Heinz Holliger, kennen Sie den Roman «Das Parfum»?

Heinz Holliger: Von Herrn Süskind? Den habe ich leider nicht gelesen. Ich versuche, alle Bestseller zu vermeiden.

Da vermischt ein Parfümeur verschiedene Essenzen zu einem Duft, den niemand zuordnen kann, dem aber alle erliegen. Sie machen es in Ihrem Musiktheater «Lunea» ähnlich.

Mein Lehrer Pierre Boulez hatte die Tendenz, in seiner Musik die Spuren zu verwischen. Auch ich möchte nie, dass jemand genau sagen kann: Hier hört man dieses und dieses Instrument zusammen. Man soll nicht genau wissen, was alles mitklingt.

In «Lunea» sind neben Sängern und dem Orchester 43 unterschiedliche Perkussions-Instrumente beteiligt.

Der Mensch hat mit dem Gehör ein unglaublich feines Sensorium. Ohne dieses wäre er gar nie zum intelligenten Menschen geworden. Ich bin unglaublich glücklich darüber, was ich alles hören darf. Auf Bergtouren habe ich die wunderschönsten Erlebnisse, wenn ich Tropfen oder Wind oder raschelnde Blätter höre. Das Gleiche gilt beim Komponieren: Man geht in eine Welt, und die ist erst mal nur Klang. Dann schaut man: wo will der Klang hin? Mit welchem Klang kann er sich vermischen, ohne dass beide zerstört werden? Das ist ein Vorgehen mit der Goldwaage.

Sie komponieren in «Lunea» trotz Goldwaage sehr sinnlich.

Musik ist sehr sinnlich. Sie kann gar nicht unsinnlich sein.

Es gibt auch zeitgenössische Konzerte, wo es unsinnlich zu- und herging.

Das Erbsenzählen von Einzeltönen gibt für mich überhaupt nichts her. Musik ist etwas Körperliches. Sie wirkt psychoakustisch. Wenn ich ein Regenrohr dazunehme, hört man zuerst Regen, aber durch das Prasseln beginnt auch die Haut zu prickeln. Genau diese Empfindung brauche ich in «Lunea»: Nachdem Lenau den Hirnschlag hat, bleibt dieses Geräusch, wie eine Art Ohrensausen.

Ihr Protagonist ist der romantische Lyriker Nikolaus Lenau, der durch einen Schlaganfall verrückt wird.

Ja, er wird aus seinem Leben gerückt. Lenau erleidet einen Schlaganfall und empfindet ihn als Riss durch sein Gesicht. Wir wollten von Anfang an diesen Riss als Ausgangspunkt haben und dann Lenau folgen bis zu seinem Verdämmern.

Sie haben sich oft mit Künstlern auseinandergesetzt, die als verrückt galten: Robert Walser, Louis Soutter, Friedrich Hölderlin oder Robert Schumann.

Für mich sind sie überhaupt nicht verrückt. Eher visionär. Sie haben einfach viel mehr Antennen.

Aber sie leiden an diesem Zustand. Schumann ist ins Wasser gegangen.

Nachdem man ihn in die Nervenheilanstalt gebracht und man ihm Quecksilber und Kupfervitriol verabreicht hat. Er durfte auch nicht Komponieren. Brahms hat ihm kein Notenpapier nach Endenich in die Klinik mitgebracht.

Der Komponist Schumann spielt auch in «Lunea» eine grosse Rolle

In Schumanns Stücken findet man viele «Soggetti Cavati» als eine Art Geheimnis-Formeln. Dass man auch mit Tönen Worte schreiben kann: Die Töne Es-A-Re-G ergeben «Sarg». Oder Es-C-H-Ut-La-D «Schuld». Das ist auch für mich wichtig. Schumann ist absolut voll davon. Und «Lunea» auch.

Vermeintlich Verrückte bleiben oft unverstanden. Kann Musik ihre Lebenswelt anders vermitteln als Worte?

Musik ist die Sprache, die wir haben, wenn all unsere Worte zu Ende gekommen sind. Mit dem Klang können wir noch Tieferes ausdrücken. Auch andere Regionen in uns ansprechen. Weil Worte bei uns vor allem als Sinnträger funktionieren. Dabei sind Worte auch Klang.

