Kolumne

«Max liest»: Lohnt es sich heute noch, die Klassiker von Thomas Mann zu lesen?

Thomas Mann Mitte der 1930er-Jahre in seinem Haus im zürcherischen Erlenbach. Einst schrieb Mann im Alter von 25 Jahren «Die Buddenbrooks».

Thomas Mann Mitte der 1930er-Jahre in seinem Haus im zürcherischen Erlenbach. Einst schrieb Mann im Alter von 25 Jahren «Die Buddenbrooks».

Unser Autor Max Rüdlinger schloss letztens eine Bildungslücke und las «Die Buddenbrooks» von Thomas Mann. Das Buch überzeugt allerdings nicht auf allen 759 Seiten.

Kürzlich im Tram sagte ich mir, solange es Menschen gibt wie den älteren Herrn mit gelichtet-zerzaustem Haupthaar, der mit der Brille zwischen den Fingern und zugekniffenen Augen sowie einem seligen Lächeln um die Mundwinkel in Totalversunkenheit Tolkiens «Der Herr der Ringe» liest, kann die Welt noch nicht ganz zuschanden sein.

Tolkien habe ich leider in meinen jungen Jahren verpasst – wie so vieles andere. Was habe ich anno dunnemals nur gelesen? Ambler und Chandler halt, Patricia Highsmith und Dashiell Hammett und B. Travens zehnbändigen Mahagoni-Zyklus. Auch nicht gelesen habe ich einen der grössten deutschen Romane des vergangenen Jahrhunderts: Thomas Manns «Die Buddenbrooks». Das habe ich nun nachgeholt.

«Die Buddenbrooks» ist wohl einer der bestausgeleuchteten Romane. Ich war gänzlich unbeleckt davon und stand lediglich unter dem bildungsbürgerlichen Druck, dass man als Leser doch einmal etwas von Thomas Mann gelesen haben sollte. Ich habe also «Die Buddenbrooks» als Unterhaltungsroman gelesen, wie ich jegliche Schriftwerke zu meiner Unterhaltung lese. Ich lese nicht Bücher, um mich zu langweilen.

«Die Buddenbrooks» habe ich zu Ende gelesen – 759 Seiten. Das Buch, obwohl seit 1901 in die Jahre gekommen, hat mich alles andere als gelangweilt. Das lag vor allem an Antonie (Tony) Buddenbrook, ein wildes Mädchen, das sich zu meiner Enttäuschung als aristokratisch eingebildete dumme Gans herausstellt, die aus Familiensinn einen von ihr verabscheuten Mann heiratet. Sie wollte damit ihrem Vater gefallen. Diese Ehe musste natürlich scheitern wie eine zweite mit einem gmüatlichen Bier-Bayer in München.

Eine weitere Bildungslücke soll geschlossen werden

Über Hunderte von Seiten hinweg grossbürgerliches Familien-Gehabe. Zwischenhinein fragte ich mich, wieso ich mir das antun muss und ob da nicht auch einmal etwas an Lebensweisheit durchscheinen könnte. Da wusste ich noch nicht, dass Mann den Roman mit 25 Jahren geschrieben hat.

Auf Seite 656 stösst Buddenbrook-Chef Thomas auf einen Band von Schopenhauers Opus magnum «Die Welt als Wille und Vorstellung», der ihm zu weitgehenden Einsichten verhilft, sie bleiben jedoch ohne weitere Wirkung, Buddenbrook fällt in seine grossbürgerliche Routine zurück und stirbt bald.

Daran schliesst sich ein köstliches Kapitel an, das einen Tag im Leben des jungen prospektiven Firmenerben Hanno aufzeichnet. Dabei geht es hauptsächlich um Hannos Qual des Schulbesuches. Ein Dreiviertel-Jahrhundert später habe ich die Schule genau gleich erlebt. Vorn autoritäre Popanze, hinten tödliche Langeweile und Mogeln, wo immer möglich.

Nun habe ich mir vorgenommen, eine weitere Bildungslücke zu schliessen: Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz». Da ist mir aber noch etwas dazwischengekommen: Wolfgang Herrndorfs «Arbeit und Struktur». Ein grossartiges Tagebuch – wahrhaftig und humorvoll – das der Autor nach Ausbruch seiner Krankheit zum Tode ins Internet gestellt hat.

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