Interview

Luzerner Sinfonieorchester verabschiedet Gaffigan mit «Hammerprogrammen»

Grosser Abschied mit Mahler, Richard Strauss und Strawinsky: Chefdirigent James Gaffigan bestreitet seine letzte Saison in Luzern.

Grosser Abschied mit Mahler, Richard Strauss und Strawinsky: Chefdirigent James Gaffigan bestreitet seine letzte Saison in Luzern.

Wegen Corona gab das Luzerner Sinfonieorchester erst jetzt Details zur Saison 2020/21 bekannt, der letzten mit Chefdirigent James Gaffigan. Intendant Numa Bischof sagt, wie das Orchester in der Saison 20/21 auf die Ära Gaffigan zurück und trotz Corona weit in die Zukunft blickt – mit spektakulär gross besetzten Werken Mahler, Strauss und Strawinsky.

Die Saison 2020/21 hatten Sie angekündigt als Feuerwerk zum Abschied von James Gaffigan, der nächstes Jahr Luzern nach zwölf Jahren als Chefdirigent verlässt. Hat Ihnen Corona jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht?

Numa Bischof Ullmann: Was die Inhalte betrifft, hat sich am Saisonprogramm durch Corona kaum etwas verändert, also gehe ich davon aus, dass wir dieses musikalische Feuerwerk veranstalten können. Aber erst mit den Bundesratsentscheiden im Juni wurde klar, dass das möglich sein wird.

Ende August läuft die Beschränkung auf 1000 Besucher in Konzerten aus. Wie weit kehren Sie zum Normalbetrieb zurück – mit vollem Saal und Maskenpflicht, wie es das Branchenschutzkonzept vorsieht?

Verbindlich sind heute die Schutzkonzepte, die die einzelnen Häuser auf dieser Grundlage erarbeitet haben. Das KKL bietet gute Voraussetzungen für Schutzmassnahmen, die die Sicherheit der Besucher gewährleisten. Weil diese sitzgenau platziert sind, könnten Kontakte nachverfolgt werden – da braucht es nach heutiger Einschätzung im Saal keine Masken. Solche sind aber vorgesehen in den Foyers oder beim Ein- und Ausgang, wo die Besucher frei zirkulieren, was mir sehr sinnvoll erscheint. Allenfalls sind auch kürzere Pausen denkbar. Zudem können sich beim Saisonstart im Oktober hoffentlich die Besucher unter dem KKL-Dach und auf der Terrasse verteilen. Aber das gilt alles Stand heute. Die Situation ist so dynamisch, dass man das im Detail jetzt nicht mit Gewissheit sagen kann.

Haben Sie einen Plan B für den Fall, dass im Oktober wieder Einschränkungen nötig werden?

Nein, wir haben in den vergangenen Monaten unsere Planung, was etwa die Veröffentlichung des Programms oder den Abo-Verkauf betrifft, ständig umgestellt. Das ist auch der Grund, weshalb das Saisonprogramm online und im Druck erst am 14. August erscheint. Wir sind zum Schluss gekommen, dass es nicht sinnvoll ist, einen Plan B zu erarbeiten.

Das ist schlicht nicht machbar. Wir werden auf neue Entwicklungen situativ reagieren müssen.

Ein Feuerwerk zum Abschied des Chefdirigenten heisst auch spätromantische Werke in grossen Besetzungen, wie sie Gaffigan vermehrt eingeführt hat. Ist das angesichts von Corona kein Problem?

Nein. Zum einen haben wir das Glück, dass der KKL-Konzertsaal über eine grosse Bühne verfügt. Dass da auch grosse Besetzungen mit den inzwischen verringerten Sicherheitsabständen vereinbar sind, hat das Solistenkonzert der Musikhochschule gezeigt, in dem wir im Juni mit immerhin 60 Musikern aufgetreten sind. Zudem meint Feuerwerk nicht einfach grosse Besetzungen. James Gaffigan dirigiert vielmehr Werke, die sein Wirken in Luzern in seiner ganzen Breite noch einmal vorstellen. Aber klar: Dazu gehören auch Hammerprogramme, die wir uns für diesen festlichen Moment aufgespart haben.

Welche Steigerung ist über Bruckner, Mahler oder Schostakowitsch hinaus möglich, die das Orchester bereits gespielt hat?