Wie der Titel Ihres Musiktheaters: Lunea – Lenau.

Lenau – Lunea, das ist Musik.

Viele Menschen haben heute Angst vor Neuer Musik.

Sie sagen, sie verstehen Neue Musik nicht. Das müssen sie gar nicht. Man muss sie fühlen. Darum kommen Leute bei meinen Stücken relativ gut zurecht. Man muss wieder total offen sein, was leider schwer ist.

Weshalb ist es so schwer?

Heute ist man als offener Mensch in der Gesellschaft nicht mehr verwendungsfähig. Der Mensch muss funktionieren. Und Musik ist leider etwas, was die Menschen verdirbt für diesen Produktionsmechanismus. Weil sie mit Assoziation Türen öffnet nach ganz anderswo hin. Wenn Sie mir eine Frage stellen, kommt dahinter schon eine Assoziation. So denke ich. Eine Frage bringt mich oft aus dem Rhythmus.

Dann eine ganz konkrete Frage: Sie werden nächstes Jahr 80. Sie haben den Zweiten Weltkrieg erlebt, eine Zeit ohne Computer, ohne Smartphones …

… ich habe keinen Computer!

Fühlen Sie sich manchmal als an den Rand der heutigen Welt gedrückt?

Nein. Ich komme sehr viel mit Jungen in Berührung, weil ich Meisterkurse gebe. Klar ist die Zeit ganz anders. Aber ich bin in einer fürchterlichen Zeit aufgewachsen. Ich habe Sonaten von Clementi gespielt, während in Auschwitz die Kamine rauchten.

Sie waren damals 6 Jahre alt.

Was ich mir vorwerfe, ist, dass ich auch im Gymnasium überhaupt nicht politisch denken konnte. Ich habe das völlig ausgeblendet. In der Schweiz ist vieles sehr gut, aber die ganze Nazizeit ist nicht aufgearbeitet. Jetzt erst wurde ein Weg nach dem mutigen Diplomaten Carl Lutz benannt. Und noch 1944 hatten berühmteste Dirigenten der Schweiz in Berlin dirigiert, berühmte Komponisten der Schweiz machten ihre Karriere in Deutschland.

Sie machen nun seit 75 Jahren Musik. Hat sich in dieser Zeit unser Verhältnis zu Musik verändert?

Wir sind heute glücklich in einer Dauerbeschallung, oder: in einer Dauerbelärmung, ohne sie wahrzunehmen.

Lassen wir uns von Musik berieseln?

Achtung, ich rede nicht von Musik, sondern von einer Klang-Tapete. Dieser Sound ist völlig formlos, weil er nicht beginnt und nicht aufhört.

Das Verwischen von Anfang und Ende kann man auch bewusst einsetzen. In «Lunea» beginnen Sie mit dem Schluss.

Das hat schon Tieck 1791 gemacht, in «Die verkehrte Welt». Ich habe also nichts erfunden. Aber Musik ist eine Kunst, die das Zeitgefühl verändern kann. Man kann ein ganz kurzes, sehr eindrückliches Stück hören und weiss nicht, dass man nur 40 Sekunden gehört hat. Auf der Bühne versuche ich, ein Empfinden wie in einem Traum zu wecken: Was ist vorher, was nachher? Was läuft in Zeitlupe ab? All das kann man mithilfe von Musik darstellen.

Sie sind Komponist, Dirigent und auch ein international bedeutender Oboist. Darum haben Sie sich einmal als Berufsatmer bezeichnet. Atem hängt ganz eng mit dem Leben zusammen.

Ich bin Sohn eines Mediziners. Und es regt mich auch auf, dass heute viel Popmusik mit der Stoppuhr gemacht wird. Alles basiert auf einem mechanischen Sekunden-Metrum. Das gibt es im Atem nicht, nicht in der Sprache oder den Gezeiten, ja nicht einmal in einem Kristall. Wir haben eine total unnatürliche Musik.

Dann lieber zurück zum Thema Atem: Wenn Sie Berufsatmer sind, sind Sie dann auch ein Lebens-Profi?

Solange der Atem da ist, schon. Danach bin ich nicht mehr so professionell (lacht).