In knapp einer Woche legt Michael Schneider die Geschäftsleitung des Künstlerhauses Boswil nieder. Doch von Laisser-faire oder langsamem Ausklingenlassen keine Spur! Wegen seines vollen Terminkalenders treffen wir uns an seinem Wohnort Aarau zum Zmorgekaffee.

Was war für Sie in 13 Jahren als Geschäftsführer des Künstlerhauses legendär?

Michael Schneider: Es gibt viele legendäre Momente. Beim letzten Konzert des Jugendorchesters Freiamt dachte ich: Ich weiss nicht, ob nun das besser ist oder das Meisterkonzert mit Andras Schiff! Das Niveau der Meisterkonzerte ist sensationell. Aber die Begeisterung bei diesen Jugendprojekten ist genauso inspirierend und bewegend, auf einer anderen Ebene. Dieses Miteinander ist das Spezielle am Künstlerhaus Boswil.

Auch das Motto des Boswiler Sommers ist dieses Jahr «Legendär!», das der Lenzburgiade: «Vive l’Argovie!». Muss man als Musikfestival heute mit Ausrufezeichen arbeiten?

Nicht unbedingt. Das Marktschreierische liegt uns nicht. Vielleicht hätte man es ohne Abstriche auch «legendär» ohne Ausrufezeichen nennen können. Wir versuchen, in die Tiefe zu gehen, was Qualität, was unsere Arbeit angeht. Und: Wir haben ein sehr versiertes, sehr interessiertes Publikum – und eines, das die Nähe zu Interpreten schätzt.

Dafür haben Sie einigen Rummel ausgelöst, als Sie 640 Menschen zum Kuhglockenensemble versammelten – und es ins Buch der Rekorde schafften. Oder als Sie Stockhausens Helikopterquartett mit vier Helikoptern in Boswil aufführten!

Ab und zu tut es gut, solche Akzente zu setzen, die für mich als Geschäftsführer zu 70% auch Marketing sind. Ohne diese ist es extrem schwierig, die überregionalen Medien nach Boswil zu locken. Gleichzeitig ist es auch eine Möglichkeit, auf unkonventionelle Art für Musik und ihre Wirkung zu sensibilisieren.

Abgesehen vom Helikopterquartett ist Boswil kein Ort, wo Stars einfliegen und ein Programm abspulen, sondern ein Ort, wo sie verweilen.

Viele Stars wie Sabine Meyer kommen sehr gerne nach Boswil. Weil sie sich hier ausklinken, diese Ruhe geniessen können.

Die Alte Kirche ist räumlich beschränkt, ist das in dieser Hinsicht ein Vorteil?

Günter Grass hat in den 1960er-Jahren gesagt: «Boswil ist der Ort, das Neue zu versuchen, ohne vorschnell nach dem Gelingen zu fragen.» Diese Aura von Boswil ist immer noch präsent. Aber es ist nicht mehr möglich, sich darauf zu beschränken. Heute fördern wir jährlich 250 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und machen vieles – bis hin zu Bruckners Vierter Sinfonie.

Bruckners riesig besetzte Sinfonie? Dann bleibt für die Zuhörer kein Platz in der Kirche ...

Nein, nein (lacht), es waren 80 Musiker und 250 Personen im Publikum. Es war gut gefüllt. Man kann hier wirklich etwas bewegen.

Im Juni treten sich im Aargau Musikfestivals gegenseitig die Türen ein. Wird da die Luft knapp?

Wir lassen uns nicht ablenken von anderen Festivals, sondern konzentrieren uns auf unsere Qualitäten. Es wird oft von der Krise der klassischen Musik gesprochen, von der Überalterung. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir auf unser Publikum zählen können, aber wir müssen immer Topniveau bieten, auf sämtlichen Ebenen. Von den Musikern, die wir einladen, bis hin zum Unterrichtsangebot.

Und die Überalterung?

Mir scheint sie nicht so sehr ein Problem. Wir haben in den Konzerten ohnehin ein altes Publikum. Heute kann man zwar auch mit 80 Rolling Stones hören. Aber gemäss Umfragen ist Klassik immer noch eines der Hauptgenres für ein Publikum über 50.

Sie hören offiziell am zweiten Tag des Boswiler Sommers auf. Sind Sie dann weg?

Ich muss im Juni ein Stück für Cembalo und Streichquartett für das Kunstmuseum Luzern fertig komponieren. Ich bin offiziell weg, komme aber im August nochmals zurück mit einem Mandat für verschiedene Aufgaben im Stiftungsarchiv und in der Baufinanzierung.

Es wird der erste Boswiler Sommer seit 13 Jahren, der ohne Sie abläuft. Auf welches Konzert hätten Sie sich gefreut?

