Museum für Gegenwartskunst
Der Kunstschatz von Cáceres: Ein Rundgang im spanischen Kunst-Hotspot

Das neue Museum für Gegenwartskunst ist der neue Kunst-Hotspot Spaniens. Auf einem Rundgang mit dem faszinierten Thomas Hirschhorn treffen wir auf zahlreiche Schweizer Künstler sowie auf sein eigenes Werk «Power Tools».

Manuel Meyer, Cáceres
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Im neuen Museum für Gegenwartskunst in Cáceres ist auch das Werk «Power Tools» vom Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn ausgestellt.

Im neuen Museum für Gegenwartskunst in Cáceres ist auch das Werk «Power Tools» vom Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn ausgestellt.

Manuel Meyer

Eigentlich hatte Thomas Hirschhorn gar keine konkreten Erwartungen vom Besuch des erst im Februar in Cáceres eröffneten «Museums für Gegenwartskunst Helga de Alvear». Vor allem wollte der berühmte Schweizer Installationskünstler (Bern, 1957) sein eigenes Werk «Power Tools» sehen, das hier ausgestellt wird.

Hirschhorn gibt derzeit einen Kunst-Workshop im Kunst- und Kulturzentrum Bombas Gens in der spanischen Mittelmeermetropole Valencia. So bot es sich nahezu an, in das kleine Provinzstädtchen Cáceres im Südwesten Spaniens nahe der Grenze zu Portugal zu fahren. Doch mit einem solchen Hingucker-Museum hatte er zugegebenerweise nicht gerechnet. «Schon das Gebäude ist erstaunlich». Es sei modern, füge sich aber sehr harmonisch in die mittelalterliche Altstadt von Cáceres ein, erklärt Hirschhorn.

Oliven-Installation von Rondinone

Schneeweisse Stahlbetonpfeiler bilden das Gerippe des würfelartigen Gebäudes. Vor dem von Emilio Tuñón entworfenen Kunstwürfel, der bereits mit zahlreichen internationalen Architekturpreisen ausgezeichnet wurde, steht die Olivenbaum-Installation des Schweizer Bildhauers Ugo Rondinone.

Museum für Gegenwartskunst Helga de Alvear in Cáceres.

Museum für Gegenwartskunst Helga de Alvear in Cáceres.

Manuel Meyer

Bereits im Eingangsbereich des Museums beginnen Thomas Hirschhorns Augen beim Anblick des fast sieben Meter langen und mit 60'000 Perlen handgefertigten Kronleuchters «Descending Light» zu leuchten. Weltstar Ai Weiwei kritisiert mit dem auf dem Boden liegenden Leuchter die kapitalistischen Auswüchse seiner kommunistischen Heimat China.

Daneben hängen die «Beautiful Fake Paintings» von Popkunst-Ikone Damien Hirst und ein grossformatiges Bild des deutschen Fotokünstlers Frank Thiel, das den halb abgerissenen Berliner Palast der Republik zeigt. Hirschhorn hält sich aber nicht lange vor ihnen auf. Im nächsten Saal haben Goyas Druckgrafiken «Los Caprichos» von 1799 seine Aufmerksamkeit geweckt, mit denen der Einfluss des spanischen Altmeisters auf zeitgenössische Künstler gezeigt werden soll.

Danach folgt auf vier Etagen verteilt eine Art Reigen des Who’s Who der internationalen zeitgenössischen Kunstszene: Paul Klee, Pablo Picasso, Wassili Kandinsky, Lucio Fontana und Cy Twombly. Hirschhorn verliert sich in der Echo-Spiegel-Rauminstallation von Olafur Eliasson, bleibt vor den Fotoarbeiten von Cindy Sherman, Candida Höfer und Tacita Deans «Gräberfeld» stehen. Die abstrakten Gemälde von Imi Knoebel und James Casebere scheinen ihn besonders zu faszinieren.

