Film

Liebesbeben in der Bretagne – dieser Film ist ein Romanze für die Ewigkeit

Heloïse (Adèle Haenel) und Marianne (Noémie Merlant) lieben sich im späten 18. Jahrhundert an gesellschaftlichen Zwängen vorbei.

Heloïse (Adèle Haenel) und Marianne (Noémie Merlant) lieben sich im späten 18. Jahrhundert an gesellschaftlichen Zwängen vorbei.

In ihrem Meisterwerk «Portrait de la jeune fille en feu» zeigt die französische Regisseurin Céline Sciamma, was eine von Männern befreite Romanze ausmacht.

28 – wann hat sich eine Zahl letztmals derart in unser Gehirn eingebrannt wie nach diesem berauschenden Film?

Der britische Schriftsteller Douglas Adams hatte ja einst aus der Zahl 42 die Antwort auf die Frage «nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest» gemacht. Die französische Filmemacherin Céline Sciamma erhebt nun die Zahl 28 zur Losung der Liebenden.

Als Sciammas Hauptdarstellerin (und Lebenspartnerin) Adèle Haenel in Cannes über den roten Teppich schritt, war eine grosse 28 auf ihrem Handrücken aufgemalt. Was hat das zu bedeuten?

Wer Sciammas Film «Portrait de la jeune fille en feu» sieht, versteht sofort. 28 ist der Code und das Erkennungszeichen der Eingeweihten. Mehr sei nicht verraten.

Sciamma mag solche Zahlenspielereien. Die 40-jährige Regisseurin, Autorin und Tochter eines Softwareentwicklers geht ihre Arbeit mit einer mathematischen Präzision an. Nicht kühl und distanziert, sondern rhythmisch und musikalisch.

«Ich schreibe meine Drehbücher wie Partituren», verrät uns Sciamma bei einem Gespräch in Zürich. «Ich halte darin jeden Blick, jede Regung, jedes Ein- und Ausatmen fest.»

Denn beim Drehen strebe sie einen ganz bestimmten Rhythmus an, einen «Swing», wie sie es nennt. Wenn ihre Filmfigur von A nach B läuft, habe sie die Anzahl Schritte genau abgezählt. «Oft schnippe ich dann auf dem Set mit meinen Fingern den Takt vor», so Sciamma.

Ein Porträt, um den Bräutigam zu überzeugen

Diesem Takt folgen in «Portrait de la jeune fille en feu» – Sciammas viertem Spielfilm – vier Frauen im späten 18. Jahrhundert: Marianne, eine Malerin; Heloïse, eine adlige Junggesellin; ihre Mutter, eine verwitwete Gräfin; und Sophie, ihre Dienstmagd.

Heloïse (gespielt von Adèle Haenel) soll einem Adligen in Mailand angetraut werden. Da sie den Mann nicht kennt, geschweige denn jemals getroffen hat, weigert sich Heloïse, für ein Porträt, das diesen von ihrer Schönheit überzeugen soll, Modell zu sitzen.

Die Mutter (Valeria Golino) greift deshalb zu einer List: Sie lädt die Malerin Marianne (Noémie Merlant) auf ihr Anwesen in der Bretagne unter dem Vorwand ein, als wohlerzogene Hofdame Heloïse auf ihren täglichen Spaziergängen zu begleiten.

Das Bildnis von Heloïse soll Marianne dann nachts und im Geheimen aus dem Gedächtnis anfertigen. Der Tochter der Gräfin fallen die vielen neugierigen Blicke ihrer neuen Gefährtin natürlich auf. Aber sie deutet sie falsch. Oder doch nicht?

Mit Hollywooddarstellern wäre das ein «Titanic»-mässiger Kult
Man kann «Portrait de la jeune fille en feu» als ergreifend erzählte und prächtig abgefilmte Geschichte über eine zart aufblühende, aber dem Unglück geweihte Liebe zweier Frauen geniessen.

Wir sind überzeugt: Wäre dieser Film mit Hollywooddarstellern gedreht worden, würde um ihn ein «Titanic»-mässiger Kult entstehen. Aber all das würde Sciammas raffinierter filmischer Versuchsanordnung nicht gerecht.

«Lasst euch Zeit und schaut mich ganz genau an», lautet die erste Dialogzeile im Film. Der Aufruf gilt auch dem Kinopublikum: Schaut ganz genau hin.

Sciamma nennt ihren Film eine Choreografie der Blicke, und wer da ganz genau hinschaut, wird erkennen, wie sie damit gewissermassen die Filmgeschichte auf den Kopf stellt.

Das Stichwort lautet: male gaze, der männliche Blick. Jahrzehntelang hat der Blick von Regisseuren und Kameramännern die Sehgewohnheiten des Kinopublikums geprägt.

