Kolumne

«Max liest»: Sind wir gar nicht so intelligent, wie wir meinen?

Max Rüdlinger Bild: CH Media

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Unser Autor Max Rüdlinger schreibt diese Woche über die Thesen von Yuval Noah Harari. Der behauptet, die Steinzeitmenschen seien klüger und geschickter gewesen als die heutigen Menschen.

Als jugendlicher Revoluzzer gehörte das Wort «subversiv» zu meinem Standardvokabular. In den letzten Jahren ist es mir jedoch kaum noch untergekommen. In der Stadt Zürich wirbt eine linke Partei mit dem Slogan «Unruhe bewahren», was mir anachronistisch vorkommt. Unruhe – so scheint mir – gibt es auf dieser Welt genug. Und in der Schweiz sorgt eine Partei rechts von der Mitte für genügend Turbulenzen. Nicht umsonst heisst es, die heutigen Rechten seien die Linken von gestern.

Vor kurzem ist mir das Wort «subversiv» dennoch wieder einmal entschlüpft – im Zusammenhang mit der Lektüre von Yuval Noah Hararis Buch «Kurze Geschichte der Menschheit». Als subversiv empfinde ich dessen originelle Interpretation menschlicher Geschichte. Da geht eine seiner Thesen dahin, die Jäger und Sammler der Steinzeit seien die klügsten und geschicktesten Menschen der Geschichte.

Das lässt einen ziemlich perplex zurück. Aber Harari weiss Argumente anzuführen: Seit der landwirtschaftlichen Revolution (ab ca. 10 000 Jahren vor Christus) ist das Gehirn des Homo sapiens geschrumpft. Um zu überleben, mussten die Menschen der Steinzeit über hervorragende geistige Fähigkeiten verfügen. Sie lebten in kleinen Gruppen und waren auf sich selber gestellt. Da gab es keine Spezialisten, die ihnen dies oder jenes besorgt hätten.

Natürlich war einer in der Gruppe ein besserer Jäger, der andere ein findigerer Sammler. Ich wäre sicher ein Sammler gewesen, auch wenn ich das Körbchen ab und an irgendwo stehen gelassen hätte. Diese Jäger und Sammler mussten also eigenverantwortlich alle Aspekte des Lebens – vor allem die Kenntnis von Flora und Fauna – im Griff haben, um zu überleben. Natürlich wissen wir heute mehr als die Steinzeitmenschen, aber für sich genommen, hatten die Jäger und Sammler mehr drauf als unsereins.

Mit der Landwirtschaft und später der Industrie konnten sich unsere Vorfahren auf die Fähigkeiten der anderen verlassen. Es kam zur Ausbildung von Spezialisten, von Fachidioten, die auf ihrem Gebiet viel wissen, während sie auf anderen Gebieten keinen blassen Dunst haben. Das erlaubt es heute vielen Menschen, in gesellschaftlichen Nischen mit relativ geringen Kenntnissen zu überleben.

Wenn ich da an mich denke, muss ich sagen, dass ich von der technologisch fortgeschrittenen Zivilisation, in welcher ich lebe, kaum eine Ahnung habe. Ich werde von anderen versorgt, da ich kaum weiss, ob bei meinem Auto der Motor hinten oder vorn ist, und keinen blassen Schimmer habe, wie eine Glühbirne funktioniert. Spezialisten sind eine relativ neue Erscheinung. Noch zu Zeiten der Renaissance war das menschliche Ideal der allseitig gebildete «uomo universale».

Übrigens stellt Harari richtig, dass die Menschen weniger in der Stein- als in der Holzzeit lebten, die meisten ihrer Werkzeuge waren aus Holz. Wenn fast nur Steinwerkzeuge gefunden worden sind, dann liegt das daran, dass Stein dem Zahn der Zeit besser widersteht als Holz.

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