100. Geburtstag
«Leichter auf den Mond zu fliegen, als mit anderen Rassen friedlich zu leben» – neues Buch mit Dürrenmatts besten Sprüche

Man müsste es zeitgeistigen Mars-Besiedlungs-Fantasten hinter die Ohren schreiben: Der beissende Spott, mit dem Friedrich Dürrenmatt auf die Mondlandung 1969 reagiert hat, wirkt immer noch erfrischend. Illusionslos hat er auch über Liebe, Heimat, die Schweiz und vieles andere gedacht.

Drucken
Teilen
Friedricht Dürrenmatt wäre heute 100 Jahre alt geworden. Im neusten Buch von ihm hat er geschrieben: «Die Liebe wird zum hoffnungslosen Versuch, sich selbst zu entkommen, sich in einem anderen zu sehen.»

Friedricht Dürrenmatt wäre heute 100 Jahre alt geworden. Im neusten Buch von ihm hat er geschrieben: «Die Liebe wird zum hoffnungslosen Versuch, sich selbst zu entkommen, sich in einem anderen zu sehen.»

Sophie Bessouls/Getty (Paris, 18. Januar 1985

Heute, am 5. Januar, vor 100 Jahren wurde Friedrich Dürrenmatt geboren. Ein Geburtstagsgruss mit den besten Zitaten des Spötters und Zweiflers – aus dem neusten Buch.

Liebe

Die Liebe wird zum hoffnungslosen Versuch, sich selbst zu entkommen, sich in einem anderen zu sehen. So hat denn jede Liebesgeschichte, auch die erhabenste, auch die gewöhnlichste, auch die groteskeste, auch die jämmerlichste, etwas Grandioses und Banales zugleich und ist um so trauriger, je banaler sie endet, auch wenn jedermann aufatmet, dass der gute Mann oder die gute Frau oder das gute Mädchen aus ihrer unglücklichen Liebe davongekommen sind: auch wenn die Liebe unglücklich war, was sie eben doch eine Lieben. Der Umstand, dass jede Liebe eine Prüfung vor sich selbst ist, wechselseitig, bei der die Beteiligten durchfallen oder, wenn sie nicht durchfallen, die sie doch nur mit Mühe bestehen, mit Glanz nur die Heiligen, ist nun einmal das Genierlichste und das Beste, was sich vom Menschen sagen lässt: dass der Mensch die Liebe überhaupt wagt, ist sein paradoxer Ruhm.

Geld und Geist

Dürrenmatt sagt: «Es gibt keine gerechte Gesellschaftsordnung.»

Dürrenmatt sagt: «Es gibt keine gerechte Gesellschaftsordnung.»

Keystone

Die Schriftsteller neigen dazu, ihre Geschäfte und besonders ihre guten als Leistungen darzustellen, von denen gleich das ganze Abendland abhänge, der Geist muss her als Ausrede dafür, ein Geschäft erstrebt oder gemacht zu haben, sie tun so, als ob vom Geiste her gesehen die Frage nach der geschäftlichen Seite von vorneherein unerheblich sei. Es findet so ein unmoralischer Wettbewerb statt, der nur deshalb nicht verpönt ist, weil in unserer Welt immer mehr auch die übrigen Geschäftsleute, besonders die Bankiers und die Politiker, dazu übergegangen sind, den Geist als Ausrede zu benutzen. Man macht in Geist, die Geschäfte stellen sich en passant ein. Die erste Frage lautet daher, ob der Schriftsteller da mitmache, ob er sich als Geist mit Sondererlaubnissen in Extraposition betrachte oder als ehrlichen Geschäftsmann. Es ist eine Gewissensfrage, wenn nicht die Gewissensfrage. Schätzt sich der Schriftsteller als ein erhabenes Wesen ein, wertet er sich zum Dichter auf, so muss er die Frage nach seinem Geschäft als frivol bezeichnen, nicht einen Beruf ausüben, sondern als Berufener auftreten. Das tun denn auch viele und oft hemmungsloser, als man das für möglich hielte. Sie sind in relativer Sicherheit.

