Royals
Meghan und Harry packen aus in Netflix-Doku: Alles fake?

Ab heute sind die ersten drei Episoden einer sechsteiligen Netflix-Serie zu sehen, in der Ex-Prinz Harry und Meghan Markle «ihre Seite der Geschichte» zu erzählen versprechen. Bis jetzt sind die Enthüllungen trivial.

Hanspeter Kuenzler, London
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Inszenieren vorgeblich authentisch ihre grosse Liebesgeschichte.

Inszenieren vorgeblich authentisch ihre grosse Liebesgeschichte.

Netflix

Schon die beiden Trailer zur neuen Netflix-Doku «Harry & Meghan» wirbelten gewaltig Staub auf. Es stellte sich heraus, dass bei den Bildern mehrmals gemogelt worden war. Zum Beispiel waren die Aufnahmen, die angeblicherweise zeigen, wie das Paar bei einem Ausflug in den Südlondoner Stadtteil Brixton von Papparazzi belagert wird, in Wirklichkeit während eines Auftrittes des skandalumwitterten Models Katie Price gemacht wurden. Anderswo musste das schattenhafte Profil von Donald Trumps kriminellem Ex-Rechtsanwalt für dasjenige von Harry hinhalten.

Postwendend liessen prominente Stimmen aus diversen britischen Fernsehanstalten verlauten, solche Tricks würden in Grossbritannien nicht toleriert, aber leider brauche sich Netflix nicht an die lokalen Vorgaben zu halten, denn der relevante Geschäftssitz befinde sich anderswo. Das «ausgeborgte» Material änderte am Inhalt der Trailer oder deren Botschaft nichts. Aber der Fauxpas hat Zweifel an der Glaubwürdigkeit des angekündigten Produktes Tür und Tor geöffnet: Was ist sonst noch «fake»?

Der offizielle Trailer von «Meghan & Harry» sorgte bereits im Vorfeld für eine Kontroverse.

Quelle: Youtube

Nun, «fake» ist nur schon die Behauptung, das Paar wolle hier zum ersten Mal die ungeschminkte Wahrheit der Geschichte ihrer selbstauferlegten Verbannung aus dem Paradies erzählen. Hatten die beiden nicht schon das gleiche Versprechen abgelegt, als sie sich im März 2021 von Super-Fan Oprah Winfrey interviewen liessen? Über die vergangenen zwei Jahre hinweg ist der Beliebtheitsgrad des Paares in Grossbritannien ähnlich steil gesunken, wie er in den USA stratosphärische Höhen erklommen hat.

Das lässt sich schon am Eifer zeigen, mit dem sich die britischen Medien auf die Suche nach Widersprüchen im neuen Streifen gemacht hat. Schon nach drei Episoden hat das Revolverblatt «The Sun» deren fünf ausgemacht. So heisse es jetzt plötzlich, Harry habe Meghan dank eines Instagram-Posts einer Freundin kennengelernt, wo man doch bisher immer von einem «Blind Date» gesprochen hatte. Die Behauptung von Meghan, sie habe sich in England konsequent in beige, weiss und braun gekleidet, aus Angst, gegen den hierarchischen Farbcode zu verstossen, wird mit Bildern widerlegt, die sie in Grün und Gelb zeigen.

Kommt die wahre Action erst später?

Wie dem auch sei – bis jetzt wirken die Vorwürfe trivial. Andererseits ist kaum eine der in den beiden Trailers ausgehängten Schlagzeilen – «Es herrschte ein Krieg gegen Meghan, um der Agenda anderer Leute zu dienen», «es gibt das «Leaking» von Geschichten, und es gibt das gezielte Platzieren» - bis jetzt näher zur Sprache gekommen. Die ersten drei Episoden von «Harry and Meghan» entpuppen sich als «Cliffhanger». Was wir bisher erfahren haben, ist Vorgeplänkel. Die wahre «Action» wird – vielleicht – in den nächsten drei Episoden kommen. Sie werden in einer Woche zugänglich gemacht und – natürlich – mit der grandiosen Hochzeit in Windsor beginnen. Weiter sind wir bisher nicht gekommen.

