Literaturnobelpreis
Abdulrazak Gurnah erhält den Literaturnobelpreis – der Entscheid ist überraschend, aber auch richtig?

Mit Abdulrazak Gurnah ehrt die Schwedische Akademie erneut eine bislang kaum bekannte Erzählstimme - Atwood & Co gehen leer aus.

Peter Henning
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Der Entscheid überrascht: Der aus Tansania stammende Abdulrazak Gurnah (1948) erhält den Literaturnobelpreis.

Der Entscheid überrascht: Der aus Tansania stammende Abdulrazak Gurnah (1948) erhält den Literaturnobelpreis.

Simone Padovani/Getty

Auf den ersten Blick erscheint die Vergabe des diesjährigen Literaturnobelpreises kühn. Der aus Tansania stammenden, 1948 im Protektorat Sansibar geborenen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah ist in diesen Breiten praktisch unbekannt – und so wirkt der Entscheid wie ein trotziger Autonomie-Beweis der Schwedischen Akademie, immun gegen an sie von aussen herangetragene Wunsch- oder Erwartungshaltungen zu sein.

Und es ehrt sie losgelöst davon, ob die vorab gehandelten Margaret Atwood, Peter Nádas oder die grossartige Französin Annie Ernaux eine treffendere Wahl gewesen wären, einen Schriftsteller mit der weltweit höchsten Literaturauszeichnung zu ehren – so die Begründung der Jury – «für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen den Kulturen und Kontinenten» ausgezeichnet werde.

Der weltweiten Lesergemeinde allerdings hat sie mit ihrer neuerlichen Wahl eines im Grunde unbekannten Autors einmal mehr keinen rechten Gefallen getan!

Der richtige Entscheid bei rückläufigen Leserzahlen?

Denn bis auf ein paar Hartgesottene, die sich nun in das zweifellos spannende, in gerademal fünf versprengten deutschen Übertragungen vorliegende Werk Gurnahs vertiefen werden, wird sein Name bald ebenso wieder im Dunkel der Literaturgeschichte verschwunden sein, wie es dereinst vor ihm Preisträgern wie Harry Martinson (1974), Vicente Aleixandre (1977) oder Jaroslav Seifert (1984) widerfuhr.

Weshalb die Akademie mit Gurnah erneut einen völlig unbekannten ehrt, darf zumindest kritisch hinterfragt werden. Denn in Zeiten rückläufiger Leserzahlen weltweit wird diese Entscheidung diesem Trend nicht wirklich mit entgegenwirken. Das mag kleinlich klingen – und scheinbar dem Mainstream das Wort reden.

Tatsächlich aber entspringt auch hier aus der Mitte der Fluss, weil es für viele, die Literatur gerade für sich entdeckende Erst-Leser oftmals einer grösseren Masse an für dieses oder jenes Werk Begeisterten bedarf um selbst danach zu greifen. Einen solch wünschenswerten Effekt aber befördern Entscheidungen wie die zugunsten Gurnahs nicht.

Einschneidende Biografie und fünf deutsche Übersetzungen

Doch wer ist dieser aus der Kronkolonie Sansibar stammende Schriftsteller, der am 10. Dezember in Stockholm seine Nobelpreisurkunde entgegennehmen wird?

1948 geboren, floh Gurnah nach der gewalttätigen Revolution auf Sansibar nach Grossbritannien, wo er als Professor für Literatur an der Universität von Kent in Canterbury lehrt – und sich als Herausgeber des «Wasafiri Journals», vor allem aber als Verfasser magisch-realistischer Romane hervortat.

Fünf seiner Arbeiten liegen in deutscher Übertragung vor – angefangen bei dem 2000 in der Edition Kappa erschienen Roman «Donnernde Stille», in welchem Gurnah die Rückkehr eines in England lebenden Afrikaners in seine Heimat beschrieb, der dorthin zurückkehrt, um in der Wiederbegegnung mit seinem Land und seiner dort lebenden Familie den Versuch einer Überprüfung wagt - und dabei feststellen muss, wie fremd er ihnen, seinem Land und seinem kulturellen Erbe geworden ist.

2004 folgte im Münchner A1 Verlag der Roman «Schwarz auf Weiss», in welchem Gurnah die Geschichte seines aus Tansania geflohenen Protagonisten Daud erzählt, der im England der Siebzigerjahre isoliert und ohne Aussicht auf eine Heimkehr Zuflucht sucht in seinen Erinnerungen und Fantasie. Bis er eines Tages der Schwesternschülerin Catherine begegnet, sich in sie verliebt – und es an ihrer Seite schliesslich wagt, sich seiner Geschichte und der seiner Heimat zu stellen.

Geschichten von Identitätskrisen und Verlusten

Gurnahs Romane erzählen Geschichten von kulturellem Abgleich, Identitätskrisen und Verlusten – mal entfaltet in der bildmächtigen Sprache eines Garcia Marquez, mal mit der unprätentiösen Eindringlichkeit eines Albert Camus. Dabei geht es ihm in seinen Schilderungen weniger um eine Anklage des Kolonialismus an sich als vielmehr um Begriffe wie «Akzeptanz» oder «Duldung» durch die Kolonialherren.

Und wenn er wie in seinem 2006 erschienenen Roman «Die Abtrünnigen» beschreibt, wie es die drei Geschwister Amin, Rashid und Farida im Zuge der Revolution auf Sansibar in alle Himmelsrichtungen verstreut, dann ist Gurnah auch hier einmal mehr ganz bei sich; der Geschichte eines Mannes, den die historischen Umwälzungen seinen Wurzeln gewaltsam entrissen haben – und der mit dem einzigen, was ihm in der Fremde davon geblieben ist, unermüdlich dagegen rebelliert: Mit seiner Sprache, in der er jenen verlorenen Paradiesen nachschreibt, aus denen man ihn einst vertrieb.

Heissen wir ihn also willkommen, diesen magischen Beschwörer aus Sansibar! Möge sein Stern über uns aufgehen – und andauernd hell strahlend leuchten!

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