Freitagnachmittag in der Aarauer Altstadt: warme Pflastersteine, ein Brunnen plätschert vor sich hin, Löffel klimpern gegen Kaffeetassen. Tritt man von dieser sommerlichen Atmosphäre in den Theatersaal der Tuchlaube, begibt man sich in einer andere Welt – einen Mikrokosmos von Moos, Ästen und verwelkten Laubblättern, in dem eine Schnecke ihre schleimige Bahn zieht.

Das Kammerspiel «Das Geräusch einer Schnecke beim Essen» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die an einer viralen Krankheit leidet und jahrelang ans Bett gefesselt ist. Bereits kleinste Bewegungen bereiten ihr grosse Mühe. Eines Tages erhält die Frau einen Blumentopf geschenkt, in dem eine Schnecke drinsitzt. Nach anfänglicher Skepsis beginnt sie sich immer mehr für ihre neue Mitbewohnerin zu interessieren. Sie beschäftigt sich mit der faszinierenden Biologie der Schnecke und beobachtet ihre nächtlichen Exkursionen so genau, dass sie sogar deren Fressgeräusche hört.

Menschen werden fremder

Je mehr sich die Protagonistin mit dem Alltag und den Eigenarten der Schnecke befasst, desto fremder scheint ihr der Alltag der Menschen. Die Auseinandersetzung mit diesem fremdartigen Wesen wird so zu einem Hinterfragen der menschlichen Gesellschaft und ermöglicht den Zugang zu Themen wie Krankheit, Gemeinschaft und Isolation.

«Das Geräusch einer Schnecke beim Essen» basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Text der US-Autorin Elizabeth Tova Bailey. Regisseurin Irene Schaltegger und das Produktionsteam übertragen Baileys Text in ein Kammerspiel zwischen Schauspiel und Bewegungstheater, in dem die Lebenswelt der Schnecke und der Alltag der kranken Frau erlebbar gemacht werden. Videoprojektionen (David Haneke), die mal langsam über eine Baumrinde oder einen Waldboden gleiten, verwandeln die Bühne in ein Schneckenterrarium.

Die minimalistische Musik (Christoph Scherbaum), geprägt durch elektronische Klänge, Gitarren- und Klaviermelodien, verstärkt den Eindruck dieser fremden Erlebniswelt und widerspiegelt gleichzeitig die Isolation der Frau von der Aussenwelt. Innerhalb dieser Welt mimt Schauspielerin Ruth Huber (34) die nahezu bewegungslose Frau und Tänzerin Cornelia Hanselmann (34) die Schnecke.

Langsamkeit und Reduktion

«Als ich das Buch vor fünf Jahren las, gefiel es mir sofort, aber ich hielt den Stoff zunächst für ungeeignet fürs Theater. Später kam die Idee auf, ein schlichtes Stück zu inszenieren, das Langsamkeit und Reduktion beinhaltet, und ich kam wieder auf den Text zurück», so Huber. Dabei habe sie gleich von Beginn an eine Mischung aus textorientiertem und physischem Theater gedacht sowie an eine Zusammenarbeit mit Cornelia Hanselmann. In mehreren Treffen über die letzten Jahre hat das Duo zusammen mit der Regisseurin Schaltegger an der Ausarbeitung des Stoffes gearbeitet.

Hanselmann erklärt, dass sie für die Erschaffung ihrer Figur keine Schnecken beobachtet habe: «Es war mir wichtig, etwas Tierisches in meine Bewegungen einzubringen, aber für mich standen die Ergründung einer eigenen Bewegungssprache und die Fantasie einer Figur inspiriert vom Text im Vordergrund.» Tatsächlich findet sie vielzählige Variationen für die Bewegungen der Schnecke und schafft sogar das Kunststück, die Paarung von Schnecken mit feinem Humor darzustellen.

Tritt man zurück unter die zweibeinigen Wirbeltiere, ist man um eine aussergewöhnliche Erfahrung reicher und sehnt sich fast schon ein wenig nach dem meditativen Geräusch einer Schnecke beim Essen.