwung wurde zur Masche, Corona kam und das ZKO verschwand im ZKO-Haus am Stadtrand. Gleichzeitig lief das Tonhalle-Orchester mit dem neuen Chefdirigenten Paavo Järvi gross auf. Er präsentiert das Orchester als Star. Das ZKO hingegen präsentiert seinen Musikdirektor Daniel Hope. Durchaus mit Erfolg: Er verleiht dem Orchester so viel Glanz, dass die Musiker und Musikerinnen bisweilen verschwinden, das ZKO zum HBO wird: Hopes Begleitorchester.

Die renovierte Tonhalle ist ideal, um wieder Schwungs ins ZKO-Leben zu bringen.

Die renovierte Tonhalle ist ideal, um wieder Schwungs ins ZKO-Leben zu bringen.

Thomas Entzeroth / Aargauer Zeitung

Doch nun ist die Tonhalle renoviert, ideal, um wieder Schwung ins ZKO-Leben zu bringen. Alles gab sich am Dienstagabend denn auch gut gelaunt. Das Standard-«Grüezi» des südafrikanisch, irisch-deutschen Geigers Daniel Hope klang im Unterschied zu den vergangenen 31 Mal erstaunlich gut: Das «ü» bloss gestreift, das «z» perfekt intoniert und viel – aber nicht zu viel – Betonung auf dem «i». Chapeau, im Konzert dann war nicht alles so gut.

Das ZKO will zwar nicht mehr ein Sinfonieorchester imitieren, aber mit dem Repertoire geht man nicht immer glücklich um. Der Eröffnungsabend war typisch: Auf Violinkonzerte von Bach, Telemann und Vivaldi folgte Tschaikowskys «Souvenir de Florence» in der Streicherfassung. Ein Programm, wie es auch 1965 von den «Solisti Veneti» hätte gespielt werden können. Und so klang es stilistisch bisweilen auch trotz kurzzeitigen Kabinettstückchen: Romantischer Barock hier, zur üppigen, hochvirtuosen Klangwolke aufgedunsene Romantik da.

Bei diesem Jammern über den verunglückten Neustart tut der Blick aufs Jahresprogramm gut, zeigt er doch die Spannweite des Orchesters, die bis zu einem szenischen Projekt im Schauspielhaus Zürich gehen wird. Das macht Lust auf mehr.

Ein Silserbrötchen essen mit dem Stargeiger

Dass nur dem Schein nach gefeiert wurde, ist traurig. Es schwelt nämlich ein Zwist zwischen den pekuniär grosszügigen «Freunden des ZKO» und der neuen Orchesterleitung: Die Freunde wollen Details aus alten Bilanzen erklärt haben, das Wort Subventionsbetrug geistert in den Zürcher Medien herum.

Das ZKO 2016 in Seoul.

youtube

Der Streit könnte für das ZKO böse enden, wenn die zwei Parteien nicht endlich eine Flasche Räuschling trinken, Silserbrötchen essen und sich aussprechen. Mit Kommunikator Hope hätte man einen perfekten Mediationsberater. Es wäre der Moment, wo er zeigen könnte, wie viel ihm sein Kammerorchester und Zürich wert ist.

16. 11., Tonhalle Zürich: Schuberts «Winterreise» in einer sinfonischen Bearbeitung.

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