Literatur
Sven Regener erzählt von seinem neuen Roman: «Irgendwann flogen die Bierdosen»

«Glitterschnitter» ist wieder eine skurrile, charmante Story über verrückte Typen, Musiker und Avantgarde-Künstler in Berlin-Kreuzberg der 80er Jahre - mit viel Dialogwitz. Im Interview erzählt Sven Regener, wie er selbst diese Zeit als Trompeter hautnah miterlebt hat.

Interview: Hansruedi Kugler
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Bild: Charlotte Goltermann

Bestens gelaunt und wie ein Sturzbach erzählt Sven Regener im Zoom-Interview vom Berlin der frühen 1980er Jahre, wo er damals lebte, Trompete spielte und wo sein neuer Roman «Glitterschnitter» spielt. Dieses literarische Universum an skurrilen Episoden und kratzbürstig-sympathischen Figuren ist ein grosses Vergnügen – eine Fortsetzung seines Vorgängerromans «Wiener Strasse».

Mit viel Dialogwitz schreibt Regener in «Glitterschnitter» von Performance-Künstlern, sentimentalen Österreichern, Musikfanatikern, Punks, einer ruppigen Mutter-Tochter-Beziehung und einer chaotischen Basisdemokratie in einem besetzten Haus in Kreuzberg. In einer Nebenrolle: Herr Lehmann.

In Ihrem neuen Roman stehen verrückte Kerle mit Pappinstrumenten, Bohrmaschine und Betonblöcken auf der Bühne, hängen sich Sicherheitsgurte und Eierschneider um den Hals. Diese Figuren liegen Ihnen sehr am Herzen.

Sven Regener: Auf jeden Fall. Sie sind ja auch Kinder ihrer Zeit. Dass man in einem Konzert mit einer Bohrmaschine spielt, kam damals häufig vor, weil man mit diesen Krach-Geschichten experimentiert hat. Das war durchaus populär, zum Beispiel bei den «Einstürzenden Neubauten». Der Roman bläst da die Exzentrik dieser Szenemenschen nicht zusätzlich auf.

Haben Sie als Trompeter in den frühen 80er Jahren selbst in solchen Bands gespielt oder nur zugehört?

Oh ja, angefangen habe ich selbst bei der Band Zatopek. Das war eine neunköpfige Gruppe, die aus dem Postpunk, NoFunk, NoJazz kam – mit vielen Bläsern und mit so stimmakrobatischem Gesang der Sängerin Dorothee Gercke. Die Band Glitterschnitter im Roman geht mehr in den Performancebereich. Dass eine Generation einfach nochmal von vorne anfängt und alles ausprobiert, finde ich sehr erfrischend. Diese Haltung gibt für einen Roman sehr viel her. Weil eine solche Kunst dazu verleitet, das Unterbewusste mit auszustellen, und dann wird es gerne auch mal peinlich, seltsam und auch im Verhältnis der Leute untereinander interessant.

Sven Regener

Musiker und Schriftsteller
Bild: Keystone

Musiker und Schriftsteller

Zweifellos ein Multitalent ist der 1961 in Bremen geborene Sven Regener. Seit 36 Jahren textet und singt er in der Band Element of Crime. Mit seinem Roman «Herr Lehmann» (2001) über die späten 1980er-Jahre in Berlin Kreuzberg wurde er zudem zum Bestsellerautor. Es folgten vier weitere Romane, die allesamt verfilmt wurden.

Sie sagten mal in einem Interview, diese verrückten Kerle hätten sich einfach die Seele leer gespielt?

Für die einen stimmt das, für andere war es einfach ein grosser Spass. Ich erinnere mich an Telefonate, da hiess es, hey, wir haben gehört, Du spielst Trompete, wir treten in zwei Stunden auf, in einer Stunde proben wir noch kurz, wir haben aber nur zwei Lieder, den Rest machen wir so aus der Hand. Irgendwann flogen die Bierdosen. Für einen Roman ist das interessant, weil bei so extremen Situationen viel aus den Leuten herauskommt und aufeinanderkracht. Da ist dann eine gewisse Grundhärte dabei, es wird viel Unsinn geredet und man ist versucht, sich zu behaupten in einem Kunstbereich, den niemand so richtig beurteilen kann.

Sie meinen, dass diese Kunst noch nicht akademisch erklärt worden ist, gab ihr die Freiheit?

Was soll ich denn sagen auf die Frage, wovon mein Roman handelt – oder Herr Monet, warum malen Sie immer so Seerosen? Das Entscheidende an der Kunst ist ja, dass man berührt ist von etwas, was man sich nicht erklären kann.