Als Beatles-Fan natürlich auf das White Album! Obwohl das untypisch ist für den Boswiler Sommer. Ich freue mich auch auf das Eröffnungskonzert mit Gustav Holst und Mahler – da bin ich offiziell dabei. Und auf die letzte Matinee, wo wir gleichzeitig die Eröffnung der wunderbaren Klanginstallation Pleasure Garden feiern, für die wir 1,3 Kilometer Kabel rund um das Künstlerhaus verlegt haben.

Ihr Nachfolger Samuel Steinemann steht fest. Verlassen Sie das Künstlerhaus mit freiem Herzen oder Wehmut?

Es fühlt sich gut an, weil ein sehr guter neuer Geschäftsführer kommt. Trotzdem: Ein Boswiler Abend heisst Nostalgie. Und natürlich ist auch bei mir Nostalgie dabei. Aber auch das Gefühl, dass ich erreichen konnte, was ich erreichen wollte, und nun gerne nochmals etwas Neues anpacken möchte.

Haben Sie etwas Neues in Aussicht?

Es ist noch nichts spruchreif.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Es war ein sehr schwieriger Start 2006, mit einer langen Vakanz vorher. Es ging wirklich darum: Kann das Haus weiter existieren? Das Budget war weniger als halb so gross, sehr vieles war nicht auf professionellem Niveau. Es folgte eine gewaltige Aufbauarbeit mit Riesenenergie, auch schlaflosen Nächten. Zentral war 2010 das neue Kulturgesetz des Kantons, ohne das hätten wir es nicht geschafft, und die Ernennung zum kantonalen Leuchtturm. Was nicht heisst, dass wir keine Arbeit mehr haben. Aber wir können einigermassen solide arbeiten. Das macht mich stolz.

Kamen Ihre Geschäfts- und künstlerischen Interessen sich auch in die Quere?

Damit konnte ich gut umgehen. Das Problem ist eher die Arbeitsbelastung. Es ist ein Job, der Nerven kostet. Ich sage immer: Diese Leuchttürme zu führen – das ist nicht nur ein Schoggijob. Man muss den ganzen Betrieb am Leben erhalten.

Sie haben einmal gesagt, die Luft sei dünner geworden in den letzten 30 Jahren.

Nicht einfacher geworden ist es, bestehende, erfolgreiche Projekte zu finanzieren. Die Förderstiftungen werden immer spezifischer, die Reaktion ist oft: Das kennt man ja schon. Trotzdem brauchen diese Projekte gleich viel Ressourcen wie damals, als sie neu waren.

Gibt es denn zu wenig Ressourcen?

Der grosse Wachstumsmarkt im Bereich Finanzierung liegt bei privaten Mäzenen. Und in der Schweiz sind sehr viele Finanzmittel vorhanden. Aber es herrscht die Tendenz, diese bei sich zu behalten. Das philanthropische Bewusstsein der USA, wo jede Treppe mit dem Mäzen angeschrieben ist, gibt es hier nicht. Der Aargau ist ein sehr hartes Pflaster. Grundsätzlich fliessen private Mittel in Natur-, Kinder- und humanitäre Projekte.

Sie haben es trotzdem geschafft, zwei grosse Bauprojekte zu realisieren.

Beim neuen Foyer wurde das erste Mal im Kanton ein Anbau an eine denkmalgeschützte Kirche bewilligt. Und das multifunktionale Siegristenhaus wird ab 2021 eine neue Basis für den ganzen Betrieb bilden. Das sind substanzielle Entwicklungen. Wir haben über 8 Millionen Franken akquiriert, die gesamte Finanzierung sichergestellt, und das neben dem laufenden Betrieb. Der Umbau wird das Künstlerhaus in die Zukunft führen.

Weshalb?

Das Künstlerhaus ist stetig gewachsen, vom Künstler-Altersheim über einen Think Tank zum heutigen Musikzentrum. Die Liegenschaften blieben jedoch seit 1970 immer im selben Zustand. Wir waren überall am Platzen. Es war ein strategisch wichtiger Schritt, das Siegristenhaus auszubauen und umzunutzen.

Auch wenn Sie dann nicht mehr in Boswil sind?

Das Interessante in der Geschäftsführung ist: Man schaut immer zurück, zieht Fazit. Gleichzeitig ist man immer in der Gegenwart, weil der laufende Betrieb funktionieren muss. Und man muss immer den Horizont in die Zukunft richten. Auch wenn man selber nicht mehr dabei sein wird.

Was hätten Sie gerne noch gemacht?

Als ich mich in Boswil vorstellte, hatte ich ein Projekt präsentiert: «Händel im Freiamt». Ich wollte die ganze Zuglinie der S 26 einen Tag lang über die Lautsprecher mit Händel bespielen. Das Projekt ist zwar nie zustande gekommen, aber eine Stärke des Künstlerhauses ist und bleibt die Kreativität – wir können uns also auch in Zukunft auf spannende Impulse freuen.

Michael Schneider (*1964) ist Komponist, Musikwissenschaftler und Kulturmanager