Lorenz «Lo» Häberli und Luc «Leduc» Oggier sind mitten in ein Gespräch vertieft, als sie die Türe zum Restaurant öffnen, in dem das Interview stattfindet. Offenbar haben sie auch nach zehn Jahren Bandgeschichte und Freundschaft noch einiges zu besprechen. Spätestens seit dem Song «079» kennt wohl jeder Schweizer die beiden Berner. Heute Abend spielen sie am Eidgenössischen Schwingfest und am kommenden Freitag erscheint ihre neue Platte mit dem Titel «Hype».

Sie haben mal gesagt, dass Ihr Ziel es sei, in ein Pfadiliederbüchlein zu kommen. Jetzt spielen Sie am Eidgenössischen Schwingfest. War das auch mal ein Ziel?

Lo: Pfadiliederbüchlein war mehr sinnbildlich gemeint. Was in einem solchen Buch steht, hat einen Hype überdauert. Wir wollten etwas schaffen, das nachhaltig ist. Das Schwingfest war nie unser Ziel. Unser Ziel ist es, dass wir in zehn, zwanzig Jahren noch Freude am Musikmachen haben.

Aber passen Sie an ein Schwingfest?

Leduc: Das werden wir oft gefragt, öfter als bei einem Auftritt an einer Meisterfeier beim Fussball oder einem Eishockey-Fest. Wir sind jedoch etwa gleich oft beim Fussball oder beim Eishockey wie beim Schwingen. Sprich: nie. Letztlich ist das «Eidgenössische» der grösste Sportanlass der Schweiz, und wir wurden angefragt, ob wir im musikalischen Rahmenprogramm spielen würden.

Schwingen löst gedanklich etwas anderes aus als Lo & Leduc, das sind verschiedene Welten.

Leduc: Also wenn verschiedene Welten aufeinandertreffen, ist das schon mal positiv. Aber natürlich kann man sich fragen: Was spricht dagegen?

Haben Sie sich diese Frage gestellt?

Leduc: Ja, bei jeder einzelnen Anfrage.

Und auch schon mal abgesagt?

Lo: Die Liste der abgelehnten Gigs ist viel länger als die Liste der Gigs, die wir gespielt haben.

Geht es bei den Absagen vorab um Firmenauftritte?

Leduc: Nicht nur. Wir haben uns beispielsweise auch nie einer Partei angedient und an einem ihrer Anlässe gespielt. Für einzelne Themen schon. Viele Leute setzen das Schwingfest offenbar mit einer politischen Haltung gleich. Auch darum mussten wir den Auftritt genau besprechen.

Lo: Sie stellen die Frage ja nicht einfach, sondern mit einer politischen Agenda.

Nein. Ich stelle sie ausschliesslich, weil Sie am Samstag am Eidgenössischen spielen und dieses Interview an diesem Tag erscheint.

Lo: Sie finden, wir passen nicht dahin?

Nein. Ich finde es im Gegenteil cool, dass Sie das machen. Ich glaube nur, dass es zwischen dem «normalen» Schwingfestbesucher und dem Lo&Leduc-Konzertbesucher keine grosse Schnittmenge gibt.

Lo: Und ist dies problematisch? Oder ist es nicht gerade auf einer inhaltlichen Ebene deswegen spannend und aus marktwirtschaftlicher Sicht sogar smart? (lacht)

Vielleicht. Ich finde es nur spannend, weil Sie sagen, dass Sie über jeden Anlass nachdenken und beim Schwingfest offensichtlich keinen Grund dagegen gefunden haben.

Leduc: Aber es wäre ja schrecklich, wenn wir einschränken möchten, für wen wir Musik machen. Wir überlegen uns sicher nicht, dass wir nur Musik für urbane 20- bis 35-Jährige machen wollen.

Ihre neue EP heisst «Hype». Ist ein Hype etwas Negatives oder etwas Positives?

Leduc: Wir haben uns lange gewehrt gegen diesen Begriff. Der haftet uns ja schon länger an, angefangen hat es bei «Jung, verdammt». Wir fanden, dass wir ja konstant arbeiten und darum kein Hype sind. Mittlerweile finde ich, dass man den Hype zwar ablehnen, aber nicht negieren kann. Es ist tatsächlich ein Hype. Dieses Jahr war crazy.

2018 war auch schon crazy.

Leduc: Ja, die letzten paar Jahre waren alle crazy.

Lo: Ja, gerade «079» hat so eine Eigendynamik entwickelt, da muss man irgendwie auch eine Distanz zum Werk herstellen. Im Positiven wie im Negativen.

An Festivals haben Sie «079» nie als Zugabe und immer in einer verfremdeten Version gespielt. War das bewusst, damit das Monster nicht noch grösser wird?

