Literatur
Die französische Starautorin Annie Ernaux schreibt über ihre illegale Abtreibung 1963

Annie Ernaux ist eine Ikone des Feminismus: Warum man auch als Mann ihr radikal selbsterkundendes Buch «Das Ereignis» lesen sollte.

Hansruedi Kugler
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Annie Ernaux schreibt über Ihre illegale Abtreibung.

Annie Ernaux schreibt über Ihre illegale Abtreibung.

Mehdi Chebil / Hans Lucas

Es gibt Bücher, die den Zwiespalt zwischen einem selbstbestimmten Leben und Schicksalsergebenheit so plastisch, intelligent und fern jeder Rührseligkeit vor Augen führen, dass sie unweigerlich auch zur Selbstbefragung führen. Die Bücher der französischen Autorin Annie Ernaux gehören in diese Kategorie. So schrieb mir eine Redaktionskollegin kürzlich: «Super, dass Du dieses Buch besprichst.» Und mit einem Zwinker-Smiley fügte sie hinzu: «Tolle Autorin, aber ich hoffe für sie, dass sie mit ihren weiblichen Traumata dann bald mal durch ist.»

Muss man das als Zeichen verstehen, dass die mit Scham verknüpfte Selbstermächtigung der jungen Frau in den 1950- und 60-Jahren auf jüngere Feministinnen bedrückend wirkt? Mitleid aber ist das Letzte, was diese Autorin erwartet.

Ihre Autobiografie ist auch politische Sozialkritik

In mehreren schmalen Büchern hat Annie Ernaux von sexuellem Missbrauch, dem Mordversuch des Vaters an ihrer Mutter, der Plackerei und Frustration der Arbeiterschicht, der katholischen Lustverneinung und ihrer eigenen Überheblichkeit gegenüber den kleinbürgerlich-schicksalsergebenen Eltern berichtet.

Der damaligen Sprachlosigkeit des Geschehens hat sie im Rückblick ihrer autobiografischen Recherche Sprache verliehen – und zugleich die Erkenntnis, dass die Ereignisse, so privat sie auch scheinen mögen, immer Symptome sozialer und politischer Zustände waren. Schlicht atemberaubend ist die Unerschrockenheit, mit der Annie Ernaux den schwierigen Kampf um Selbstbestimmung in einer schlackenlosen Sprache präsentiert. Ihr Buch «Das Ereignis» ist in seiner nüchternen Genauigkeit nochmals ausserordentlich:

«Ich schrieb P., dass ich schwanger sei und es nicht behalten wolle. Ich fand es befriedigend, seine Sorglosigkeit zu stören, auch wenn ich mir keine Illusionen darüber machte, dass er meine Entscheidung abzutreiben, mit grosser Erleichterung aufnehmen würde.»

«Das Ereignis» erschien im Jahr 2000 im französischen Original. Seit einigen Jahren bringt der Suhrkamp Verlag Annie Ernaux’ Bücher im Jahresabstand in deutscher Übersetzung heraus. Sie sind zu einer literarischen Sensation geworden.

Soll man als Mann über Abtreibung schreiben?

Soll man sich als Mann überhaupt berufen fühlen, Bücher dieser feministischen Ikone zu rezensieren? Besonders «Das Ereignis», in welchem sie schonungslos und detailliert von ihrem 1963 illegalen Schwangerschaftsabbruch berichtet? Es wird das sechste Buch von Annie Ernaux sein, das ich rezensiere.

Die Faszination ist eine Doppelte: Eine so intelligente, präzise und hoch reflektierte Erinnerungsliteratur liest man selten. Und dass ihre Bücher ein Fenster ums andere in Frauen-, Arbeiter- und Aufstiegsbiografie öffnen, macht ihr Projekt zum grandiosen Generationenporträt. Etwa dann, wenn sie die verinnerlichte katholische Schuldideologie an sich bemerkt:

«Die Ungläubigkeit, dass dies ausgerechnet mir passierte, wurde von der Gewissheit abgelöst, dass mir dies zwangsläufig hatte passieren müssen. So etwas hatte mich erwartet, seit ich mit vierzehn unter der Bettdecke das erste Mal gekommen war.»