Gesellschaft

Es gibt keine gerechte Gesellschaftsordnung, weil der Mensch, sucht er Gerechtigkeit, mit Recht jede Gesellschaftsordnung als unterecht, und sucht er Freiheit, mit Recht jede Gesellschaftsordnung als unfrei empfinden muss.

Erde und Mondlandung

Am 20 Juli 1969 begann nicht ein neues Zeitalter, sondern der Versuch, sich aus dem unbewältigten 20. Jahrhundert in den Himmel wegzustehlen. Nicht die menschliche Vernunft wurde bestätigt, sondern deren Ohnmacht. Es ist leichter auf den Mond zu fliegen, als mit anderen Rassen friedlich zusammenzuleben, leichter, als eine wirkliche Demokatie durchzuführen, leichter, als den Hunger und die Unwissenheit zu besiegen, leichter, als den Vietnamkrieg zu vermeiden oder zu beenden, leichter, als zwischen den Arabern und den Juden Frieden zu stiften, leichter, als die Sahara zu bewässern.

Nicht der Mondflug ist das Schlimmste, er ist nichts als eines jener technischen Abenteuer, die durch die Anwendung von Wissenschaften immer wieder möglich werden: Schlimm ist die Illusion, die er erweckt. Ein neuer Kolumbus ist unmöglich, denn er entdeckte einen neuen Kontinent, der zu bevölkern war, Apollo 11 jedoch erreichte nichts, was der Erde entsprach, sie erreichte bloss die Wüste der Wüsten, den Mond. Wie weit wir auch unser Sonnensystem durchmessen, immer werden die Bedingungen auf den anderen Planeten so schlecht, so jämmerlich, so unmenschlich sein, dass diese Welten von der Erde aus nie besiedelt werden können. Mag es auch auf dem Mond oder auf dem Mars ein astronomisches Institut geben, mit einer künstlichen Atmosphäre (ich hoffe es), es zählt nichts, gegenüber dem, was sich auf der Erde ereignen wird.

Dürrenmatt über die Mondlandung: «Apollo 11 jedoch erreichte nichts, was der Erde entsprach, sie erreichte bloss die Wüste der Wüsten, den Mond.»

Dürrenmatt über die Mondlandung: «Apollo 11 jedoch erreichte nichts, was der Erde entsprach, sie erreichte bloss die Wüste der Wüsten, den Mond.»

AP NASA

Glaube

Es gibt Augenblicke, da ich zu glauben vermag, und es gibt Augenblicke, da ich zweifeln muss. Das Schlimmste, glaube ich, ist, glauben zu sollen, was es nun sei, was man glauben will, sei es das Christentum oder irgendeine Ideologie. Denn wer glauben will, muss seine Zweifel unterdrücken, und wer seine Zweifel unterdrückt, muss sich belügen. Und nur wer seine Zweifel nicht unterdrückt, ist imstande, sich selbst zu bezweifeln, ohne zu verzweifeln, denn wer glauben will, verzweifelt, wenn er plötzlich nicht glauben kann. Aber wer sich bezweifelt, ohne zu verzweifeln, ist vielleicht auf dem Wege zum Glauben. Ohne ihn vielleicht je zu erreichen. Was für ein Glaube es jedoch ist, dem so einer entgegengeht, ist seine Sache. Es ist sein Geheimnis, das er mit sich nimmt, denn jedes Glaubensbekenntnis ist unbeweisbar, und was nicht bewiesen werden kann, soll man für sich behalten.

Heimat

Die Schweiz ist interessant als Kunstgebilde, als ein Zusammenleben von Menschen, von denen ein jeder ein ganz anderes Heimatgefühl hat, eine andere Sprache. Ein Welschschweizer denkt an den Genfersee oder an den Neuenburgersee oder ans Waadtland, er hat ein anderes Heimatgefühl als der Ostschweizer. Es gibt verschiedenen Heimaten. Die Schweiz ist ein Mutterland und nicht ein Vaterland.

