Galerien

Kunstspaziergang am eigentlichen ART-Basel-Samstag: Ein Streifzug durch die Basler Galerien

Dieses Wochenende wäre ART Basel, die Stadt bevölkert von der internationalen Kunst-Schickeria, der Party-Level auf Jahreshöchststand. Aber auch ohne Spektakel, trotz Ausfall der Messe, hat die Stadt viel Kunst zu bieten. Ein Streifzug durch ihre Galerien.

Dieses Wochenende wäre ART Basel, die 50. Ausgabe. Aber erstmals seit einem halben Jahrhundert bleibt der internationale Kunstzirkus aus. Mit einem Online-Format versuchen Messe und Galerien zu retten, was zu retten ist. Aber die Hallen bleiben leer. Die Grossinszenierung der Kunst-Internationale bleibt aus, ebenso die Parade der hippsten Modetrends auf den Trottoirs und in den Bars der Stadt.
Sichtbar wird jetzt, was fehlt ohne ART, aber auch, was trotzdem da ist. Die Summe der Kunst in Basel ist auch ohne Hyperspektakel beachtlich. Die Museen sind geöffnet. Und auch die Galerien laden wieder zum Besuch. Eine gute Gelegenheit also, sich für einmal ohne VIP-Gedränge durch die Stadt treiben zu lassen und in Ruhe Kunst zu entdecken. Auch dabei gibt es die Qual der Wahl. Ein halber Tag reicht nimmer für ­alles, aber doch für einen selektiven Einblick.

Ware wird Kunst und die Malerei hält die Stellung

Die Galerie Stampa am Spalenberg ist immer ein guter Einstieg. Schon wegen des formidablen Buchshops. Gilli und Diego Stampa waren seit der ersten Ausgabe der ART im Jahr 1970 immer dabei. Ein ungewöhnlicher Juni nun. Die beiden halten trotzdem gelassen und mit Understatement die Stellung. Auch ihre Galerie ist auf der Onlineplattform der ART vertreten. Ihr Netzwerk ist international, und doch schwören sie auf die Präsenz vor Ort. Gilli Stampa kann auch nach einem halben Jahrhundert ­Galerie-Tätigkeit davon schwärmen, wie sich die Räume mit ­jeder Ausstellung immer wieder neu aufladen.

Zurzeit hat Erik Steinbrecher diese okkupiert. Im wahrsten Wortsinn. Der in Berlin lebende Schweizer ist immer für Überraschungen gut. Seine Gesamtinstallation ist auf den ersten Blick ein heilloses Sammelsurium des Alltäglichen, als ob sich Brockenhaus, Flohmarkt, Müllabfuhr und Lidl zu einer gemeinsamen Präsentation entschieden hätten. Teppiche, Krawatten, Sonnencreme, ausrangierte Drucker, Socken, Messer, Biosaft und Milch: Die Liste ist lang. Nonsense? Bedeutung? Poesie? Das Durcheinander offenbart bei genauer Betrachtung Struktur: im dritten Raum ein Fest der unsinnig-sinnigen Stillleben. Im ersten verströmen Schaufensterpuppen Tristesse, als ob der Konsum-Karneval für immer vorbei sei. Im mittleren Raum breitet Steinbrecher seine Bibliothek aus, stumme Zeugin ­davon, dass er sich bei all dem sehr viel gedacht hat.

Geordneter geht es am Gemsberg bei Carzaniga zu. Obwohl auch hier die Befreiung von einstigen formalen Dogmen Thema ist. Mit «Focus Sam Francis» zeigt die Galerie Exponenten der abstrakten und ­informellen Kunstszene der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Neben einigen Werken des berühmten Amerikaners Francis gibt es vor allem Schweizer Kunst zu entdecken. Ein wunderbares Gemälde von Matias Spescha etwa, viele Werke von Lenz Klotz, in der Abstraktion erstaunlich weit gehende Bilder von Hugo Weber. Kaum ein wichtiger Weggefährte jener Aufbruchgeneration fehlt: Rolf Iseli, Wilfrid Moser oder Werner von Mutzenbecher. Sie alle sind zu einem kleinen Fest der Malerei versammelt.

