Kino

Mit einem Fuss in der Illegalität

Die Schweizer Darstellerin Ursina Lardi als Kommissarin Sonia Di Meo.

Die Schweizer Darstellerin Ursina Lardi als Kommissarin Sonia Di Meo.

Nicola Belluccis erster Spielfilm «Il Mangiatore di Pietre» zeigt die Momentaufnahme eines Bergdorfs an der französischen Landesgrenze.

Es ist ruhig geworden um die Flüchtlingskrise. Die Zahlen sind rückläufig, die Zeitungen berichten wenig darüber. Es könnte der Eindruck entstehen, dass die humanitäre Krise gebändigt ist. Aber die Dramen spielen sich im Verborgenen ab. Noch immer setzen Menschen auf dem Weg nach Europa Leib und Leben aufs Spiel.

Hier setzt der Film von Nicola Bellucci an. «Il Mangiatore di Pietre» spielt in einem Bergdorf in Piemont, an der Grenze zwischen Italien und Frankreich. Es ist Winter. Cesare (Luigi Lo Cascio), der einst Flüchtlingen über die gefährliche Gebirgskette nach Frankreich geholfen hat, lebt zurückgezogen in seiner Hütte. Seine einzige familiäre Beziehung ist sein Patensohn, und mit dem hat er sich zerstritten. Als ebendieser eines Tages tot aufgefunden wird, beginnt Cesare, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei kommt er der Kommissarin Sonia Di Meo (die Schweizer Filmpreisträgerin Ursina Lardi) in die Quere. Während Cesare sich mit ihr anlegt, stösst der junge Sergio (Vincenzo Crea) in einer verlassenen Scheune zufällig auf eine Gruppe illegaler Einwanderer. Sergio will helfen und wendet sich an den bergerprobten Cesare. Der hat eigentlich genug davon, sich mit dem Gesetz anzulegen, doch der Jüngere gibt nicht nach.

Belluccis erster Spielfilm

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Krimiroman des piemontesischen Schriftstellers Davide Longo. Regie führte Nicola Bellucci, dessen Dokfilm «Grozny Blues» über die Opfer des Tschetschenienkriegs 2015 für den Schweizer Filmpreis nominiert war. Der italienische Filmemacher mit Wohnsitz in Basel ist bekannt für seine Dokfilme, in denen er menschliche Dramen in der Nahaufnahme zeigt. «Il Mangiatore di Pietre» ist sein erster Spielfilm.

Karge Harmonie

Vor der prächtigen Bergkulisse versuchen Dorfbewohner und Polizei, ihre Geheimnisse zu wahren. Alle befinden sich mit mindestens einem Fuss in der Illegalität; es wird wenig gesprochen und dennoch viel gelogen. In ihren Ermittlungen sind sowohl Cesare und die Kommissarin gefordert, die Wahrheit zwischen den Zeilen herauszulesen.

Untereinander bieten sie sich ein elegantes Kräftemessen: Während sie sich gegenseitig mit Lügen überbieten, schimmert die Wahrheit fast unmerklich in Blicken und Andeutungen durch. Bald müssen sich beide eingestehen, dass sie ohne Kompromisse nicht zum Ziel kommen.

Der Film lebt von diesem feinfühlig inszenierten Spiel mit der Wahrheit. Im Zentrum der fesselnden Stimmung stehen der spröde Cesare und die kühle Commissario, überzeugend dargestellt von Luigi Lo Cascio und Ursina Lardi. So mystisch wie die Grenzregion im Piemont sind auch ihre Bewohner. Die Spannung des Krimis steigert sich langsam und genüsslich fast bis ins Unerträgliche, bevor sie sich in einer überraschenden Wendung entlädt.

Bellucci fängt mit seinem Film die Flüchtlingsthematik abseits der Schlagzeilen mit sensiblem Blick ein und macht auf schmerzliche Weise bewusst, dass weiterhin Menschenleben verloren gehen.

Il Mangiatore di Pietre (I /CH 2018), 109 Min. Regie: Nicola Bellucci. Ab 4. 4. im Kino. ★★★★☆

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Autor

Elisabeth König

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