Das waren Einzelfälle und zeigt eben, dass wir nicht bereits ein «Mahler-Orchester» sind. Dafür haben wir aktuell schlicht zu wenig Musiker. Aber James Gaffigan hat es in diese Richtung weiter entwickelt. Und er setzt zum Schluss ein Zeichen für die Zukunft, weil der neue Chefdirigent Michael Sanderling, der in der nächsten Saison das Neujahrskonzert und zwei Beethoven-Programme dirigiert, das weiterführen wird. Ein Meilenstein in dieser Hinsicht ist in der kommenden Saison Strawinskys «Le sacre du printemps».

Also ein Werk in einer Riesenbesetzung!

Ja, das aber neben einer enormen Klangkraft auch ein Höchstmass an Virtuosität verlangt und damit dem Orchester eine neue Dimension öffnet. Beides gilt auch für Mahlers fünfte Sinfonie und «Also sprach Zarathustra» von Richard Strauss, die Gaffigan im Schlusskonzert dirigiert. Am Zaubersee-Festival führt er zudem das ebenfalls gross besetzte «Poème de l’ Extase» von Alexander Skrjabin auf, der durch seinen Aufenthalt in Vitznau zu den Zaubersee-Komponisten gehört.

Wie widerspiegeln die übrigen Programme Gaffigans Wirken in Luzern?

Ein entscheidender Punkt war, dass er das Orchester im frühromantischen Repertoire etabliert und wir unsere Positionierung auf Tourneen international gesteigert haben. Entsprechend dirigiert er in der kommenden Saison exemplarische Werke von Beethoven, Brahms oder Schumann. Ein zweiter Schwerpunkt waren recherchierte Programme, die mit viel Entdeckerlust auch selten gespielte Werke unter einer bestimmten Idee zusammenbringen.

Wo zeigt sich diese Entdeckerlust?

Ein prominentes Beispiel ist die Kombination des «Sacre» mit dem fast zeitgleich entstandenen zweiten Violinkonzert von Karol Szymanowsky und Jörg Widmanns «Bayerisch-babylonischer Marsch» für grosses Orchester. Im Eröffnungskonzert erklingen vor der vierten Sinfonie von Brahms, mit der wir um die Welt gingen, Lieder des schwedischen Romantikers Franz Berwald. Das erste Klavierkonzert von Brahms mit dem Pianisten Daniil Trifonov, den wir einst in Luzern eingeführt hatten, verbinden wir mit einer «Surprise» für James Gaffigan; Einem Werk, von dem er selber nichts weiss und das an seine Lust erinnert, auch zeitgenössische Musik zu entdecken.

Das internationale Orchester-Rating hängt auch von Solisten und Tourneen ab. Setzt da Corona Grenzen?

Tourneen können davon tatsächlich betroffen sein. Im Frühling mussten wir bereits eine Tournee mit Martha Argerich in Spanien absagen. Ähnlich zum musikalischen Olymp gehört in der kommenden Saison eine Japan-Tournee mit dem Ausnahmepianisten Krystian Zimerman, deren Durchführung im November noch ungewiss sein dürfte. Wir hoffen aber, dass wir die dritte Asien-­Tournee mit James Gaffigan im Juni – nach Südkorea - sicher durch­führen können. Was Solisten und Gastdirigenten anbelangt, die nach Luzern kommen, gibt es keine Einschränkungen.

Bei den Solisten bedient sich das Orchester längst in der Top-Liga. Das geht also so weiter?

Da hilft uns, dass wir mit vielen Musikern kontinuierlich, ja freundschaftlich zusammenarbeiten. Ein absolutes Highlight ist neben Krystian Zimerman, der auch in Luzern das vierte und fünfte Klavierkonzert von Beethoven spielt, ein Projekt mit Martha Argerich und ihrem ehemaligen Mann, dem ­bedeutenden Schweizer Dirigenten Charles Dutoit: Beide treten vor ihrem 80. bzw. 85 Geburtstag mit Prokofjews drittem Klavierkonzert auf, das in Argerichs Repertoire eine zentrale Rolle spielt. Ebenfalls mit einem zentralen Repertoirestück, dem Violinkonzert von Tschaikowsky, führen wir die Zusammenarbeit mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaya weiter. Das geht so weiter bis zu den «Rising Stars», von denen aus früheren Jahren die Geigerin Noa Wildschut wiederkommt: Am Festival «Les introuvables», an dem alle Sinfonien und die Humoresken für Violine und Orchester von Sibelius erklingen. Und das Beispiel des international gefragten Dirigenten Bertrand de Billy zeigt, dass wir immer mehr Dirigenten gewinnen können, deren Flughöhe für das Orchester früher unerreichbar war.

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