Interview
Zum Fressen gern – der Regisseur Luca Guadagnino sagt: «Kannibalismus ist ein ultimatives Tabu»

Der Film «Bones And All» verbindet auf ganz eigene Weise Kannibalismus und Romantik. Im Gespräch erzählt der Regisseur Luca Guadagnino, warum er Dreharbeiten nicht mag und es dem Film nicht gerecht wird, wenn die Zuschauer entsetzt aus dem Kinosaal fliehen.

Dieter Osswald
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Ein Liebespaar mit einem verzehrenden Geheimnis: Timothée Chalamet und Taylor Russell in «Bones And All.»

Ein Liebespaar mit einem verzehrenden Geheimnis: Timothée Chalamet und Taylor Russell in «Bones And All.»

sda/Keystone

Gleich für sein Kinodébut konnte sich der italienische Regisseur Luca Guadagnino die Mitwirkung von Tilda Swinton sichern. Die Schottin spielte 1999 im Thriller «The Protagonist» eine Regisseurin, die eine Dokumentation über einen Mordfall drehen will. Seitdem hat Guadagnino mit einer Reihe von Stars gearbeitet, darunter in «I Am Love», «A Bigger Splash» oder dem Remake von «Suspiria». Der grosse Coup kam für ihn aber 2017 mit «Call Me By Your Name», einer romantischen Liebesgeschichte zwischen einem Teenager und einem US-Sunnyboy im sommerlichen Bella Italia der 80er-Jahre.

Für Timothée Chalamet, der einen der beiden Protagonisten spielte, war dieser Film der Startschuss zu einer ganz grossen Karriere. Der 26-jährige New Yorker übernimmt nun auch die Hauptrolle als einsamer Kannibale in «Bones And All», an seiner Seite Taylor Russell und Mark Rylance. Der Film ist eine ganz eigene Mischung aus zärtlicher Romantik und erschreckendem Blutbad geworden, dazu mit politischem Tiefgang. Er wurde unter anderem am Zurich Film Festival gezeigt, dort erhielt Regisseur Guadagnino den «A Tribute to …»-Award.

Signor Guadagnino, dies ist Ihr erster Film, der in den USA spielt. Ist es Zufall, dass es ein Horrorfilm wurde?

Luca Guadagnino: Zu diesem Film kam ich völlig unerwartet. Ich kümmerte mich um andere Projekte, als mir das Drehbuch von David Kajganich in die Hände kam, der zuvor die Vorlagen für «A Bigger Splash» sowie «Suspiria» lieferte. Beim Lesen verliebte ich mich sofort in die Figuren. Ich habe «Bones And All» keineswegs als Horrorfilm angelegt. Ich bin einfach Maren und Lee, den beiden Hauptfiguren, gefolgt. Die beiden Kids leiden unter einer Last, von der sie sich frei machen wollen. Als sie sich kennen lernen, wird das zur Chance, einen Ausweg aus ihren unerträglichen Verhältnissen zu finden. Einen Horrorfilm nach gängigen Genreregeln muss ich erst noch drehen – ob das je passieren wird, bezweifele ich allerdings.

Regisseur Luca Guadagnino und seine Hauptdarsteller am Filmfestival in Venedig 2022.

Regisseur Luca Guadagnino und seine Hauptdarsteller am Filmfestival in Venedig 2022.

sda/Keystone

Einige Szenen führen zu Gänsehaut. Manche Zuschauer verlassen schockiert das Kino. Nehmen Sie das als Lob so wie Ihr Kollege John Waters, der einst sagte, er wäre erst zufrieden, wenn das Publikum sich im Kino übergebe?

Nein, das ist überhaupt nicht meine Haltung. Ich hatte das Vergnügen, den Film mit ganz unterschiedlichem Publikum in verschiedenen Ländern zu erleben. Die Zuschauer haben den Film umarmt und gespürt, mit welcher Leidenschaft diese Figuren dargestellt werden. Vermutlich gibt es einzelne Leute, die das Kino vorzeitig verlassen haben. Aber das ist eine Seltenheit und ein Verhalten, das diesem Film nicht gerecht wird.