Galerien-Hopping heisst auch die Kunst des Spaziergangs pflegen. Beispielsweise durchs St. Johann an die Vogesenstrasse, wo Tony Wüthrich seit Jahrzehnten seine Galerie betreibt. Lange Zeit in seinen eigentlichen Wohnräumen, seit 2017 in einem lichten, grosszügigen ­Anbau. Wüthrich präsentiert derzeit drei Frauen aus drei Generationen. Die jüngste, Sina Oberhänsli, zeigt eine Serie kleinformatiger Porträts. Gesichter von jungen Frauen, den Betrachter anblickend, intim und zugleich zurückhaltend. Eine erstaunlich reife Arbeit der 26-jährigen Künstlerin. Die 13 Jahre ältere Irene ­Bisang bespielt mit ihrem surrealistischen Bildkosmos eine grosse Wand. Sexualität, Fruchtbarkeit, Spirituelles, Geburt und Tod werden hier mit einer schönen Prise Humor zelebriert.

Die 55-jährige Georgine ­Ingold, eher bekannt durch ihre expressionistischen Frauenbilder, lässt in einer neuen Serie die Tradition der Landschaftsmalerei neu aufleben. Der nahe Jura oder das Oberengadin sind ihre Motive. Kleine Gemälde mit grosser Strahlkraft.

Eine blinzelnde Eule und ein neuer Kunstraum

Sollte es auf dem Rundgang ­gewittern, können Sie sich gut ein Taxi leisten. Der Galerienbesuch ist ja gratis. Im Auto ist dann die Kunst des Smalltalks gefragt. Zum Beispiel mit jenem Fahrer, der 1992 aus Bosnien dem Krieg entflohen war und nun mehrmals betont, er wünsche sich eine Schweizerin oder einen Schweizer als Weltpräsidenten – weil die Schweizer, die hätten es einfach im Griff.

Bei Gisèle Linder an der ­Elisabethenstrasse beschleicht einen die Ahnung, dass der Mensch eben doch nicht alles in den Griff bekommt. Die bei ­Zürich lebende Video- und Installationskünstlerin Ursula Palla zeigt mit «Jardin infini» eine nächste Stufe ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit der ­Natur. Ihr in Bronze gegossener Distelgarten ist allein handwerklich ein Meisterstück. Die dunklen Pflanzen erscheinen wie Ruinen ihrer selbst, als Hommage an die Vergänglichkeit, als Totem für eine bedrohte Art. Die bewegten Schatten, die ein Video wirft, der äugende Adler in der Ecke verstärken diesen Eindruck.

Auf dem Balkon dann blinzelt uns eine überlebensgrosse Eule zu, als ob sie von einem ­Geheimnis wüsste, das wir nicht kennen. Vielleicht meint sie jene blubbernde Masse im Souterrain, die erst an Harmloses wie ein Schaumbad oder Wolken denken lässt. Es ist jedoch giftiger Schaum, den die Meeresbrandung an den Strand wirft.

Auf der anderen Rheinseite ist am Donnerstag ein neuer Kunstraum eingeweiht worden. Space 25 ist das neuste Kind des Architekten, Ausstellungsmachers und Künstlers Peter Steinmann. Nach Jahrzehnten als erfolgreicher Architekt hat der 57-Jährige vor einiger Zeit seine Bautätigkeit an den Nagel gehängt.
In seinen neuen Räumlichkeiten an der Rebgasse, in Nachbarschaft zur Galerie Weiss & Falk, gibt er sieben Wahlbaslerinnen und -baslern Raum. Franziska Furter, Eric Hattan, Claudia & Julia Müller, Boris ­Rebetez, Jürg Schäuble, Julia Steiner und Steinmann selbst sind vertreten.

Hochwertige, zeitgenössische Kunst aus Basel, ein Ort, der auch ohne ART ­seinen Status als Kunststadt ­behauptet.

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