Ihre Figuren sind misstrauisch, schlagfertig, kratzbürstig. Aber sie sagen immer wieder mal, das mache doch überhaupt keinen Sinn. Ist das die Leerstelle, das unsichtbare Ding?

Das hat schon was. Diese jungen Erwachsenen führen ein ungesichertes und in keiner Hinsicht vorgezeichnetes Leben. Was zu einem Grundton der Gereiztheit führt. Dann sagen sie auch mal, das sei Kunstmarkt-Geschmiere. Diese Art von Brutalität im Umgang miteinander hat viel mit der eigenen Unsicherheit zu tun. Psychologisch ist das interessant und immer wieder sehr komisch.

Berlin Kreuzberg war das Labor, wo das alles geschehen konnte. Wo Aussteiger aus ganz Deutschland hierherkamen, sich verloren fühlten, aber auch frei. War das bei Ihnen auch so?

Ich kam aus Hamburg hierher, weil ich eine Freundin in Berlin hatte. Mit meinem Studium war dann nicht mehr viel. Das Interessante an Berlin war, dass man da gefragt wurde, was man macht, und dann hörte man, ah, Du spielst Trompete, Du kannst gleich mitmachen. Das war stark. Punk und Postpunk waren die Schleusenöffner, die alle nur denkbaren verrückten Sachen ermöglichten.

Üben ist feige, sagt einmal der Ferdinand.

Na ja, das ist ein alter Musikerwitz und ist auch ein wenig kokett. Wir haben verschiedene Akteure in dieser Band. Einer spielt sehr gut Schlagzeug, ein anderer hat mehr ein intellektuelles Interesse dran, ein dritter ist Aktionskünstler und nimmt die Bohrmaschine mit. Es gibt verschiedene Wege da hinein.

Der nostalgische Blick und die Dialoge im Roman sind ein Riesenspass. Es gibt aber auch die düstere Seite: Franks Bruder Freddie, der gescheiterte Künstler, verdient als Versuchskaninchen für Medikamente sein Geld. Er sagt mal: Berlin ist kalt, macht aber frei. Sind das die zwei Seiten der Freiheitsmedaille?

Damals habe ich das auch so empfunden. Und nicht nur metaphorisch, auch ganz wörtlich und physisch: Wir hatten nur diese Kohleöfen, die man immer zu spät angemacht hat. Es wurde wahnsinnig viel gefroren. Überall war kalt.

Sven Regener: Glitterschnitter. ­Roman. Galiani, 470 S.

Sven Regener:
Glitterschnitter. ­
Roman. Galiani, 470 S.

Bild: zvg

Und alle flüchteten deswegen in die Kneipen.

Genau. Es gab da Wohnungen für 90 Mark. Zwar ohne Badezimmer und mit Gemeinschaftsklo auf halber Treppe, aber immerhin. Man kam mit sehr wenig Geld aus, war aber einfach frei, sein Ding zu machen. Die Zwiespältigkeit dieses Lebens war ein schmaler Grat und es gab Leute, die runtergefallen sind. Karl Schmidt sagt in einem anderen Roman einmal, sie hätten sich unverletzlich gefühlt, weil sie wie in einem Film gelebt hätten. Mich fasziniert das, weil das ja auch so etwas Spezifisches in diesem Alter ist, dass die Möglichkeit besteht, eine Zeitlang so zu agieren.

Und dann trinken diese wilden Typen in Ihrem Roman diese aufgeschäumte Milch und backen Sachertorten.

Jaja (lacht), das war die grosse Frühstücks- und Milchkaffee-Zeit, wo man sich gerne einen französischen Flair gab. Der Kaffee wurde in grossen Suppenschalen serviert. Einer der österreichischen Protagonisten sagt im Roman, aussen machen sie einen auf Franzosen, innen drin steckt der Deutsche - so auch der deutsche Filterkaffee im Milchkaffee. Das ist eine ausgestorbene Berliner Kaffeezeit. Da tat man aufgeschäumte Milch auf den Filterkaffee oben drauf.

Diese Milchkaffeezeit kann man auch als Satire auf das hippe neue gentrifizierte Berlin lesen: Statt Bier wird Kaffee getrunken. Die Avantgarde-Künstler machen auf Folklore. Ist das der Anfang der neuen Spiessigkeit?