Oder wenn sie das Milieu, in das sie geboren wurde, reflektiert:

«Ich stellte eine vage Verbindung her zwischen meiner Klassenherkunft und dem, was mir passiert war, die unvermeidliche Weitergabe der Armut, deren Symbol die unverheiratete Schwangere war, im selben Masse wie der Alkoholiker. Im Sex hatte mich meine Herkunft eingeholt.»

Wenn die Generation etwas egoistischer gewesen wäre

Vielleicht hat die Faszination auch etwas damit zu tun, dass man in der Biografie von Annie Ernaux einen entschlossenen Gegenentwurf zur lebensbehindernden Bescheidenheit der eigenen Eltern erkennt, die derselben Generation angehörten. Und man sich existenziell die Frage stellen muss: Wäre man selbst überhaupt auf die Welt gekommen, wenn die eigene Mutter in den 60er-Jahren ein bisschen egoistischer gewesen wäre und mehr auf ihre Selbstverwirklichung gepocht hätte? Gewünscht hätte ich es ihr. Ich würde den Entscheid verstehen, wäre aber wohl nicht hier. Aber ich wäre eine Figur in der Szene, die Annie Ernaux so drastisch wie nüchtern beschreibt. Tage nach dem Besuch bei der «Engelmacherin» entleert sich ihre Gebärmutter auf der Toilette des studentischen Wohnheims:

«Es schoss aus mir heraus wie eine Granate, das Fruchtwasser spritzte bis zur Tür. Ich sah eine kleine Babypuppe an einer rötlichen Schnur aus meiner Scheide hängen.»

Was dann folgt: unbeholfenes Abklemmen der Nabelschnur mit Hilfe einer schockierten Bekannten, Blutverlust, Notaufnahme im Spital, demütigende Sprüche des Notfallarztes, Beziehung beendet, Beichte beim wütenden Priester, anschliessend der endgültige Bruch mit der Kirche.

Radikale Wahrheitssuche ohne Selbstschutz

Vielleicht mag man dieses Buch gerade wegen solcher detailgenauer Drastik nicht jedem und jeder zumuten. Das Faszinierende aber an diesem und allen anderen Büchern von Annie Ernaux: Sie schützt sich mit ihrem Text weder vor Bewunderung noch vor Abscheu über ihren damaligen Entscheid, der erklärtermassen ein egoistischer war. Sie geht einfach radikal auf Wahrheitssuche und reflektiert fortwährend die Erinnerung und das Erzählen:

«Ich will in diesem Text nicht tun, was ich im echten Leben nicht getan habe oder nur ganz selten, schreien und weinen. Stattdessen nah dranbleiben am Gefühl eines gleichmässig dahinfliessenden Unglücks.»

Die plumpe Selbstzufriedenheit der Männer, das Dilemma von Ärzten, die nicht helfen durften, der Ekel bei gefährlichen Hinterhofabtreibungen geben die Kulisse ab für die intime Erzählung. Als politisch denkende Autorin vergleicht Annie Ernaux die Engelmacherinnen mit den Schleppern, die Flüchtlinge über Grenzen bringen: Beide machen Geld mit jenen, die «keine andere Rettung» sehen.

Sie schafft damit ein eindringliches Porträt, das dokumentiert, wie politische und soziale Umstände Frauen in einsame Entscheide treibt. Und wenn in Polen und in Texas Frauen wiederum faktisch in die Illegalität getrieben werden, ist dieses Buch in seiner unaufgelösten Ambivalenz aktueller denn je.

Annie Ernaux: Das Ereignis. Deutsch von Sonja Finck. Suhrkamp, 107 Seiten.

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