Schweizer Rap
Loredana auf neuem Album zwischen Selbstmitleid und Selbstlob

Sie ist die erfolgreichste und umstrittenste Künstlerin aus der Schweiz: Loredana präsentiert mit «Medusa» ihr zweites Album.

Michael Graber
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Die Schweizer Rapperin Loredana.

Die Schweizer Rapperin Loredana.

Two Sides

Natürlich, man hätte auch die grosse Reue erwarten können, musikalisch reinen Tisch machen und irgendwie ein durch Autotune verfremdetes «Sorry». Doch Loredana macht das nicht. «Die ganze Welt ist gegen mich, zu viele Schlangen, doch ich habe das Gegengift», rappt sie im Intro von «Medusa». Ihr Problem – sie hatte ein Ehepaar aus dem Wallis um ein paar hunderttausend Franken erleichtert – ist hauptsächlich darum ein Problem, weil es ihr Probleme macht. All der Druck habe ihr Albträume gemacht. Es ist die Umkehrung der Perspektive. Loredana ist nicht die Täterin, sie ist das Opfer der ganzen Geschichte. Das ist eine durchaus mutige Leseart.

Zumal die «Opfer» ja eigentlich immer die anderen sind in dieser Spielart des Rap. Es ist das permanente Fahren auf der Überholspur. Wer bremst, ist eh ein totaler Loser. Und so kuschelt sich die Luzernerin mit kosovarischen Wurzeln auch nicht allzu lange in der Opferhaltung und schaltet rasch zur Attacke. Nach der Hälfte des Intros kippt der Beat und statt Selbstmitleid kommt Selbstlob: «Schon seit meiner Geburt wusste ich, ich bin der Boss.»

Mehr Sauce für die Cannelloni

Der Rest des 28-minütigen Albums ist dann grösstenteils überraschungsfrei. Serviert in klickoptimierten Zwei-Minuten-Häppchen. Es geht immer noch grossmehrheitlich um Geld, Cash und Money. Kann man gut gebrauchen um Autos, Kleider und Uhren zu kaufen. Loredana erzählt die Geschichte wie all die anderen derzeit so erfolgreichen Deutschrapper: Alles selfmade. Von der Strasse in den Lamborghini kommt man nur mit Ellbogen und steter Selbstbehauptung.

So oberflächlich wie die beschriebene Welt sind oftmals auch die Texte von Loredana: «Schwarze Sonnenbrille auf wie ein Mafiosi, bring mir noch mehr Sauce für die Cannelloni». Zwar stolpert die 25-Jährige immer auch mal in etwas Tiefgang – etwa wenn sie über ihre Rolle als Mutter berichtet – aber anstatt da etwas weiter zu graben, klettert sie eine Zeile später wieder raus. «Und wenn sie uns verhaften, dann tanzen wir in Handschellen.»

Hedonismus kann Loredana ganz gut. Rappen auch. In Deutschland war sie die meistgestreamte Künstlerin im laufenden Jahr. Die Beats sind noch einen Tick poppiger geworden, können aber immer noch dunkel auf den Bass hauen und sind nie zu klebrig. Es ist solider, moderner Rap, der zielgruppengerichtet verpackt ist. Für die meisten der meist jungen Zuhörer wird es wohl auch die erste Begegnung mit «Medusa» sein. Die Figur aus der griechischen Mythologie wurde wegen eines (amourösen) Vergehens in eine urhässliche Gestalt verzaubert, bei deren Anblick alle zu Stein erstarrten.

Die Bestrafte, die straft. Das passt perfekt zu Loredanas Geschichte, wie sie sie selbst gerne erzählt. Geächtet von der Welt, kehrt sie nur noch stärker und zerstörerischer zurück. Dass Medusa am Ende mit einem Trick von Perseus der Kopf abgeschlagen wurde, unterschlägt das Album freilich. Das wäre wohl wieder zu sehr «Opfer» gewesen.

Loredana: Medusa (Groove Attack)