Rund 200 Werke werden in der Eröffnungsausstellung gezeigt. Das ist allerdings nur ein kleiner Einblick in die Kollektion der deutsch-spanischen Galeristin und Kunstsammlerin Helga de Alvear, die sich hier in Cáceres ihren Lebenstraum von einem eigenen Stiftungsmuseum erfüllt hat. Mit über 3000 Werken handelt es sich um eine der grössten und bedeutendsten privaten Kunstsammlungen Europas überhaupt. Neben Paul Klee, Thomas Hirschhorn und Ugo Rondinone befinden sich 16 weitere Schweizer Künstler wie Danielle Buetti, Peter Fischli oder Adrian Schiess in der Kollektion.

«So ein Museum erwartet man eher in Barcelona oder Madrid, aber nicht hier in Cáceres. Ich bin stolz und glücklich, dass mein Werk Teil dieser bedeutenden, sensiblen und energievollen Sammlung ist und in solch einem wundervollem Museum zu sehen ist», meint Hirschhorn.

Langsam wird er allerdings nervös. Man spürt sein Verlangen, endlich sein eigenes Werk zu sehen. Er weiss, dass sich seine «Power Tools» gleich im nächsten Raum befinden. Die «Familien»-Skulptur von Louise Bourgeois nimmt er auf dem Weg in den Nachbarraum gar nicht mehr wahr.

Werkzeuge können auch Waffen sein

Die mit Klebeband umwickelten Karton-Äxte reichen fast bis an die Decke des Ausstellungsraums. Dazwischen füllen überdimensionale Karton-Bücher, Schweizer Taschenmesser, mit Werkzeug behängte Schaufensterpuppen, aus bunten Lego-Steinen zusammengesetzte Gewehre sowie Bretter und Eimer voller Nägel den Raum. «Es ist interessant, diese Arbeit nach 14 Jahren in diesem neuen Kontext widerzusehen. Es ging darum zu zeigen, dass Werkzeuge auch Waffen sein können und man wissen muss, warum und wie man sie benutzt», erklärt Hirschhorn, während er versucht, neben seinen Äxten wie Ferdinand Hodlers «Holzfäller» zu posieren.

Nach 14 Jahren sieht Thomas Hirschhorn sein Werk «Power Tools» im neuen Museum für Gegenwartskunst Helga de Alvear im spanischen Cáceres wieder.

Nach 14 Jahren sieht Thomas Hirschhorn sein Werk «Power Tools» im neuen Museum für Gegenwartskunst Helga de Alvear im spanischen Cáceres wieder.

Manuel Meyer

In diesem Sinne versteht er auch seine Kunst als Werkzeug. Werkzeuge – wie die Kunst – können konstruieren, aber auch zerstören. Helga de Alvear liebt Kunst, die hinterfragt, kritisiert, Sachen zerstört, um Neues zu schaffen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass «Power Tools» zu ihren Lieblingswerken gehört.

Das Werk wurde 2007 in der Ausstellung «Swiss Made – Präzision und Wahnsinn» in Wolfsburg gezeigt und schlug ziemlich hohe Wellen. Vor allem die Vitrine, in der Zeitungsfotos Kriegsschauplätze auf der ganzen Welt zeigen, während Werbeüberschriften den dargestellten Horror beschönigen. Hirschhorn brandmarkte die Schweiz als Waffenexporteur, zerstörte das idyllische Bild der neutralen Schweiz.

Der damalige Bundesrat Christoph Blocher war empört, versicherte, der in Paris lebende Künstler werde nicht mehr in der Schweiz ausstellen, solange er Regierungspolitiker sei. «Ich verliebte mich sofort in das Werk und kaufte es. Dabei hatte ich es nur auf Zeitungsfotos über die Wolfsburger Ausstellung gesehen», erklärt Helga de Alvear, die 85-jährige Industrieerbin der Rheinischen Kunststoffwerke (RKW), während sie mit Hirschhorn durch den «Power Tools»-Raum geht.

Vor Thomas Hirschhorn waren auch schon Stararchitekt Norman Foster und Ai Weiwei in Cáceres, um Spaniens neuen Kunst- und Architektur-Hotspot persönlich kennen zu lernen, der mitten in der Coronapandemie vom spanischen Königspaar eingeweiht wurde. Wegen des «Museo de Arte Contemporáneo Helga de Alvear» schaffte es Cáceres sogar auf die prestigeträchtige Liste der «World´s Greatest Places 2021» der renommierten «Time».

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