Kunstmarkt Schweiz
200 Millionen für Marilyn: Andy Warhol sticht Picasso aus und wird zum teuersten Maler der Moderne – einem Schweizer sei Dank

Andy Warhols «Shot Sage Blue Marilyn» wird bei Christie’s demnächst als das teuerste moderne Bild der Welt angeboten. Jenseits der Rekordjagd ist eine Frage brisant: Weshalb fliesst der Verkaufserlös in die Schweiz?

Daniele Muscionico
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Der Rekordbrecher, der dem Schweizer Sammler Thomas Ammann gehört hat. Andy Warhols Bild aus der «Marilyn»-Serie (1964) weckt die Begierde von Oligarchen und Kunstsammlerinnen aus aller Welt. In wenigen Tagen wird es in New York versteigert.

Der Rekordbrecher, der dem Schweizer Sammler Thomas Ammann gehört hat. Andy Warhols Bild aus der «Marilyn»-Serie (1964) weckt die Begierde von Oligarchen und Kunstsammlerinnen aus aller Welt. In wenigen Tagen wird es in New York versteigert.

Bild: Getty

Vergessen wir Leonardo da Vinci. Kümmern wir uns um Andy Warhol. Denn jener reicht, glaubt man diesen Tagen den Kunstexperten, dem Renaissance-Meister das Wasser. Einem «Marilyn Monroe»-Bild von Warhol jedenfalls wird am 9. Mai in New York offiziell dieselbe Werthaltigkeit bescheinigt. Und damit ein Rekord gebrochen.

Beim Auktionshaus Christie’s wird es versteigert, als Vorlage diente Warhol ein Werbebild aus dem Film «Niagara», und ab 200 Millionen Dollar darf das geneigte Publikum mitbieten. Kein anderes Werk des 20. Jahrhunderts war je auch nur annähernd so teuer. Good News an der Anlegerfront: Die Blue-Chip-Kunst hat augenscheinlich die Pandemie schadlos überstanden.

Weltweit grösste Kunstauktion für einen guten Zweck

Muss uns das interessieren? Wem klar ist, dass der Verkaufserlös direkt in die Schweiz fliesst, ringt der Performance des Werks von 1964 Achtung ab. Auch deshalb, weil es nicht beim Geldfluss von über 200 Millionen Dollar (plus Gebühren) nach Zürich bleiben wird.

Es ist damit zu rechnen, dass die Auktion insgesamt 350 Millionen Dollar generiert. Bieten die Bieter euphorisch, wird mit der philanthropischen Mai-Auktion sogar die bisher umsatzstärkste Veranstaltung auf diesem Gebiet getoppt, die Veräusserung der Rockefeller-Sammlung bei Christie’s 2018.

Das Überraschende dabei: Die Veranstaltung, auf der die Augen aller Oligarchen und potenten Kunstsammlerinnen dieser Welt liegen, ist ursächlich einem Thurgauer Kunsthändler zuzuschreiben, Thomas Ammann. Er verstarb 1993 mit 43 Jahren an Aids, und er gilt bis heute als der diskreteste – am besten gekleidete – und bereits mit Mitte 30 der erfolgreichste Kunsthändler, den die Schweiz je hatte. Weggefährten schildern ihn als Persönlichkeit, die sich souverän auf jedem Parkett bewegte, ob auf der Skipiste mit Valentino oder beim Dinner mit Audrey Hepburn und Elizabeth Taylor.

Der Schweizer Thomas Ammann (1950–1993) war Warhols Freund und Förderer.

Der Schweizer Thomas Ammann (1950–1993) war Warhols Freund und Förderer.

Bild: Wikimedia

Ammann, am Beginn seiner Karriere beim Kunsthändler Bruno Bischofberger tätig, war ein enger Freund von Andy Warhol und sein Förderer. Gemeinsam mit seinem kunstbegeisterten Jugendfreund Alexander Schmidheiny wollte er eine Sammlung für zeitgenössische Kunst aufbauen. Ammann kaufte früh Warhols Kunst, und er brachte ihn beispielsweise sogar dazu, seinen Kassettenrekorder einzutauschen gegen eine kleine Minox-Kamera. «Sie sieht aus wie von James Bond», schwärmte Warhol, als er sie bei Ammann sah. Der Input verhalf Warhols Werk zu neuer Vitalität.

