Klimaaktivismus
Klima, Kunst und Klebstoff: Warum Protestierende jetzt von der Strasse ins Museum gehen

Klimaaktivisten in Italien und Grossbritannien kleben sich an berühmte Kunstwerke. Ist das noch Protest oder schon Performance?

Anna Raymann
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Flugzeuge fliegen über John Constables «The Hay Wain» (1821).

Flugzeuge fliegen über John Constables «The Hay Wain» (1821).

zvg

Stau nervt. Und in den letzten Monaten staut es sich besonders auf deutschen Strassen oft – nicht nur wegen Baustellen und Unfällen, sondern weil sich Aktivistinnen und Aktivisten auf den Asphalt kleben. Bis die Polizei die Hände freigemeisselt, die Aufwiegler abtransportiert und die Strasse geräumt hat, können mitunter Stunden vergehen. Immerhin haben die Stausteher in ihren ausgebremsten Karossen ein Ziel für ihre Wut: die klimaaktivistischen Nervensägen.

Was ist denn schon ein Protest, der nicht «weh» tut? Eine Kunstperformance vielleicht.

Denn längst sind den Protestierenden die Strassen nicht genug. Die «Ultima Generazione» in Italien und die Mitglieder von «Just Stop Oil» gehen nun auch ins Museum. Fast wöchentlich kleben sie sich an ein anderes Meisterwerk.

Ein kleineres Ölgemälde von William Turner, eine Ansicht der Themse, war schon Ziel der Aktivistinnen und Aktivisten – weil die gemalte Region 2030 nach heutigen Prognosen unter Wasser steht. Auch an die blühenden Pfirsichbäume, die Vincent van Gogh malte, klebten sie sich – weil die Region beim französischen Arles zurzeit eine dramatische Dürre erlebt. Und die neuste, italienische, Klebeattacke galt einer futuristischen Skulptur von Umberto Boccioni, weil man – klar – um die «Futuro», die Zukunft, besorgt ist.

Das meisterhafte Landschaftsbild erfüllt so in klebrigen Händen denselben Marketingzweck wie hungrige Kinderaugen auf dem Flyer eines Hilfswerks. Wenn die Aktivisten in ihren Statements sagen, dass sie Kunst schätzen, meinen sie damit vermutlich vor allem ihre Medienwirksamkeit.

Denn der Aktivismus dieser Gruppen überlässt wenig dem Zufall. Aufgeschrecktes Ausstellungspublikum und nervöses Aufsichtspersonal gehören zum Plan oder eben: zum Happening. Man stelle sich die mondäne Besucherin vor, die mit streng interessierter Miene etwas von Fluxus und Beuys murmelt. Tatsächlich soll die Security der Londoner Royal Academy den Protestsong mitgesungen haben, erzählte ein Aktivist in einem Interview.

Geklebt wird sich auch nicht an das Werk selbst, sondern an den Rahmen, den Sockel oder das Panzerglas vor dem gut gesicherten Original. Für die Kosten der Graffitientfernung gibt es ein Spendenkonto.

Dieser Aktivismus tut kaum mehr weh als ein Pflaster, das man sich von der Haut zieht. Fast schon banksyesque ist etwa die Bildmontage, die Flugzeuge in John Constables Landschaft setzt. Und Banksy, das weiss man, verkauft sich gut – in diesem Fall immerhin für einen guten Zweck.

Im schlimmsten Fall finden die Aktionen weniger umsichtige Nachahmer. Im besten Fall treffen sie auf wohlwollende Betrachter. Der blockierte Autofahrer wird nicht aufs Velo umsteigen, die Meilen sammelnde Städtetouristin aber vielleicht ihren Flug kompensieren. Das Klima rettet das nicht, wohl aber ihr Gewissen.