Schweizer Literaturstar
Kurt Marti wäre am 31. Januar 100 Jahre alt geworden – Der Erneuerer der Mundartliteratur ist neu zu entdecken

Mit einem Paukenschlag holte Kurt Marti in den 1960er-Jahren die Schweizer Mundartdichtung aus ihrer Sentimentalität und Formstarre in die Moderne. Zum 100. Geburtstag am 31. Januar erscheinen vom 2017 verstorbenen Schriftsteller zwei Bücher aus dem Nachlass.

Florian Bissig
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Der Schriftsteller und alt Pfarrer Kurt Marti am Freitag, 19. Januar 2001, kurz von seinem 80. Eburtstag, in seinem Domizil in Bern.

Der Schriftsteller und alt Pfarrer Kurt Marti am Freitag, 19. Januar 2001, kurz von seinem 80. Eburtstag, in seinem Domizil in Bern.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Als Kurt Marti vor vier Jahren 96-jährig starb, war es schon einige Jahre recht still um ihn gewesen. Die ungeheure Energie, mit der er streitlustig an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen, hintersinnige Erzählungen und Essays geschrieben und vor allem eine vollgültige Lyrik in berndeutscher Mundart etabliert hatte, hatte er viele Jahrzehnte lang aufrechterhalten. Doch nachdem seine Ehefrau Hanni 2007 gestorben war, publizierte er nichts mehr und hinterliess in seinen verbleibenden zehn Lebensjahren auch kaum noch Manuskripte.

Verstummt und doch zum Jubiläum als Klassiker neu aufgelegt

Eine Reihe von Publikationen zu Martis 100. Geburtstag belegt nun, dass seine Leistungen heute deswegen nicht weniger präsent sind. Sowohl die theologische wie die literarische Welt scheint fest entschlossen, sein breites Werk weiter aufzulegen, zu edieren und so im Andenken und Gespräch zu halten. Der Theologische Verlag Zürich publiziert Predigten aus Martis Zeit als Pfarrer an der Berner Nydeggkirche, sowie Erinnerungen von Weggefährten. Die Neuausgabe der gesammelten Kolumnen aus der Zeitschrift «Reformatio» ist dagegen zum Wallstein-Verlag gewandert, der zwei schmale Bändchen mit teilweise unveröffentlichten literarischen Texten herausbringt.

Textprobe aus «Der Alphornpalast»

Heute geschenkt

Gesenkten Blicks sagte einer am Tisch: Uns fehlt der tägliche Gott. Keiner in der Runde stimmte zu, keiner widersprach. Als jener, darob verwundert, seinen Blick hob, stellte er fest, dass die Freunde eingenickt waren. Er winkte den Kellner herbei, wollte die Zeche begleichen. Statt der Rechnung präsentierte der Kellner jedoch eine Quittung: Heute ist zum Voraus schon alles für alle bezahlt, auch das Trinkgeld. Von wem denn? Bedauernd hob der Kellner leichthin beide Schultern: Der Spender möchte ungenannt bleiben.

Aus Kurt Marti: Der Alphornpalast. Prosa aus dem Nachlass. Wallstein Verlag, 104 Seiten.

Was von Marti à la longue ganz gewiss bleiben wird, ist seine Lyrik. Neben dem berühmten «rosa loui» von 1967 und weiteren Bänden «ir bärner umgangsschprach» gehören dazu auch standardsprachliche Dichtungen, in denen er sich als Sprachkünstler auf der Höhe seiner europäischen Zeitgenossen erwies. Der grösste und wichtigste Teil seines lyrischen Werks ist bereits 2018 in zwei umfassenden Bänden bei Nagel & Kimche erschienen.

Textprobe aus «rosa loui»

wie geits?

äs chunnt
äs geit
ganz zerscht
chunnt meh
als geit
doch gly
chunnts so
wies geit
und bald 
geit meh
als chunnt
bis
alles geit
und nüt me chunnt

Lustiges und Gesellschaftskritisches aus dem Nachlass

Was der Herausgeber Guy Krneta nun für den Band «Hannis Äpfel» noch auftreiben konnte, stellt keine wesentliche Bereicherung von Martis publiziertem Werk dar. Stücke wie «ballhörnchen» sind durchaus lustig und kreativ, und auch nicht ohne ein gesellschaftskritisches Moment:

reich und reich gesellt sich gern
wie man sich kettet so liegt man
muhe recht und scheue niemand
man muss die besten feiern wenn sie fallen
wir sind ein einig volk von biedern.

Doch die fünf Gags, die darin stecken, gehen auf Kosten allzu disparater Ziele und verbinden sich nicht zu einer Pointe. Marti war das bewusst, und deshalb hatte er diese Versuche auch nie zur Publikation vorgesehen.

Kurt MartiBerner Schriftsteller und Pfarrer

Kurt Marti
Berner Schriftsteller und Pfarrer

Keystone

Ein Abschiedsgedicht als Zeugnis einer langen, erfüllten Ehe

Andere Stücke blieben nicht aus Qualitätsgründen in der Schublade, sondern weil sie unverwandt privat und stellenweise höchst intim sind. Dies gilt insbesondere für das Langgedicht Hanni, das den halben Band füllt. Das Trauergedicht, in dem Marti seine Frau kurz nach ihrem Tod in der zweiten Person anspricht, ist ein berührendes Zeugnis einer erfüllten, langjährigen Ehe. Er hatte es für sich selbst und zur privaten Zirkulation unter seinen engsten Freunden und Familienangehörigen geschrieben. «Vorbei, ach.» Martis Stimme in dieser postumen Liebeserklärung ist leiderfüllt und leidenschaftlich, aber seine Gedanken sind klar und besonnen:

Wenn ich dir weh getan hatte,
hast du nie Gleiches
mit Gleichem vergolten.
Ich predigte Vergebung
von der Kanzel herab.
Du aber hast sie gelebt.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Christ und Pfarrer nichts vom Beistand seines Gottes wissen will, und dass sich der Freud-Kenner die Rede von der «Trauerarbeit» verbittet.