Leduc: Monster finde ich jetzt sehr negativ, wir mögen das Lied sehr. Aber ja, wir haben uns bewusst dafür entschieden. Es ist ja auch wahnsinnig langweilig, wenn der Hit ganz am Schluss kommt und das Konzert erst dann explodiert, weil alle auf diesen Song gewartet haben.

Aber es warten schon sehr viele Leute auf diesen Song.

Lo: Umso schöner, wenn sie nachher trotzdem noch da sind. Vorher ist man sich nie ganz sicher, ob sie nur wegen dieses Hits da sind.

Sie, Lo, hat es nach dem Auftritt am Gurten-Festival emotional durchgeschüttelt. Wird man nie völlig routiniert?

Lo: Ja, es hat mich durchgeschüttelt. Routiniert wird man auf eine andere Art. Wenn ich vor zehn Jahren zur Primetime auf die Gurten-Hauptbühne hätte gehen müssen, wäre ich raus, hätte mir in die Hosen gemacht und wäre dann wieder nach Hause…

Leduc: Jetzt hast du grad den Titel für dieses Interview geliefert.

Lo: Bitte nicht. Aber zurück zur Frage: An die Emotionen und die Energie, die da kommt, an die gewöhnt man sich nie. Ob wir zu routiniert geworden sind, merken wir wohl erst dann, wenn die Leute nicht mehr da sind. Wenn der Hype wirklich vorbei ist. Mal schauen, wie es uns dann geht.

In Ihrem neuen Song «Papa Zinédine» geht es um grosse Fussstapfen der Eltern. Ist «079» Ihr musikalischer Fussabdruck, mit dem sich jetzt jeder Ihrer Songs messen muss?

Leduc: Das ist ein schöner Gedanke. Als wir «Online» veröffentlicht haben, war komplett klar, dass der jetzt stets verglichen wird. Wir haben ihn losgelassen und mit auf den Weg gegeben: «Machs gut, aber du wirst es nicht einfach haben.» (lacht)

Von den fünf Songs auf der EP finde ich «Online» den schwächsten. Wurde er deshalb als Single ausgewählt, damit die anderen vier sich nicht mehr mit «079» messen müssen?

Leduc: Das ist gar nicht so ein falscher Gedanke. «Online» war sicher der Song, den ich am einfachsten loslassen konnte. Bei den anderen vier Songs wäre ich beleidigt gewesen, wenn sie ständig mit «079» verglichen worden wäre. «Online» hat jetzt den Weg geebnet für seine vier Geschwister.

Die Jugend ist derzeit wohl so politisch wie schon lange nicht mehr. Sie haben sich dieses Frühjahr mit dem Spoken-Word-Programm «Wörter wie wir» explizit politisch gezeigt. «Hype» dagegen ist explizit unpolitisch.

Leduc: Wir versuchten nicht explizit, unpolitisch zu sein, aber vielleicht flossen gewisse Themen tatsächlich eher in unser Kleinkunstprogramm. In drei Minuten ist es auch immer schwierig: «Pluto» als politischer Song hat funktioniert. «Walter» dagegen nicht.

Lo: Bei «Pluto» führen wir uns ja im aktuellen Liveset mit einer expliziten Ansage an das Thema heran.

Leduc: Das fanden viele Leute cool, ein paar aber auch nicht.

Hat sich jemand an Ihrer Ansage «Kein Mensch ist illegal» gestört?

Leduc: Ja, wir haben eine Mail gekriegt von jemanden, der sich wahnsinnig gestört hat. Wir würden ja «neutrale Musik» für ein «allgemeines Publikum» machen, und da sei es «hinterlistig», wenn wir solche Aussagen machten.

Lo: Ich verstehe das sogar ein wenig.

Leduc: Wirklich? Ich nicht.

Lo: Wir haben viele Zeilen, die man politisch deuten kann. Wenn man das will und macht, ist auch die Richtung recht schnell klar. Diese Person wollte das nicht. Das respektiere ich.

Sie könnten aber auch noch viel expliziter werden. Wenn Sie vor 25 000 Leuten spielen, haben Sie eine gigantische Bühne und könnten wirklich mal was sagen. Verspüren Sie diesen Drang nicht?

Lo: Ich bin bei vielen Dingen gar nicht sicher genug, ob es denn die absolut richtige Meinung ist. Zumindest von der eigenen Meinung sollte man schon restlos überzeugt sein, wenn man sie vor 25 000 Menschen kundtut. Zudem muss man aufpassen, dass man bei solchen Ansagen nicht arrogant wirkt.

Leduc: Ich glaube zudem, dass es wahnsinnig schwierig ist, politische Inhalte zu vermitteln in einem Live-Kontext. Wenn ich einen Song mache, der wie ein vertontes Parteiprogramm klingt, hat das wohl eher eine kontraproduktive Wirkung.