Der Geist von Ammann wird am historischen 9. Mai 2022 in New York in der ersten Reihe sitzen. Denn mit der Versteigerung des Bildes, das er in den Achtzigerjahren erworben hatte – aus Loyalität zu seinem Freund aber nie verkaufte – kommt seine gesamte Sammlung unter den Hammer.

Nach Ammanns Tod übernahm dessen Schwester Doris die Galerie, eine weltweit erste Adresse für Kunst der Impressionisten wie der Moderne in Zürich. Nach dem Tod von Doris Ammann 2021 wird der letzte Wille der Kunst-Geschwister umgesetzt: Die Sammlung ist in eine Schweizer Stiftung zu überführen und aufzulösen zu Gunsten eines Gesundheits- und Bildungsprogrammes für Kinder.

Herr Boll, und was kostete die «Mona Lisa»?

Dirk Boll, langjähriger Präsident von Christie's, seit kurzem Verantwortlicher für die Abteilung Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Dirk Boll, langjähriger Präsident von Christie's, seit kurzem Verantwortlicher für die Abteilung Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Christie's

Die Frage nach der Preisbildung eines seriell hergestellten Werks jedoch bleibt. Dirk Boll, langjähriger Präsident von Christie’s und seit kurzem Verantwortlicher für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, kennt die Antwort: «Das Bild ist sehr rar, Ähnliches kommt kaum auf den Markt. Es ist eine der frühsten Verkörperungen von Warhols Kunstideen und hat einen hohen Anteil von Handarbeit. Deshalb könnte man sagen, man spürt den künstlerischen Geist besonders gut.»

Und doch, Herr Boll, könnte die schöne «Marilyn Monroe» hinsichtlich des Preises mithalten mit der schöneren «Mona Lisa», die wir aus dem Louvre kennen? Für Kaffeesatzlesen ist ein Christie’s-Verantwortlicher üblicherweise nicht zuständig. In diesem Fall verweist der Experte auf das teuerste Bild aller Zeiten: «Als wir 2018 den Leonardo versteigert haben, wurde er von uns auf 80 Millionen Dollar geschätzt. Am Ende hat der Käufer 450 Millionen bezahlt. Die ‹Mona Lisa› würde also sicher einen dreistelligen Millionenbetrag erzielen.» - Wenn am 9. Mai also keine Überraschung passiert, wäre man überrascht. Auf dem Kunstmarkt ist mit allem zu rechnen.

Die teuersten Gemälde der Geschichte

Leonardo da Vinci : "Salvator Mundi", Preis: 450,3 Millionen Dollar

Bild: Getty

Teuerstes Kunstwerk aller Zeiten. Spektakulärste Versteigerung aller Zeiten. Um in seinen Besitz zu kommen bezahlte der saudische Scheich ­Mohammed bin Salman auf der Auktion 2017 für die Jesus- Darstellung von Leonardo Da Vinci (1452-1519) mehr als das Fünffache des Preises, den Christie's als reellen Wert ermittelt hatte.

Pablo Picasso: «Les femmes d’Alger (Version "O"), Preis: 179,4 Millionen Dollar

Bild: Getty

Andy Warhol wird diesen Rekord knacken: Das teuerste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts ist bis heute Pablo Picassos (1881-1973) Gemälde «Die Frauen von Algier».

Amadeo Modigliani: «Nu couché», Preis: 170,4 Millionen Dollar

Bild: Getty

Nach einem heftigen Bietergefecht ging das Werk «Liegender Akt» des Italieners (1884-1920) im Jahr 2018 an den Privatsammler Liu Yiqian aus Schanghai.

Amadeo Modigliani : «Nu couché (sur le côté gauche)», Preis: 157 Millionen Dollar

Bild: Keystone

Auch ein anderer Akt des italienischen Künstlers knackte bereits 2015 den dreistelligen Millionenbereich. Der Käufer, die Käuferin blieb anonym.

Francis Bacon Preis: Triptychon "Three Studies of Lucian Freud»,142,4 Millionen Dollar

Bild: Keystone

Bis 2013 galt «Der Schrei» von Edward Munch als teuerstes Bild. Dann überholte es in jenem Jahr, unerwartet, das Triptychon des irischen Malers Francis Bacon (1909-1992) , «Three Studies of Lucian Freud».