An Bier ist kein Mangel. Und spiessig würde ich das nicht nennen. Die Idee der Österreicher, auf der Wiener Strasse in Berlin ein Wiener Kaffeehaus aufzumachen, ist nicht so schlecht. Gerade wenn die Leute viel kiffen, essen sie auch gerne viel Torte. Für den Österreicher Kacki geht es auch um die wärmende Erinnerung, wie seine Oma diese Sachertorte gemacht hat. Dieses Heimweh-Ding ist wichtig. Die Leute haben was aufgegeben, um nach Berlin zu gehen. Spießig ist sowas nicht.

Man liest «Glitterschnitter» genauso wie seinen Vorgänger «Wiener Strasse» und die Lehmann-Romane als historischen Roman aus einer Zeit, ich sage das mal schlagwortartig, vor der grossen Gentrifizierung. Hätten Sie sich gewünscht, Berlin wäre nicht wieder Hauptstadt geworden?

Seit ich in Berlin lebe, verändert sich hier ständig alles. Ich lebte zuerst in Schöneberg. Dort haben dann die Leute, die Kinder bekamen, gemeinsam Häuser gekauft. Heute ist das eine Rentnergegend. Für mich sind meine Romane keine Nachrichten aus einer verschwundenen Zeit. Von ein paar Sachen abgesehen könnte man das Ding auch mit heutigen Bildern verfilmen. Was wäre denn schon gross anders?

Die Distanz, die einem die Nostalgie erlaubt, würde dann fehlen.

Ja, aber ich habe es gar nicht so mit der Nostalgie. Berlin in den 80er Jahren war keine zauberhafte Zeit. Es war hart und beängstigend, aber gleichzeitig hatte man eben auch Träume. Das hat mit dem Lebensalter zu tun. Diesen Schwebezustand im Leben finde ich viel wichtiger als das Berlin der 80er Jahre.

Mehrere Bücher von Sven Regener wurden bereits verfilmt.

Mehrere Bücher von Sven Regener wurden bereits verfilmt.

Bild: Pius Amrein

Wer soll eigentlich nächster Bundeskanzler werden: Laschet, Baerbock oder Scholz ?

Irgendjemand, der es schafft, von der Mehrheit des Deutschen Bundestages gewählt zu werden. Ich selber bin ja Mitglied der Grünen, aber da hilft das Wünschen auch nicht immer.

Wie beeinflusst das Songschreiben für Element of Crime Ihre Romane? Wenn der Schlagzeuger sagt «Nur wenn die Trommeln sprechen, schweigt der Kummer», könnte das direkt aus einem Regener-Song stammen.

Ich habe unserem Schlagzeuger davon erzählt, und der hat sich total über den Satz gefreut. Er sagte, genauso so sei es. Es gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei Romanen und Songs, vor allem durch meine Person. Aber die Unterschiede sind gross. Ich mach die Songtexte immer zu einer Musik, die wir schon haben. Das hat eigene Gesetze. In der Musik kann man auch nicht so gut mit sprachlichen Beiläufigkeiten arbeiten.

Warum tragen ihre Figuren so vulgäre Namen wie Kacki, P.Immel, ArschArt oder so lustige wie H.R.Ledigt?

Das kommt vom Wiener Aktionismus. Auf den beziehen sich einige Figuren, sie wollen drastisch und provokant auftreten, da nennt sich eine Band dann auch schon mal Dr.Votz. Das wird aber immer lächerlicher, weil man gleichzeitig mitbekommt, mit was für banalen Problemen sie sich herumschlagen müssen. Und dann sagen sie zum Beispiel, abends tritt Dr.Votz mit dem lebenden Bild von der Erschiessung von Kaiser Maximilian auf, dann merkt man, dass das Ganze nicht mehr so richtig hinhaut. Man kann ja so eine böse Art von Drastik gar nicht konsequent durchziehen.

Sie kombinieren die Drastik und Ruppigkeit der Figuren mit einer unglaublichen Versöhnungsbereitschaft. Die Figuren streiten sich zwar, aber die lieben sich eigentlich.

Das liegt auch nahe beieinander. Man merkt das bei Figuren wie P.Immel und Kacki, die ja alte Jugendfreunde sind und sich entscheiden müssen, ob sie Freunde bleiben oder sich weiter gegenseitig fertig machen wollen.

Aber eigentlich ist das Hauptthema all Ihrer Romane doch die Freundschaft.

Ja, und wie man sie ins Erwachsenenleben rettet. Herr Lehmann merkt am Ende des gleichnamigen Romans, dass sein Freund krank geworden ist und er nun damit klarkommen muss, dass er durch seine eigenen Sorgen davon lange nichts gemerkt hat. Das ist das Interessante am Romanschreiben für mich, dass auch ich manchmal erst am Ende begreife, was da eigentlich wirklich los war.

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