Eigentlich ist es im Chapiteau ja bestuhlt. Doch am Konzert der malischen Sängerin Oumou Sangaré haben es die Leute in der vollbesetzten Haupthalle von Cully Jazz nicht lange auf ihren Sitzen ausgehalten. Kein Wunder, denn die musikalische Tradition aus Oumou Sangerés Heimat Wassoulou ist sehr rhythmisch und unbedingt tanzbar.

Die 51-jährige Sängerin hat in Westafrika Kultstatus. Behutsam hat sie die Musik aus ihrer Heimat, die als ein Ursprung des amerikanischen Blues gilt, modernisiert und auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Wie wichtig ihr die Tradition ist, zeigt sie mit der pentatonisch gestimmten Harfenlaute Kamale Ngoni aus der Familie der Kora, die ein wichtiger Bestandteil des Bandsounds ist.

Frauen sind der Schlüssel

Noch wichtiger ist, dass in der Musik aus Wassoulou Sängerinnen eine zentrale Funktion haben. «Die Frauen hatten lange keine Rechte, durften ihre Meinung nicht sagen und keine Entscheidungen treffen», erklärt Sangaré am Rande des Festivals in den Waadtländer Weinbergen, «der einzige Moment, wo sie sich ausdrücken konnten, war bei ihrer Heirat. Dort durften sie singen und sich mitteilen».

So entwickelte sich eine starke Tradition von Sängerinnen, die auch eine emanzipatorische und erzieherische Rolle übernahmen. Oumou Sangaré hat diese Rolle auf die heutige Zeit übertragen, kämpft seit Jahren für die Rechte der Frauen in ihrer Heimat, gegen die Zwangsheirat und gegen die Polygamie.

In der streng patriarchalischen geprägten malischen Gesellschaft war das riskant und mutig. Sangaré hat sie auf verschiedenen Ebenen in Aufruhr gebracht. «Die Vielweiberei ist heute zwar immer noch legal, aber ich konnte vielen Frauen Hoffnung, Mut und Zuversicht geben. Ich habe einigen von ihnen die Augen geöffnet, sie darin bestärkt, ihre finanzielle Unabhängigkeit aufzubauen und die eigene Existenz zu sichern. Die Frauen können heute Nein sagen und sie werden nicht mehr gezwungen.» Dabei ist Sangaré überzeugt, dass der Schlüssel für die Entwicklung einer Gesellschaft bei den Frauen liegt.

Oumou Sangaré ist eine imposante Erscheinung. Mit ihren 1,80 Metern überragt sie auch die meisten Mitglieder ihrer gemischtrassigen siebenköpfigen Band. Und in ihrem wallenden afrikanischen Gewand wirkt sie noch grösser und charismatischer.

Sangaré ist ein leuchtendes Vorbild. Sie ist nicht nur eine international erfolgreiche Sängerin und Musikerin, sondern auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Mutter und Aktivistin. «Ich versuche, den Frauen zu zeigen, dass sie selbstbewusst agieren und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen können. Und inzwischen sind viele Frauen meinem Beispiel gefolgt und nehmen in der Gesellschaft wichtige Positionen ein», sagt Sangaré.

Bleibt in Afrika!

Im Gegensatz zu den meisten ihrer erfolgreichen Musikerkollegen ist Sangaré nicht dem Ruf der westlichen Metropolen wie Paris oder London gefolgt, sondern lebt immer noch in der malischen Hauptstadt Bamako. «Es ist wichtig, dass die stärksten Kräfte in Afrika bleiben und aktiv an der Entwicklung einer modernen Gesellschaft teilnehmen», sagt sie. «In Bamako ist es nicht gefährlich, aber selbst wenn ich um mein Leben fürchten müsste, würde ich meine Heimat nicht verlassen.»

Seit dem Vormarsch der radikalislamistischen Terrorgruppen sei «die Situation sehr schlecht». «Wir können nicht verstehen, was hier passiert», sagt sie, «während Jahrhunderten haben wir friedlich zusammengelebt. Die unterschiedlichsten Völker. Doch im Norden des Landes herrscht Krieg. Es wird gekämpft und getötet, aber wir verstehen nicht weshalb. Wir wissen nur, dass wir nicht in den Norden reisen können. Es kann doch nicht sein, dass es im 21. Jahrhundert ein zweigeteiltes Land gibt. Die Welt, die internationale Gemeinschaft müsste Mali beistehen und helfen.»

«Afrika hat alles und Mali ist ein sehr reiches Land. Es hat viele Bodenschätze und überall Gold. Das ist wohl genau das Problem. Es herrscht Krieg, weil alle von diesem Reichtum profitieren wollen», sagt sie weiter, appelliert an den Gemeinschaftssinn und fordert Respekt und Toleranz, «wir wollen doch nur in Frieden leben».

Cully Jazz bis 13. April.