Literatur
Schreiben Professorinnen bessere Romane? Sabine Haupt weiss es

Sabine Haupt erzählt, wie sie ihre Literaturprofessur mit der Schriftstellerei verbindet. Ihr aktueller Roman «Lichtschaden. Zement» sei ein «intellektueller Frauenroman», sie selbst eine barocke Person.

Hansruedi Kugler
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Sabine Haupt, Schriftstellerin und Literaturprofessorin, in ihrem Garten in Savigny.

Sabine Haupt, Schriftstellerin und Literaturprofessorin, in ihrem Garten in Savigny.

Bild: Severin Bigler

Frau Haupt, hilft Ihnen das Wissen über Stil­formen und Literaturgeschichte beim Romanschreiben? Schreiben Professoren die besseren Romane?

Sabine Haupt (lacht) Gegenfrage: Fährt ein Automechaniker besser Auto? Ist eine Ärztin gesünder?

Anders gefragt: Blockiert Sie dieses Wissen nicht, den eigenen Weg, die eigene Sprache zu finden?

Im Gegenteil, das Wissen gibt mir eher Freiheiten, weil ich weiss, was alles von den unendlich langen Sätzen von Thomas Mann bis zum Dadaismus möglich ist. Ich habe deshalb keine Hemmungen und muss keine Regeln aus irgendwelchen Schreibkursen befolgen. Aber die Inspiration für ein neues Buch kommt nicht aus der wissen­schaft­lichen Arbeit. Hier, bei diesem Roman, hing die allererste Inspiration mit dem grandiosen Licht zusammen, das ich während meiner Schreibaufenthalte in Griechenland sehe, und mit der Angst, dass dieses Licht verschwinden könnte.

Zur Person

Sabine Haupt

Seit 40 Jahren lebt und arbeitet die in Deutschland aufgewachsene Sabine Haupt in der Schweiz. Sie war Kulturkorrespondentin der NZZ und Mitglied in der Programmgruppe der Solothurner Literaturtage, war politisch aktiv in der Grünen Partei und war Anti-AKW-Aktivistin. Sie lehrt in einem 50-Prozent-Pensum vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Fribourg (hak).

Adolf Muschg, ebenfalls Literaturprofessor, hat gerade einen mit Anspielungen überladenen Roman veröffentlicht. Ist das Zuviel an Wissen für Sie selbst keine Gefahr?

Doch, manchmal schon. Die Gefahr ist, dass einem ständig tausend Dinge einfallen. Das kann interessant sein, wenn man daraus ein flanierendes Erzählen gewinnt. Aber es kann auch langweilig oder beliebig werden. Das Zuviel geht bei mir übrigens ins Private hinein. Meine Lebensdevise ist: eher zu viel als zu wenig. Ich mag es generell üppig statt karg, das Barocke ist ein Teil meiner Person. Wenn ich für Gäste koche, steht immer zu viel auf dem Tisch. Auch mein Schreibstil ist eher barock, was die Fülle an Themen und Stilarten betrifft.

Der neue Roman von Sabine Haupt Lichtschaden Zement. Verlag die Brotsuppe, 313 S.

Der neue Roman von Sabine Haupt Lichtschaden Zement. Verlag die Brotsuppe, 313 S.

Bild: zvg

Das merkt man Ihrem Roman an. Er ist vielschichtig, fantastisch, politisch, aus mehreren Perspektiven erzählt. Anspruchsvoll, aber auch spannend und gut lesbar.

Viel muss ja nicht zu viel sein. Die Motive und Ebenen müssen einfach gut vernetzt sein, dürfen nicht beliebig wirken. Ich schreibe keine für die Schweiz so typische bodenständige Prosa, sondern eher eine Mischung von realistischem Setting und Fantastischem, sodass man in ein literarisches Spiel hineinkommt. Das macht mir auch Spass beim Schreiben. Literarisch ist mir deshalb Hermann Burger nahe, der an der ETH Privatdozent für Literatur war.

Welches Label würden Sie denn Ihren eigenen Romanen geben?

Meine Verlegerin und ich haben dafür scherzhaft das Etikett Intellektueller Frauenroman erfunden, was allerdings ein bisschen zweischneidig ist. Aber es ist wichtig, gerade wegen der Frage, wem Intellektualität abgenommen wird. Von Frauen wird erwartet, dass sie Emotionalität liefern. Das tue ich zwar, aber darauf festgenagelt zu werden, mag ich nicht. Ich will mit dem gesamten literarischen Spektrum spielen. Zudem werden Bücher aus Büchern gemacht, nicht nur aus Erfahrungen. Dass alles nur aus dem Inneren komme, ist eine Vorstellung der überlebten Genie-Theorie.