«Escape to Paradise» («Flucht ins Paradies») heisst gemäss Shazam das seichte Pianogeklimper, mit dem das Intro von «Harry & Megan» untermalt ist. Vielleicht ist der Titel Zufall, vielleicht nicht. Es passt dazu auf jeden Fall die Tatsache, dass Markle dieser Tage in New York den People’s (sic) Choice Award einsteckte für ihre Podcasts, die von den britischen KritikerInnen gnadenlos verrissen worden sind. Bei seiner Mutter seien alle Entschlüsse aus dem Herzen gekommen, sagt Harry im Verlauf von «Harry and Meghan» einmal, «und ich bin ganz eindeutig der Sohn meiner Mutter».

In der Tat vermittelt er von Anfang an den Eindruck, dass er schon von seinem schauspielerischen Talent her kaum in der Lage wäre, uns etwas vorzugaukeln. Dagegen wirkt die quirlige Art von Meghan Markle aus der Perspektive der steifen, britischen Oberlippe irgendwie suspekt. Genauso suspekt wie die eigentümliche Szene ganz am Anfang der Doku: In Heathrow nimmt Harry endgültig Abschied von seinem Alter Ego, dem Prinzen, um nach Nordamerika zu fliegen. Derweil filmt sich Markle in Vancouver mit einem um den Kopf gewickelten Badetuch, scheint kaum reden zu können vor Sorgen, kann aber dennoch die Worte murmeln:

«Leider, weil wir für eine Sache einstehen, wollen sie uns vernichten.»

Da und dort mag die Szene als «grosses Kino» bewundert werden. Anderswo dürfte man sich die Frage stellen, wie mediengewandt ein Mensch sein muss, um in einem so tiefgreifenden Moment emotionaler Turbulenz auf die Idee zu verfallen, die Kamera zu zücken, um ein filmisches Selfie anzufertigen.

Die ersten drei Stunden von «Harry and Meghan» tischen allerhand altbekannte Themen auf, illustrieren diese aber auf durchaus sehenswerte Art und Weise: Regie führt immerhin die mit diversen Auszeichnungen dekorierte New Yorker Regisseurin Liz Garbus («What Happened, Miss Simone?», «Ghosts of Abu Ghraib»). Szenen wie die im Bündnerland, wo Diana sich zu den Paparazzi begibt, um sie «als Mutter» zu bitten, ihre Buben doch endlich einfach Ski fahren zu lassen, sagen mehr aus über den Charakter der Mutter – und der darin begründeten engen Verbindung zumindest mit Harry – als alle salbungsvollen Worte.

Mit geballter Paparazzi-Ladung

Mit dem haifischartigen Gehabe der Paparazzi ist man inzwischen zur Genüge vertraut – aber in solch geballter Ladung kommt ihre tödliche Wirkung erst recht zur Geltung, umso mehr, als Harry und sein Bruder damit – entgegen vorheriger Abmachungen mit den Medien – noch als Schüler konfrontiert werden. Tatsächlich schafft die Doku auch einen Einblick hinter die Kulissen. Faszinierend sind besonders die Ausführungen über die Symbiose zwischen gewissen britischen Tageszeitungen und den Pressebüros, über die jedes einzelne Mitglied der ausgedehnten Royal Family verfügt. Wie genau es sich damit verhält, und wie sich das ihrer Meinung nach auf das Leben von Harry und Megan auswirkte, dürfte in den nächsten Episoden noch ausführlich unter die Lupe genommen werden.

Ein weiterer Themenkreis, der bereits mehrfach und in bemerkenswert seriösem Ton angerissen worden ist, ist die Verbindung von Imperialgeschichte, Sklaventum und Rassismus. So darf man auf die Fortsetzung tatsächlich gespannt sein – auch wenn die bisweilen doch sehr selbstgefälligen Auftritte der Hauptpersonen – ganz zu schweigen von ihren romantischen Familienmomenten - das Zuschauen nicht immer einfach machen.

«Harry & Meghan». Netflix.