Im Song «Papa Zinédine» geht es um den Sohn des Fussballers Zinédine Zidanes und dessen Versuch, in die Fussstapfen des Vaters zu treten. Wäre das auch zum Scheitern verurteilt, wenn Sie mal Kinder hätten, die Musik machen würden?

Lo: Warum?

Weil die Fussstapfen zu gross sind und sie nie auf euer Erfolgs-Level kommen könnten.

Leduc: Ach sie würden rasch besser Instrumente spielen als wir, und das ist deutlich mehr wert als kommerzieller Erfolg.

Wir führen seit fünf Jahren regelmässig Interviews und stets sagen Sie, jetzt kommt dann der Moment, wo es nicht mehr grösser werden kann.

Leduc: Und er kommt einfach nicht. Ich kann aber ganz sicher sagen, dass er kommen wird. Ein Lied wie «079» ist purer Zufall. Und die Chance, dass es uns noch einmal passiert, dass ein Song derart durchstartet, ist gleich null. Es passiert sicher mal wieder jemandem – aber nicht uns.

Sie sind sich heute die grössten Festivalbühnen zu den besten Zeiten gewöhnt. Weiter hoch kann es fast nicht mehr gehen.

Leduc: Quantitativ mag das stimmen. Qualitativ ganz sicher nicht. Wir können noch viel besser werden, unsere Band kann noch viel besser klingen und unsere Texte können noch besser werden. Kürzlich haben wir Anderson Paak am Gampel gesehen. Boah. Das hat geklungen wie ein Konzert im besten Saal am Jazz Festival Montreux. Musikalisch ist der Himmel nach oben offen. Da haben wir noch massig Steigerungspotenzial.

Haben Sie Mühe, wenn man Lo & Leduc im Mainstream verortet?

Leduc: Es wäre absurd, wenn wir uns nach einem Hit wie «079» dagegen wehren würden. Wir sind Mainstream, nicht unbedingt freiwillig, aber wir sind Mainstream.

Lo: Aber der Mainstream ist in der Schweiz ein Dorfbach. Und wir sind eine Forelle. Wir hängen da ein bisschen rum und irgendwann erwischt es uns.

Die Forelle könnte auch etwas anderes machen: gegen den Strom schwimmen.

Lo: Das tun Forellen ja immer. So sammeln sie ihre Nahrung.

Wenn man mal im Mainstream angekommen ist, steigt dann der Druck, dass man da weiterschwimmen kann?

Leduc: Natürlich. Man gewöhnt sich rasch an vieles. Als Jugendlicher habe ich die Charts gehasst und alles, was da war. Jetzt da wir selber drin sind, sehe ich das etwas anders. Etwas ist nicht per se schlecht, nur weil es kommerziell funktioniert.

Lo: Wir haben vorher etwas stiefmütterlich über den Song «Online» gesprochen. Wo war der? Der ist auch in der Hitparade in den Top Ten gelandet.

Leduc: Wirklich?

Lo: Ja, Platz 6 oder 8. Ich weiss es nicht mehr genau. (Anmerkung der Redaktion: Es war Rang 8.) Das ist für einen Schweizer Song mehr als respektabel. Aber eben: Man gewöhnt sich an vieles.

Wenn Sie auf Ihre alten Songs zurückblicken: Sind Sie noch auf alle Songs stolz?

Lo: Nein. Aber wir können hinter jedem stehen. Das finde ich wichtig. Das sind Zeitdokumente. Ich würde heute jeden Song anders schreiben. Auch die neuen.

Leduc: Wenn ich sagen würde, dass ich alles noch einmal genau gleich schreiben würde, dann wäre das ein schlechtes Zeichen. Dann würde ich ja immer noch identisch denken wie vor 10 Jahren.

Hat man von Songs wie «079» und «Jung, verdammt» einmal selber die Nase voll?

Lo: Wir haben beim Vorbereiten auf das Festivalset überlegt: Komm wir spielen «Jung, verdammt» mal ganz anders. Und wir haben musikalisch vieles ausprobiert. Und am Schluss mussten wir uns eingestehen: Das Lied verliert in einem neuen Gewand. Es hat ja schon ein Kleid und macht Freude, wie es ist.

Leduc: Ich bin vor allem froh, dass die beiden Lieder textlich immer noch stimmen für uns.

Lo: Ja, da ist keine Zeile drin, bei der ich beim Singen denke: Oh, nein.

Sie haben gesagt, dass 2018 crazy war, 2019 auch. Wie wird 2020?

Leduc: Ruhig. Wir touren noch zwei Monate mit unserem Panther-Programm und dann sind wir ein paar Monate weg. Manchmal muss man, um in zwanzig Jahren noch Musik machen zu können, auch mal einen Schritt zurückmachen.