Rassismus-Debatte

Lesen hilft gegen Rassismus: Zehn Bücher gegen den Hass

In der Rassismus-Debatte wird immer wieder mehr Einfühlungsvermögen und Zuhören gefordert. Beim Lesen kann man beides gleichzeitig lernen. Der Literaturredaktor sagt warum und empfiehlt zehn Bücher von Schweizer Autorinnen und Autoren.

Einen Zauberstab zum Verschwindenlassen der Fremdenfeindlichkeit halten weder Gesetze noch Romane bereit. Literatur hat keinen Auftrag zur gut gemeinten Volkspädagogik. Aber auf das hilflos bittende, gepresste «I can’t breathe» des sterbenden George Floyd kam rasch die Forderung: Zuhören, verstehen, den eigenen und strukturellen Rassismus erkennen und hinterfragen.

Auch in der Schweiz kennen Migranten, Dunkelhäutige, Fremdsprachige das Gefühl der Atemnot, des Aussenseiterdaseins, erleben auf politischen Plakaten, bei Wohnungs- oder Lehrstellensuche subtilen und offenen Rassismus. Um ihrer Sprach- und Ratlosigkeit auf den Grund zu gehen, ist ein Blick ins Kulturschaffen inspirierend.

Gute Literatur stellt schliesslich glaubwürdige, tief verstandene Lebenswirklichkeiten in einen komplexen sozialen Zusammenhang, erzählt packend und sprachlich verdichtet. Eine Auswahl basierend auf den Tipps bekannter Autoren ist in der Bildergalerie versammelt. Weiter unten finden sie Tipps der Redaktion. Erzählende Werke und Essays, die das Menschliche hinter der politischen Aufregung ausleuchten, ohne rührselige Klage, ohne reisserische Dramen oder Propaganda.

Angebot zur Einfühlung

Die meist jungen Figuren in Schweizer Migrantenromanen schämen und verstecken sich, werden ignoriert oder gedemütigt und reagieren stumm oder aufmüpfig. Es ist eine oft bittere, psychologisch explosive Mischung aus Missverständnissen und Ablehnung. Die Kinder- und Jugend-Perspektive erleichtert die Einfühlung, weil sie anschlussfähig ist an die Orientierungs- und Integrationswehen von uns Lesern.

Denn wer mag einem Mädchen das Störrische verdenken, nachdem es die Verstümmelung seines Namens und damit die symbolische Beschneidung seiner Identität bei der Einwanderungsbehörde erlebt hat? Aus Irena Brežná wird eine Brezna – alle Flügel und Dächlein sind gestutzt.

«Nichts als abhauen wollte ich aus dieser gefegten Leere, wo man mich massregelte.» Die vertraute Umgebung und Sprache kippt auf einen Schlag in ein Gefühl umfassender Fremdheit. Später ist sie immer nur die mit dem osteuropäischen Schicksal. Und irritiert von der hiesigen Mentalität, befremdet sie, dass die Schweizer Männer für ihren Geschmack viel zu zurückhaltend um sie werben.

Exemplarisch führte Melinda Nadj Abonji in «Tauben fliegen auf» die Spannung vor zwischen dem fleissigen, äusserlich erfolgreichen Duckmäusertum der Einwanderereltern und der rebellischen Zerrissenheit der Seconda zwischen zwei Heimaten, dem Neid in der alten auf die Erfolgreichen, der Geringschätzung in der neuen Heimat.

Soziale Komplexität erkennen

Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstände zerren an den literarischen Figuren und lassen die Komplexität des Lebens verstehen. Und man bekommt durch diese Romane eine Ahnung, dass hinter einer trotzigen Abwehr oder gar einem verwehrten Handschlag ein komplexes soziales Gefüge stecken kann, in dem keine einfachen Antworten zu erwarten sind.

Dass etwa ein fragwürdiges Einwanderungsrecht ein surreales, ja kafkaeskes Kinderleben zur Folge haben kann, erzählt Vincenzo Todisco. Ein Gastarbeiterkind führt in den 1960er-Jahren ein Dasein, als sei er eine Eidechse: immer auf der Hut, blitzschnell ins Versteck sich zu verkriechen. Eine normale Kindheit mit Schulbesuch ist unmöglich, eine prekäre, gefährdete Jugend voraussehbar.

Meral Kureyshi, wegen ihrem Haar und ihrer Herkunft in der Schule ignoriert, schildert in «Elefanten im Garten» das zermürbende Warten auf den Asylentscheid und die Scham, dass die Mutter Kopftuch trägt. Wenn Yusuf Yesilöz vom kurdischen Kebab-Take-away-Besitzer erzählt, der seinen schwulen Sohn verstösst, weicht die westliche Arroganz dem Mitgefühl für die in ihren Traditionen Gefangenen.

Chancen utopisch skizzieren

Ist eine Gesellschaft ohne Rassismus, ohne Überheblichkeit und Fremdenfeindlichkeit möglich? Martin R. Dean, Sohn einer Schweizerin und eines indischstämmigen Vaters aus Trinidad, fordert sie: «Was wird, wenn unser Bewusstsein nur noch Bekanntes wiederkäut? Die Austreibung des Fremden bringt kein Heil, sie beraubt uns lediglich unserer Fähigkeit zur Toleranz», wir bräuchten unbedingt die Befremdung, um uns weiterzuentwickeln, schreibt er im bemerkenswerten Essayband «Verbeugung vor Spiegeln».

Irena Brežná fragt in «Wie ich auf die Welt kam» provokativ die Schweizer: «Und Sie, sind Sie integriert in die neue, multikulturelle Schweiz?», und hat sogar eine realisierte Utopie entdeckt – im Basler Schwimmbad. Dutzende Sprachen ertönen dort, niemand werde aus der «entspannten und doch reglementierten Schwimmbadgesellschaft» ausgeschlossen.

Aus dem Kopf eines Rassisten

Leider wird zu selten aus der entgegengesetzten Perspektive, aus derjenigen eines Rassisten, erzählt. Eine der wenigen Ausnahmen: Otto F. Walters 1993 erschienene Erzählung «Die verlorene Geschichte». Dort versetzt er sich sprachlich bestechend ins verworrene Bewusstsein des Eisenlegers Polo, der sich einer rassistischen Bande anschliesst und ein Asylheim anzündet.

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