Sie bauen auch historische Fakten ein, etwa über das KZ Mauthausen oder über den mafiösen Raubbau von Sand für die Zementindustrie.

Wenn ich ein Konzentrationslager beschreibe, muss das genau stimmen, jede Fiktionalisierung wäre pietätlos. Ihre Frage berührt etwas Zentrales. Ich versuche, alles zu verbinden: das Politische, das Humanitäre, das Ökologische, das Mann-Frau-Thema. Die Frage ist, wie ich das literarisch verarbeite. Einfach vor mich hin zu fantasieren, wäre mir zu wenig. Deshalb variiere ich die Motive, den Sand oder das Licht, immer neu. Ich möchte ja nicht nur einfach schöne Romane schreiben, sondern solche, die etwas zu sagen haben, auch auf die Gefahr hin, stellenweise ein bisschen journalistisch zu werden.

Im Roman brechen Nazi-Traumata erst in der Enkelgeneration aus.

Als Deutsche schreibe ich aus Erfahrung. Es ist leider oft so.

Deshalb das Motiv der Zivilcourage, das Sie im Roman variieren?

Mir ist das sehr wichtig, auch wenn am Ende offenbleibt, ob meine Heldin sich nicht doch in eine Verschwörungstheorie verbeisst.

Haben Sie für die Höllenfantasie der einen Figur Angelo bei Dante abgeschrieben?

Abgeschrieben ist nichts. Für die Höllenfahrt gibt es jedoch von Dante bis Frau Holle eine Tradition, aus der ich schöpfe. Für Angelos Tagebuch habe ich eine psychotische Kunstsprache erfunden. Sie ist verfremdet, beinhaltet aber reale Gewalt und auch eine Form von Wahrheit.

Der erste Satz Ihres Romans, «Der Lebenswille hat etwas Obszönes», ist faszinierend andeutungsreich, provokativ, auch ein wenig düster.

Es ist wichtig, gleich zu Beginn ein Klima oder ein Rätsel zu erzeugen, das so vielversprechend ist, dass man weiterliest. Der Satz kam erst später hinzu, hängt aber mit all den Fragen im Buch zusammen.

Wo finden Sie Zeit, neben Ihrer Professur Romane zu schreiben?

Seit meine Töchter erwachsen sind, ist neben meiner 50-Prozent-Stelle an der Uni Fribourg genug Zeit vorhanden.

Buchbesprechung

Was in Sabine Haupts Roman geschieht

In «Lichtschaden. Zement» will ein fragiles und sehr körperliches Liebespaar, die 50-jährige Hotelmanagerin Hella und der 38-jährige ehemalige Priester Raffaele, mafiöse Machenschaften eines Schweizer Zementkonzerns aufdecken. Sabine Haupt verknüpft die Story vielschichtig und spannend mit den traumatischen Familiengeschichten der beiden, inklusive psychotischem Dämonenglaube, Panikattacken auf der Kanzel und ruppig-verbissenem Aktivismus. Man liest das Buch als psychologisch packenden Liebesroman und Politthriller, als surrealen Zeitroman und philosophischen Roman mit wechselnden Perspektiven und elegant verknüpften Leitmotiven. (hak)

Sabine Haupt: Lichtschaden. Zement. Roman. Verlag die Brotsuppe, 313 S.

Diese Literaturprofessoren schrieben erfolgreiche Romane

  • Umberto Eco: Er war Professor für Semiotik an der Uni Bologna von 1975 bis 2007. 1980 gelang ihm mit «Il nome della rosa» ein Welterfolg. Zuletzt erschien 2015 die Satire «Nullnummer». Eco starb 2016.
  • Toni Morrison: Die Pionierin afroamerikanischer Literatur war von 1989 bis 2006 Professorin in Princeton. Sie erhielt 1993 den Literaturnobelpreis. Ihre wichtigsten Romane: «Sehr blaue Augen» (1970), «Menschenkind» (1987). Morrison starb 2019.
  • Adolf Muschg: Er war neben seiner Schriftstellerei von 1970 bis 1999 Professor für Literatur an der ETH Zürich. Sein Debütroman «Im Sommer des Hasen» erschien 1965. Muschg erhielt 1994 den Büchnerpreis. Zuletzt erschien sein Roman «Aberleben».
  • Hildegard Elisabeth Keller: Die Literaturkritikerin, Filmemacherin und Mediävistin ist seit 2001 Professorin für Literatur an der Uni Zürich. Dieses Jahr erschien ihr Roman «Was wir scheinen» über Hannah Arendt.
  • J. M. Coetzee: Seit 1984 ist er Professor für Literatur in Südafrika und Australien. Coetzee erhielt 2003 den Nobelpreis für Literatur. Zweimal erhielt er zudem den Booker Price, 1999 für «Schande», seinen wichtigsten Roman.

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