Kultur

Mit einer Panflöte aus Brot: Der St.Galler Manuel Stahlberger ist wieder als Solo-Kabarettist unterwegs

«Die Korrektheit verbrösmelet»: Der St.Galler Kabarettist Manuel Stahlberger und seine Panflöte aus Brot.

«Die Korrektheit verbrösmelet»: Der St.Galler Kabarettist Manuel Stahlberger und seine Panflöte aus Brot.

Nach einer Tour mit seiner Band tritt Manuel Stahlberger wieder als Solo-Kabarettist auf. Auf der Bühne zeigt der St.Galler Schulhefte und kuriose Backwaren.

Für sein neues Soloprogramm hat Manuel Stahlberger gebacken: einen Feldstecher, eine Panflöte und einen Kaminfeger. Die kuriosen Backwaren liegen auf einer Holzpalette am Boden von Stahlbergers Atelier. Hier, im St.Galler Stadtzentrum, hat der Kabarettist in den letzten Monaten am neuen Soloprogramm gearbeitet. «Eigener Schatten» feiert am Montag in der St.Galler Kellerbühne Premiere. Und auch die Panflöte aus Brot kommt darin vor. Schon einmal hat Stahlberger sie verwendet, für einen seiner Kurzauftritte in der SRF-Sendung «Deville».

Auf dem Schreibtisch liegen Buntstifte, Cutter, Laptop, Diktiergerät, ein Buch voller russischer Tattoos und ein hautfarbener Ganzkörperanzug. Es sind Zeugen von Stahlbergers jüngsten Ideen. Manches probiert er auch in seinem Ministudio in der Ecke des Raums aus: Eine schalldichte Kabine mit Gitarre, Keyboard und Mikrofon. «Hier kann ich ungeniert experimentieren.»

Enzyklopädie mit Tattoos von russischen Verbrechern: Blick auf den Stahlbergers Schreibtisch in seinem St.Galler Atelier.

Enzyklopädie mit Tattoos von russischen Verbrechern: Blick auf den Stahlbergers Schreibtisch in seinem St.Galler Atelier.

Der 45-Jährige bäckt längst nicht mehr nur kleine Brötchen. Solo zählt er zu den besten Kabarettisten des Landes, und um seine Band Stahlberger kommt in der Schweizer Musikszene niemand herum. Soeben war Stahlberger zusammen mit Michael Gallusser (Gitarre), Dominik Kesseli (Schlagzeug), Christian Kesseli (Gitarre) und Marcel Gschwend (Bass) auf Tour und hat rund 30 Konzerte gegeben. «Dini Zwei Wänd», das vierte Album der St.Galler, überzeugte live von Schaffhausen bis Basel, von Arbon bis Bern.

Jetzt aber konzentriert sich Stahlberger wieder auf seine Soloauftritte. Zu viel möchte er noch nicht verraten. «Es wird ein bunter Abend», sagt er, als ginge es um eine lüpfige Unterhaltungsshow. Aber Manuel Stahlberger geht tiefer. Er wird natürlich wieder Lieder singen und seine knochentrockenen und gerade deswegen zum Schreien komischen Diaschauen zeigen.

In den ersten beiden Soloprogrammen projizierte er zum Beispiel Fotos von jenen Nummernzetteln, die man beim Warten auf der Post zieht. Anhand dieser Wegwerfpapierchen sinnierte Stahlberger über das Leben. Oder er zeigte Jasskarten und Piktogramme, die zunächst noch normal aussahen, aber nach und nach ins Absurde kippten.

Mit solchen Schräglagen und Kippmomenten arbeitet Stahlberger gern. In alltäglichen Situationen erkennt er das Aussergewöhnliche, aus banalen Handlungen seziert er das Unerhörte. «Es sind kleine Begebenheiten, die ich grösser mache, denen ich Platz gebe.» Das gilt sowohl für seine Lieder, seine Texte als auch für seine Zeichnungen.

Denn ja, der 45-Jährige schwingt auch gekonnt den Zeichenstift. Mit seiner Comicserie «Herr Mäder», von 1998 bis 2005 im Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» veröffentlicht, traf er einen Nerv. Die Figur des brötigen Einzelgängers Mäder hielt den St.Gallern den Spiegel vor. Stahlberger:

Mit Herrn Mäder aber habe er abgeschlossen. «Das ist abgerundet auf eine Art, mit der ich zufrieden bin.»

So pompös wie möglich auf der Bühne

Im neuen Kabarettprogramm wollte er ursprünglich über den eigenen Schatten springen, sich ins Rampenlicht stellen, den Zampano spielen. Also alles, wofür Manuel Stahlberger sonst gerade nicht steht. Der St.Galler ist vielmehr für seine leise, lakonische Art bekannt. Sein Humor ist trocken und zurückhaltend, oft wartet man vergeblich auf die erlösende Pointe.

Als Sänger seiner Band unterläuft Stahlberger ebenfalls alle Erwartungen, die das Publikum an einen Frontmann stellt. Keine Mitmachspiele, keine Show, keine Posen.

Deshalb schlug seine Tanzeinlage im letzten Soloprogramm ein wie eine Bombe: Auf der Kleinkunstbühne wurde es plötzlich dunkel, Stroboskopblitze zuckten, und Stahlberger schüttelte zu Clubmusik die Glieder. Ein bisschen Tanzen werde er auch diesmal, verspricht er:

Samt Musik, Rauch und Lichteffekten. Er habe sogar überlegt, Tanzstunden zu nehmen. «Ich war nahe dran. Doch das normale Leben war dann doch interessanter, und ich habe diesen Plan wieder vergessen.»

Manuel Stahlberger beim Interview in seinem Atelier im St.Galler Stadtzentrum.

Manuel Stahlberger beim Interview in seinem Atelier im St.Galler Stadtzentrum.

Den Zampano wird er im neuen Programm also kaum spielen. Stattdessen zeige er «gefakte Schulhefte». In Schnüerlischrift geschrieben, so wie man es früher lernte, und um handgezeichnete Karten und Abbildungen ergänzt. «Die Schulhefte hatten ja einen sehr reglementierten Inhalt, damals», sagt Stahlberger und bleibt beim Blättern auf einer Seite mit dem Titel «Das Mammut» hängen.

In diesem Moment kann man sich gut vorstellen, wie dieser «reglementierte Inhalt» bei Stahlberger auf der Bühne ins Absurde kippt. Wie das Mammut allmählich in Schräglage gerät und den Boden unter den Füssen verliert. Oder wie Stahlberger in schönstem St.Galler Dialekt formuliert:

Tipp:
17.–29.2.,
Kellerbühne, St.Gallen
(weitere Spieldaten hier.)

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