Kunst und Wirklichkeit

Der Humor ist die Maske der Weisheit. Maskenlos ist die Weisheit unerbittlich. Der Humor macht das Unerbittliche erträglich.

Humor sei die Maske der Weisheit, sagt Dürrenmatt.

Humor sei die Maske der Weisheit, sagt Dürrenmatt.

Keystone (Neuenburg, 1. Dezember 1980

Für die Kunst gibt es nur Menschen. Für die Politik gibt es nur die Menschheit. Nur Menschen können glücklich sein. Die Menschheit kann so wenig wie eine Zahl oder eine Gerade glücklich sein. Das Ziel der Politik vermag nur etwas Selbstverständliches, nie das Glück zu sein. Wer in der Politik das Glück sucht, will herrschen.

Literatur

Die Meinung, Literatur entstehe aus Literatur, ist unausrottbar. Begreiflicherweise. Die Literatur als ein Geschehen zu sehen, das sich nach immanenten Gesetzen entwickelt, in welchem ein Stil den andern hervorbringt, und ein Dichter den anderen, hat viel Bestechendes. Der Schriftsteller geht ihr aus dem Weg. Doch vor allem wird ihn nicht die Literatur, sondern die Welt beschäftigen, in der er nun einmal lebt, durch jede Nachricht, die er von ihr erhält, durch jede Zuckung ihrer unermesslichen Vitalität, dermassen und so eindringlich, dass ihr gegenüber literarische, artistische Fragen sekundär erscheinen: Die Welt allein liefert den Stoff, den es in Literatur umzumünzen gilt.

Friedrich Dürrenmatt hatte nicht nur sein Leben lang Hunde, sondern auch viele Vögel. Hier 1980 mit seinem Kakadu Lulu.

Friedrich Dürrenmatt hatte nicht nur sein Leben lang Hunde, sondern auch viele Vögel. Hier 1980 mit seinem Kakadu Lulu.

Getty Images

Sätze für Zeitgenossen

Dass Dummheit schadet, ist ein eminent politischer Satz.

Die Menschheit hat eine Diät nötig und nicht eine Operation.

Ich bin eigentlich nur dann vom Weltuntergang überzeugt, wenn ich Zeitungen lese.

Dass so wenige rot werden, wenn sie von Freiheit reden, ist kein gutes Zeichen.

Sätze über die Schweiz

Nun ist es gar nicht so leicht, wie man glaubt, Schweizer zu sein, die Position ist zwar eine Ausnahme-Position und steht als Pass hoch im Kurs, aber gleichzeitig kommt dieser Position etwas wenn nicht Genierliches, so doch Komisches zu, und es braucht vor allem eine Tugend, die wir meistens nicht besitzen, nämlich Selbsthumor, um diese Position unbeschadet zu überstehen.

Schreiben

Dass der Mensch unterhalten sein will, ist noch immer für den Menschen der stärkste Antrieb, sich mit den Produkten der Schriftstellerei zu beschäftigen. Indem sie den menschlichen Unterhaltungstrieb einkalkulieren, schreiben gerade grosse Schriftsteller oft amüsant, sie verstehen ihr Geschäft.

Damals rauchte man im eigenen Büro noch: Friedricht Dürrenmatt, circa 1962, in seinem Arbeitszimmer.

Damals rauchte man im eigenen Büro noch: Friedricht Dürrenmatt, circa 1962, in seinem Arbeitszimmer.

Jack Metzger / ETH-Bibliothek

Wie besteht ein Künstler in einer Welt der Bildung, der Alphabeten? Eine Frage, die mich bedrückt, auf die ich noch keine Antwort weiss. Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt, Kunst da tut, wo sie niemand vermutet. Die Literatur muss so leicht werden, dass sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig.

Zum 100. Geburtstag:

Friedrich Dürrenmatt: Gedankenschlosser. Über Gott und die Welt. Diogenes Verlag, 140 Seiten.