In ihrem bahnbrechenden Aufsatz «Visual Pleasure» charakterisierte die britische Filmkritikerin Laura Mulvey 1975 den male gaze als einen voyeuristischen, lüsternen Blick, der die weiblichen Filmfiguren zu passiven Lustobjekten degradiert.

Die aufreizend gekleidete und von einem Raum voller Männer begaffte Marylin Monroe in «The River of No Return» (1954), die auch die Schaulüste des Kinopublikums bediene, sei eines von unzähligen solcher Beispiele.

Das ist lange her, aber leider immer noch aktuell, doch heute spricht man längst auch vom female gaze, dem weiblichen Blick. Nicht selten werden in diesem Zusammenhang Filme wie «Magic Mike» (2012) – über männliche Stripper, an denen sich weibliche Zuschauer ergötzen können – ins Feld geführt.

Auch Céline Sciamma ist eine Verfechterin des female gaze. Nur versteht sie diesen ganz anders als «Magic Mike». «Der weibliche Blick soll bei mir nicht Männer zu Objekten machen – sondern Frauen zu Subjekten.»

Eine Liebesbeziehung zwischen Gleichwertigen

Da bleibt kein Platz mehr für Voyeurismus. Als Frau würde sie den weiblichen Körper im Liebesakt natürlich anders filmen, doch es gehe auch um eine völlig andere Vorstellung von Liebe.

Sciamma erklärt: «In der Beziehung zwischen Heloïse und Marianne existiert keine Geschlechtervorherrschaft, weil sie zwei Frauen sind, die sich lieben. Aber es existiert zwischen ihnen auch kein soziales oder intellektuelles Gefälle. Ihre Liebesbeziehung ist eine zwischen Gleichwertigen.»

Heloïse und Marianne leben nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen eine feministische Utopie. Männer figurieren im Film nur am Rande, etwa als Ruderer und Briefträger.

Der Adlige in Mailand löst sich zwar nicht plötzlich in Luft auf, doch für einen kurzen Moment befreien sich diese Frauen aus den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit.

Céline Sciamma wurde in Cannes für «Portrait de le jeune fille en feu» mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

Céline Sciamma wurde in Cannes für «Portrait de le jeune fille en feu» mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

Céline Sciamma wurde in Cannes für «Portrait de le jeune fille en feu» mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. (Bild: Keystone-SDA)
Im Unterschied zu praktisch jedem anderen Historienfilm basiert «Portrait de le jeune fille en feu» weder auf einer Romanvorlage noch auf realen historischen Persönlichkeiten.

Sciamma bürgt aber für die historische Genauigkeit ihres Stoffes: «Ende des 18. Jahrhunderts gab es viele Malerinnen wie Marianne. Ihnen wurde nicht nur der Zugang zu ihrer Arbeit erschwert, die Kunstgeschichte tut auch so, als hätten sie nie existiert. Ich wollte diesen Frauen ihre Stimmen zurückgeben, ihre Körper, ihre Intimität.»

Das trifft im Film nicht nur auf Marianne zu, sondern auch auf die Dienstmagd Sophie (Luàna Bajrami), die einen Schwangerschaftsabbruch machen lassen will – ein unerhörtes Ereignis in einem Historienfilm.

«Ich werde oft darauf angesprochen, dass mein Film auch moderne Themen behandelt», sagt Sciamma, «doch Abtreibung ist gar kein modernes Thema.»

Die habe es auch damals gegeben, und auf gewisse Weise hätten es Frauen einfacher gehabt als heute. «Wenn du abtreiben wolltest, wurdest du nicht wie ein Kind behandelt, da war keiner, der dich mit Fragen terrorisierte, ob du dir das auch gut überlegt hast. Frauen hatten mehr Kontrolle über ihre eigenen Körper.»

Die Abtreibungsszene ist eine der aufsehenerregendsten im Film – vorurteilsfrei mit grosser Empathie abgedreht.

Zu radikal für die Franzosen

Während «Portrait de la jeune fille en feu» in internationalen Medien Begeisterungsstürme auslöst, ist die Reaktion in Sciammas Heimat eher verhalten.

Die einflussreiche «Cahier du cinéma» verriss den Film, und das Kulturministerium schickte ein anderes französisches Werk, «Les misérables», ins Oscarrennen, obwohl jenes von Sciamma von vielen Experten als Favorit gehandelt wurde.

«In Frankreich spricht niemand über den male gaze, eine Liebesgeschichte ohne Männer ist dort viel zu radikal», sagt Sciamma und lacht. «Ich kann also schon verstehen, dass sie meinen Film nicht bei den Oscars wollen.»

Wir würden Sciammas Meisterwerk glatt alle Oscars geben – und mindestens 28 von 10 Punkten.

Portrait de la jeune fille en feu (F 2019) 119 Min. Regie: Céline Sciamma. Ab 24.10. in den Schweizer Kinos.

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