In den Miniaturen zeigt sich Martis Talent für lakonischen Hintersinn

Literarisch aufregender sind die kurzen Prosatexte im Band «Der Alphornpalast». Einem nachgelassenen Typoskript mit weitgehend unveröffentlichten Stücken entnimmt die Herausgeberin Stefanie Leuenberger eine Reihe von Miniaturen, die Martis lakonische, hintersinnige und zuweilen surreale Erzählkunst zeigen. In scheinbar zusammenhanglosen Vignetten – etwa von einem Mann, der aus einem Zeppelin springt oder von einem Priester, der beim Predigen abhebt – taucht der mysteriöse titelgebende Alphornpalast auf. Dieser birgt Gefahren – jemand will darin vom Blitz getroffen worden sein–, doch das mindert seine Anziehungskraft nicht.

Bei aller Rätselhaftigkeit dieses Motivs ist doch der satirische Wink auf eine Schweiz erkennbar, deren Selbstbild einen Spagat zwischen Bergleridyll und kapitalistischer Tüchtigkeit bewältigen muss. Als Allegorie auf die Schweiz kann auch «Herr Fremd. Ein Phantombild», gelesen werden. Dieser längste und ergiebigste Text des Bandes ist die Transkription eines Vortrags, den Marti am 1. August 1996 an den Solothurner Literaturtagen gegeben, und den das Schweizer Radio aufgezeichnet hatte:

Unerwartet in einem Spiegel seiner selbst ansichtig zu werden, liess Herrn Fremd oft erbleichen vor Scham, kein anderer zu sein

Hier wird in Brechtscher Nüchternheit festgestellt. Herr Fremd – dessen Name oft als Freund missverstanden wird – ist ein merkwürdiger Zeitgenosse, der uns allerdings merkwürdig bekannt vorkommt. Er steht gern etwas abseits, ist privilegiert, und er kann sich beim besten Willen nicht an seine Vergangenheit erinnern. Aus dieser Verlegenheit heraus lässt er immer neue Versionen einer erfundenen Biografie zirkulieren, und weiss bald selbst nicht mehr, welche am ehesten der Wahrheit entsprechen könnte.

Die 1422 Seiten dicke Kolumnensammlung kann man als Marti-Bibel bezeichnen

Wem bei der Lektüre der beiden Nachlassbändchen nach Einordnung und Kontext verlangt, der greife am besten zur schick neu gestalteten Kolumnensammlung «Notizen und Details», die man getrost als Marti-Bibel bezeichnen kann. Um Details oder Nebenschauplätze geht es hier höchstens vordergründig, und in der Summe ist es ein umfassender Spiegel von Martis Engagement als Pfarrer, Künstler und Intellektueller und zugleich von nahezu fünf Jahrzehnten Schweizer Kultur- und Sozialgeschichte. Martis Weg zu den wesentlichen Fragen nimmt seinen Ausgang oft bei der Zuwendung zu abseits stehenden Figuren. Mit Ludwig Hohl etwa, und mit Jesus Christus, teilt Marti den Fokus auf das Randständige und lehnt den schweizerischen Hang zur «voreiligen», allzu billigen Versöhnung ab.

Die Schweiz - ein Land im real existierenden Nihilismus

Selbst dort, wo Marti auf das Tagesgeschehen eingeht, scheint er ein Gespür für die Anliegen zu haben, die nicht so schnell obsolet werden, wie sie es sollten. Ob man die Autoren nicht nach dänischem Vorbild am Umsatz der Bibliotheken beteiligen sollte, auch hier in der Schweiz, «wo die Bibliotheken zwar dem Leser dienen, aber auf Kosten der Autoren?», fragte er 1967, und fragen wir noch heute. Drei Jahre später wies er auf die Verlogenheit hin, dass Schweizer Waffen in Konfliktgebiete geflogen werden, damit bald darauf Rotkreuzfunktionäre zur Versorgung von deren Opfern hinterhergeflogen werden müssen. Der moralisch-politische Fortschritt in der Schweiz hat Martis energische Einmischungen nicht obsolet gemacht, und auch nicht seinen Aphorismus: «Wo leben wir denn? Im real existierenden Nihilismus.»

Neue Bücher von und zu Kurt Marti:
- Hannis Äpfel. Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Guy Krneta. Wallstein, 90 Seiten.
- Der Alphornpalast. Prosa aus dem Nachlass, Herausgegeben von Stefanie Leuenberger. Wallstein, 104 Seiten.
- Notizen und Details 1964–2007. Kolumnen aus der Zeitschrift ‹Reformatio›. Wallstein, 1422 Seiten.
bereits 2018 erschienen:
- Die Liebe geht zu Fuss. Ausgewählte Gedichte. Nagel & Kimche, 237 Seiten.- Wo chiemte mer hi? Sämtlechi Gedicht ir Bärner Umgangssprach. Nagel & Kimche, 207 Seiten.

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