Sie zeigen das Amerika der 80er-Jahre unter Ronald Reagan. Was wollen Sie damit sagen?

Es geht mir weniger um das Sagen als um das Zeigen. Es geht um ein Land, Amerika, das wunderschön ist. Zugleich ist es erfüllt von Verlust und Trauer. Man spürt die Konsequenzen, die ein Ultrakapitalismus nach sich zieht, der die Menschen zurücklässt. Mir geht es nur darum, diese Dinge zu beschreiben. Ich möchte keine Vorträge darüber halten – was hoffentlich gelingt!

Sie drehen Filme über Aussenseiter und bezeichnen sich gerne auch selbst als Aussenseiter. Hat sich diese Position oder Rolle durch die Erfolge Ihrer Filme verändert?

Ein Aussenseiter zu sein, hat absolut nichts damit zu tun, wie deine Arbeit bewertet wird. Es geht immer darum, sich selbst zu verstehen. Wir alle spüren eine gewisse Leere in uns, mit der wir umgehen müssen. Ich spiele definitiv nicht nach den Regeln, sondern nach der Musik, die ich in meinem Kopf höre. Diese teile ich mit den Menschen, die ich liebe. Ich stelle mich nicht in das Zentrum von Dingen, selbst wenn ich damit einen gewissen Erfolg haben würde.

Das Thema Kannibalismus spielt in der Kultur immer wieder eine Rolle. Woher rührt diese Faszination?

Kannibalismus ist ein ultimatives Tabu. Es besteht völlig zu Recht und sollte nicht gebrochen werden! Allerdings ist es als Metapher nur eine Sublimation. Ich komme aus einem katholischen Land, wo wir diese Metaphorik jeden Tag erleben: den Leib Christi im Bild der eucharistischen Oblate. Im Song «Cannibal» singt Marcus Mumford: «I love you. I want to eat you!», das Musikvideo dazu hat kein Geringerer als Steven Spielberg gedreht. Und beim Anblick der Wangen eines Babys hört man nicht selten: «Zum Hineinbeissen!» Es ist unser Bedürfnis nach Extraliebe. Es ist der Wunsch, jemanden zu besitzen in der extremsten Form.

Da wecken Sie hoffentlich keine Begehrlichkeiten …

Kino ist eine Kunst, die einen zu Orten bringen kann, an denen man metaphorisch Dinge erleben kann, die man in der Wirklichkeit nie tun würde. Und die man möglicherweise auch niemals tun sollte.

Mit «Call Me By Your Name» haben Sie Timothée Chalamet zu einem der aktuell grössten Kinostars gemacht, der es als erster Mann sogar auf die Titelseite der «Vogue» brachte. Welche Qualitäten sehen Sie in ihm?

Für mich ist Timothée ein sehr guter Freund und ein Künstler, der ein grosses Interesse am Kino hat. Die Arbeit mit ihm ist eine wunderbare gemeinsame Reise, die hoffentlich noch lange nicht zu Ende geht. Wir mögen beide Filme, die herausfordernd, provokativ und hoffentlich bedeutungsvoll sind. Deswegen tritt er hier erstmals auch als Produzent auf.

Waren Sie angetan vom Dreh in den USA oder machen Sie lieber Filme in der Heimat?

Das Problem ist nicht Amerika oder Italien. Das Problem ist, dass ich am liebsten gar nichts tue. Ich bin nicht der grösste Fan von einem Filmset, mehr noch: Ich mag Dreharbeiten überhaupt nicht. Ich möchte nicht jeden Tag die Fragen von 100 Leuten beantworten müssen und jede Minute Entscheidungen treffen. Aber es ist nun einmal meine Arbeit, mein Leben. Was soll ich machen? Damit verdiene ich mein Geld, das muss ich akzeptieren (lacht).

«Bones And All»: im Kino ab 24.11.2022